Wäre Luther nicht gewesen

19.04.17

Aus Anlass des Gedenkens an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren griffen erwartungsgemäß auch etliche Autoren mit einer kritischen Sicht auf Martin Luther zur Feder. Der Münchener Schriftsteller Michael Lösch schließt sich in seinem inhaltlich weit ausgreifenden Buch mit dem Titel „Wäre Luther nicht gewesen. Das Verhängnis der Reformation. Ein Thesenbuch“ der Auffassung an, Luther habe mit seiner Theologie eine „gnadenlose Prädestinationslehre“ festgeschrieben.
Gemeint ist die traditionelle kirchliche Lehre von der freien Gnadenwahl Gottes. Nicht minder hart geht der Autor mit dem Menschen Martin Luther ins Gericht. Für ihn war Luther kein friedfertiger Reformer, sondern ein engstirniger Revolutionär, der die Konfrontation riskierte und dadurch Glaubenskriege und namenloses Leid heraufbeschworen habe.
Lösch ist der Sohn eines lutherisch-orthodoxen Pfarrers. Er hat sich mit Luther und der Reformation intensiv auseinandergesetzt. Seinen Thesen muss man nicht im Einzelnen folgen, man kann sie aber mühelos akzeptieren. In seinem Buch stellt er zahlreiche Freidenker und Reformatoren des späten Mittelalters bis zur Lutherzeit vor. Im Vergleich mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam und anderen fortschrittlichen Denkern seiner Zeit steht Luther aus seiner Sicht als sturer Prinzipienreiter da.
Löschs zentrale These lautet, dass die Geschichte der frühen Neuzeit ohne Luther friedlicher verlaufen wäre. Die Ausgleich suchenden Reformatoren der zweiten Riege mit Erasmus und Phi-lipp Melanchthon an der Spitze hätten das kirchliche Reformwerk ebenfalls erfolgreich durchgeführt, jedoch ohne die Mächtigen in Staat und Kirche gegeneinander in Stellung zu bringen, lautet sein Credo. Lösch stößt sich an Luthers Selbstgewissheit in jeglichen Belangen. Von seiner Bereitschaft, unter bestimmten Umständen Gewalt zu befürworten, fühlt er sich abgestoßen. Luthers Mordaufrufe gegen die revoltierenden Bauern im Frühjahr 1525 und sein 1543 verfasstes Hass-pamphlet gegen die Juden repräsentierten nur die Spitze des Eisbergs, meint der Autor.
Zunächst wird im ersten Kapitel des Buches ein schillerndes Zeitpanorama des 14. bis 16. Jahrhunderts entfaltet. Technische Neuerungen ermöglichten den Europäern Entdeckerfahrten und damit die Expansion auf andere Kontinente. Die Welt veränderte sich nachhaltig, doch es war eine „janusköpfige Zeit“. Verheerende Katastrophen wie die Pestepidemien hatten zu einer Abnahme der Glaubensgewissheit geführt, desgleichen die weltliche Pracht- und Machtentfaltung des Papsttums. Schwärmer und Häretiker, die eine große Anhängerschaft fanden, wurden von der Kirche verfolgt und hingerichtet. Wäre Luther zeitgleich mit Jan Hus, Wilhelm von Ockham oder John Wycliffe in die Welt getreten, hätte er trotz seiner Sprachmacht auch nur eine begrenzte Wirkung gehabt, glaubt Lösch.
Im letzten Drittel des Buches beschäftigt er sich mit „Luthers Werden“. Dass dieser in seinen 95 Thesen die angemaßten Vollmachten des Papstes anprangerte, wirkte wie ein Türöffner. Die Ablass-Tournee des Dominikaners Tetzel im Deutschen Reich hatte vielen die Augen geöffnet. Mit dem Mittel des Buchdrucks und dank seiner „gläubigen Unduldsamkeit“ habe ein großer, in der Provinz wirkender Prediger der Welt die Pistole auf die Brust setzen können. Im Übrigen sei ihm der Zufall zur Hilfe gekommen: Er trat zur rechten Zeit am rechten Ort in die Öffentlichkeit. Durch die Unterstützung mehrerer Fürsten gelang es ihm sogar, eine neue Kirche zu gründen, was ursprünglich gar nicht seine Absicht gewesen war.
Schließlich verweist Michael Lösch auf Luthers Reformationswerk als Auslöser der Gegenreformation, was ihn zur Überlegung veranlasst: Hätte es ohne Luther die Inquisition nicht gegeben? Mögen solche Fragen auch manchem zu weit gehen, so ist das Buch doch eine anregende Lektüre zum Eintauchen in die Epoche der heraufdämmernden Neuzeit.  

Michael Lösch: „Wäre Luther nicht gewesen. Das Verhängnis der Reformation. Ein Thesenbuch“, dtv Verlagsgesellschaft, München 2017, broschiert, 239 Seiten, 15,40 Euro


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