Als der Luxus schwimmen lernte

Vor Ort in Papenburg: Das Milliardengeschäft mit den Kreuzfahrtschiffen

07.02.12
Gigantisch: Nicht nur die Schiffe sind beachtlich, auch das Auftragbuch der Werft ist bis 2015 gefüllt. Bild: Nigel Treblin/dapd

Während andere deutsche Werften Pleite gehen, ist die Meyer-Werft in Papenburg zu einem der Weltmarktführer geworden. Doch wieso ist das so?

Gigantisch. Da steht der Besucher in dieser Halle, in die locker fünf Fußballfelder passen würden, und kommt sich ganz winzig vor. Die Halle ist fast 600 Meter lang. Hier werden Schiffe gebaut, riesige Schiffe, die in dieser gigantischen Halle aber gar nicht mehr so groß wirken. Zuletzt lag da die „Disney Fantasy“ auf Kiel, 340 Meter lang, ausgelegt für über 4000 Passagiere und 1500 Besatzungsmitglieder. Anfang Januar lief der Kreuzfahrt-riese zu erfolgreichen Probefahrten aus, am 9. Februar soll er der „Disney Cruise Line“ übergeben werden. Derweilen wird im Baudock II bereits der nächste Gigant auf Kiel gelegt.
Wir sind in Papenburg im Emsland und sehen den weltweit mo-dernsten Schiffsbaubetrieb, die Meyer-Werft. Das in sechster Generation familiengeführte Unternehmen, 1795 gegründet, war schon immer dem Fortschritt verschrieben. 1872 wurden hier die ersten Eisenschiffe mit Dampfmaschine gebaut, 1964 die ersten RoRo-Autofähren. Als erstes Kreuzfahrtschiff der Meyer-Werft lief 1986 die „Homeric“ vom Stapel. Seit der Luxus schwimmen lernte, wurden hier über 30 Nobel-Liner gebaut, immer größer und immer teurer. Bei zwei bis drei Auslieferungen pro Jahr liegt der Umsatz oberhalb einer Milliarde Euro.
Vom Stapel läuft hier allerdings längst nichts mehr. Die Kreuzfahrtschiffe werden in zwei riesigen überdachten Baudocks montiert, mit immer wieder verfeinertem technischen Know-how. Eine halbe Milliarde Euro wurde in den letzten Jahren in die Optimierung von Arbeitsprozessen investiert. Dem zunehmenden Fachkräftemangel begegnet Meyer mit über 300 Ausbildungsplätzen und einer firmeneigenen Fortbildungsakademie.
Firmenchef Bernard Meyer lässt sich auch von den Horrorbildern aus Italien nicht schrecken. Die Kreuzfahrt sei „nach wie vor eine der sichersten Arten zu reisen“, bekundet er und zeigt sich optimistisch, dass trotz der Havarie der „Costa Concordia“ die Menschen „das Vertrauen in die Kreuzfahrt nicht verlieren“ werden.
Angesichts der fernöstlichen Konkurrenz braucht man allerdings auch eine gute Portion Optimismus. Denn Chinesen und Koreaner tun alles, um sich von diesem lukrativen Milliardenmarkt einen immer größeren Anteil zu sichern. Direkte staatliche Subventionen, gezielte Währungsmanipulation, Billigstlöhne, inakzeptable Arbeitsbedingungen, lasche Sicherheits- und Qualitätsnormen – dagegen hat eine deutsche Werft einen schweren Stand.
Bislang aber kann Meyer sich gut behaupten. Noch schätzen die großen Reedereien Verarbeitungsqualität, Sicherheit und technische Innovation „made in Germany“. Und noch sind sie bereit, dafür angemessene Preise zu zahlen.
So ist die Werft bis 2015 ausgelastet, hat weltweit mehr als ein Drittel aller Aufträge in ihren Büchern. Im laufenden Jahr werden drei Kreuzfahrtschiffe und ein Gastanker ausgeliefert. Das spektakuläre Auslaufen über die Ems wird – wie gehabt – begleitet vom Beifall tausender begeisterter Zuschauer und von der Kritik einiger unbelehrbarer Greenpeace-Aktivisten.
1997 hatte Meyer die Neptun-Werft in Rostock-Warnemünde übernommen, die kurz nach dem Ende der DDR den Betrieb einstellen musste. Seit 2001 werden hier wieder Schiffe gebaut. Heute sind die Auftragsbücher wieder gut gefüllt: acht Flusskreuzfahrtschiffe und ein Forschungsschiff. Neptun beschäftigt 400 Mitarbeiter und 70 Auszubildende; etwa gleich viele Arbeitsplätze in Zulieferbetrieben in der Region Rostock sind dem wieder erstarkten Traditionsunternehmen zu verdanken. 
Hans-Jürgen Mahlitz


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