Aktion »Big Raushole« scheiterte

Mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer wollte die Rote Armee Fraktion den Staat erpressen

11.09.17
Mithilfe eines Mercedes (rechts) und eines

44 Tage der Lähmung. Des wirren Aktionismus. 44 Tage der Ohnmacht und Angst im Herbst des Jahres 1977. Sie begannen vor 40 Jahren am Morgen des 5. September mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, spitzten sich dramatisch mit der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ zu und endeten mit der Ermordung Schleyers am 18. Oktober 1977.

Das Losungswort für die Aktion „Big Raushole“ war der Titel eines Schlagers: „Mendocino“. Für die Entführer, Peter-Jürgen Boock, Sieg­linde Hofmann, Willy Peter Stoll und Stefan Wisniewski war es das Zeichen, dass Hanns Martin Schleyer sein Büro in Köln verlassen hatte und sich auf dem Weg in seine Dienstwohnung befand. Die Entführer warteten am späten Nachmittag des 5. September in einem Café. Als die Losung telefonisch genannt wurde, bauten sie die Falle auf. In die fuhren der Mercedes des Arbeitgeberpräsidenten, gesteuert durch dessen Fahrer Heinz Marcisz, und der Wagen mit den Personenschützern, den Polizeibeamten Reinhold Brändle, Helmut Ulmer und Roland Pieler.
Kurz vor Schleyers Wohnung musste der Fahrer scharf bremsen – auf der Straße stand ein Kinderwagen. Daneben ein rückwärts auf die Straße gefahrener Mercedes. Schleyers Wagen stoppte, der Polizeiwagen fuhr auf. Das Kommando der Rote Armee Fraktion (RAF) eröffnete das Feuer. Fahrer Heinz Marcisz und die Personenschützer starben im Kugelhagel, Hanns Martin Schleyer wurde entführt.
Bei der unmittelbar darauf ausgelösten Fahndung war man sich sicher, das Versteck der Entführer bald ausfindig zu machen. Tatsächlich wurde der VW-Bus, in dem Schleyer abtransportiert worden war, bereits am nächsten Tag in einer Tiefgarage gefunden. Die zu dem Stellplatz gehörende Wohnung allerdings war leer. In dem Bus fand sich ein Zettel, auf dem ein RAF-Kommando erklärte, Schleyer entführt zu haben. Es verschleppte sein Opfer in eine Wohnung des Kölner Hochhauses Zum Renngraben 8.
Am folgenden Tag lag im Briefkasten eines Dekans in Wiesbaden ein Umschlag mit der Aufschrift „an die Bundesregierung“. Darin steckten zwei Fotos von Schleyer, auf einem hielt er ein Schild: „Gefangener der RAF“. Das „kommando siegfried hausner“ verlangte in einem Schreiben „die gefangenen aus der raf, andreas baader, gudrun ensslin, jan-carl raspe, ve­re­na becker, werner hoppe, karl-heinz dellwo, hanna krabbe, bernd rösner, ingrid schubert, irmgard möller“ freizulassen.
Bundeskanzler Helmut Schmidt entschied: Zeit gewinnen, kein Austausch. Die Regierung verhängte eine Nachrichtensperre.
Wahrscheinlich hat Schleyer die ersten zehn Tage nach seiner Entführung – zeitweise in einem mit Schaumstoff ausgekleideten Wandschrank – in der Wohnung Zum Renngraben 8 verbracht. Die Adresse war der Polizei frühzeitig bekannt. Nicht einmal 48 Stunden waren vergangen, als ein Revierbeamter eine verdächtige Wohnung entdeckte, bei der es mehr als einen Hinweis auf ein Versteck gab. Der Hauptmeister meldete seinen Verdacht und dann – geschah nichts. Die Meldung war in eine falsche Ablage gelegt worden.
Es entwickelte sich ein anhaltender Nervenkrieg. Die größte konzentrierte Fahndung der Bundesrepublik glich der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Über Nacht wurden die eingespielten Strukturen der Polizei aufgegeben, alle Fäden liefen bei dem Präsidenten des Bundeskriminalamtes, Horst Herold, zusammen. Oder auch nicht. Die Fahndung gestaltete sich zunehmend chaotisch. Eine Fristverlängerung der Entführer reihte sich an die nächste.
Vergeblich hatte der Sohn des Entführten, Hanns-Eberhard Schleyer, beim Bundesverfassungsgericht eine einstweilige Anordnung beantragt, welche die Bundesregierung zwingen sollte, auf die Forderungen der RAF einzugehen.
Die Entführer wechselten mehrfach mit ihrem Opfer das Quartier. Ab 16. September befand sich Schleyer in einem Haus in Den Haag. Die Polizei observierte das Versteck, griff aber erst zu, nachdem der Gefangene nach Brüssel verschleppt worden war. Dort blieb Schleyer bis zu 18. Oktober.
Das war der Tag, an dem die GSG 9 auf dem Flugplatz von Somalias Hauptstadt Mogadischu in das entführte Passagierflugzeug „Landshut“ stürmte und dessen Passagiere befreite. Die Maschine war am 13. Oktober von einem Kommando der mit der RAF kooperierenden Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) entführt worden. Das hatten RAF und PFLP gemeinsam in Bagdad geplant. Sie wollten damit die Bundesregierung zusätzlich unter Druck setzen. Die jedoch gab nicht nach.
Nach einem Irrflug war die entführte „Landshut“ schließlich in Mogadischu gelandet. Dort wurde sie von der GSG 9 bei deren erstem großen Einsatz gestürmt. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder konnten befreit werden. Der Flugkapitän war zuvor von den Entführern erschossen worden.
RAF-Häftling Jan-Carl Raspe erfuhr aus dem Radio von der Erstürmung. Über eine heimlich gebaute Wechselsprechanlage informierte er die Mithäftlinge. In derselben Nacht erschossen sich Andreas Baader und Jan-Carl Raspe mit Pistolen, Gudrun Ensslin erhängte sich. Irmgard Möller überlebte schwer verletzt. Die Waffen hatte ein Rechtsanwalt in den Hochsicherheitstrakt geschmuggelt.
Mit drei Schüssen in den Hinterkopf töteten die Entführer Hanns Martin Schleyer nach der Todesnacht von Stammheim. Wer schoss, ist nicht geklärt. Stefan Wisniewski und Rolf Heißler wurden als Schützen benannt. Der tote Schleyer wurde am 19. Oktober im Kofferraum eines im elsässischen Mülhausen abgestellten Audi gefunden. Den Ort hatte Silke Maier-Witt in einem Bekennerschreiben angegeben: „Wir haben nach 43 Tagen Hanns-Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen.“
20 Mitglieder der RAF standen im Verdacht, an der Schleyer-Entführung beteiligt gewesen zu sein. 17 wurden verurteilt, zwei bei der Festnahme erschossen. Friederike Krabbe wurde nie gefasst und gilt als verschollen.    Klaus J. Groth


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