Als die »Perle des Ostens« britisch war

Vor 20 Jahren endeten 156 Jahre Kolonialherrschaft – Hongkong wurde mit der Volksrepublik China vereint

10.07.17
Die Flaggen des Vereinigten Königreiches und seiner Kronkolonie Hongkong sind eingeholt und die der Volksrepublik China und seiner Sonderverwaltungszone Hongkong gehisst: Festakt zum Übergang Hongkongs vom UK an die VRC Bild: Imago

Mit einigem Recht lässt sich sagen, dass vor zwei Jahrzehnten das Empire endgültig unterging. Denn mit Hongkong verlor das Vereinigte Königreich seine letzte bedeutende und wirtschaftlich tragfähige Kolonie.

Die Kolonisierung der „Perle des Ostens“ durch die Briten erfolgte in kleinen Schritten. Einerseits schaute man voller Neid auf die Portugiesen, die seit 1557 von Macao aus einen schwunghaften und sehr profitablen Handel mit chinesischen Waren wie Seide, Tee oder Gewürze betrieben. Andererseits wollte sich Großbritannien nicht den lukrativen Handel mit Opium entgehen lassen, der bei den Chinesen aufgrund der verheerenden gesellschaftlichen Folgen erheblichen Widerstand hervorrief. Ab 1838 sollte schrittweise der Import verboten werden. Im März 1839 vernichteten die Chinesen große Mengen dieses Suchtmittels und wiesen die britischen Händler an, sich auf ihre vor Hongkong ankernden Schiffe zurückzubegeben.
Ein halbes Jahr später, zu Beginn des Ersten Opiumkrieges, besetzten die Briten dann die damals noch sehr dünn besiedelte Insel, deren Name später auf die ganze Kronkolonie übertragen wurde. 1841 trat China das Gebiet formell ab, und durch den Vertrag von Nanking 1842 endete zunächst die kriegerische Auseinandersetzung zwischen beiden Ländern.
Die weiterhin aggressive Politik Londons führte aber 1856 zum Zweiten Opiumkrieg, nach dessen Ende 1860 die Halbinsel Kowloon, Land der Neun Drachen, von Peking abgetreten werden musste. Jahrzehnte später, am 1. Juli 1898, verpachtete China für 99 Jahre zusammen mit 235 Inseln die „New Territories“ an die Briten. Gerade in der Endphase der britischen Kolonialherrschaft in China ga­ran­tierten diese die Zufuhr von Trinkwasser, frischem Obst und Gemüse.
Die beindruckende Entwick­lung, die aus einem Fischerdorf mit rund 1500 Einwohnern und dem klangvollen Namen „Dufthafen“ eines der weltweit bedeutendsten Finanzzentren schuf, war nicht sofort abzusehen. Der britische Verhandlungsführer Charles Eliot geriet sogar zunächst in die Kritik, denn Hongkong hatte nie zuvor einen Hafen gehabt, und sein enormes Potenzial war nicht für jedermann ersichtlich.
Doch dies sollte sich bald ändern. Die britische Übernahme führte zu einer beeindruckenden Bevölkerungszunahme. 1844 lebten dort bereits 19000 Menschen, darunter nicht nur Briten, sondern auch viele andere Europäer und vor allem Chinesen, die in deren Unternehmen arbeiteten. 1861 zählte man schon 120000 Einwohner und der Platz wurde langsam knapp. Zusätzlich gewann die Stadt große Bedeutung für die chinesische Auswanderung nach Singapur, Malaya, Kalifornien und Indonesien. Bis 1931 stieg die Zahl der Einwohner auf 879000.
Wenige Wochen nachdem Großbritannien am 8. Dezember 1941 den Krieg erklärt hatte, am 25. Dezember 1941, fiel Hongkong den Japanern in die Hände und blieb bis August 1945 japanisch besetzt. Die Einwohnerzahl sank in jenen Jahren auf etwa 600000, die wirtschaftliche Aktivität kam weitgehend zum Erliegen. Von diesem Aderlass erholte sich Hongkong durch die Flüchtlingswelle nach dem Sieg der Kommunisten unter Mao Tse-tung im Bürgerkrieg gegen Tshiang Kai-scheks nationalchinesische Truppen. 1950 betrug die Wohnbevölkerung 2,3 Millionen. Durch die kommunistische Revolution in China war zwar das wirtschaftliche Hinterland weggebrochen, doch dieses vermeintliche Desaster erwies sich letztendlich als Glücksfall, denn auch die nachbarliche Konkurrenz war verschwunden, und so entwickelte sich die Metropole zu einem Zentrum der Leichtindustrie.
Doch ging diese Entwicklung nicht ohne politische Konflikte ab. Insbesondere während der Mitte der 60er Jahre von Mao ausgerufenen Kulturrevolution kam es in der Kronkolonie zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und unzufriedenen Arbeitern. Die Regierung reagierte darauf mit verstärktem Wohnungsbau, Infrastrukturprojekten und einer neuen Arbeitsgesetzgebung. Formaljuristisch stand 1997 nur die Rück­gabe des 1898 gepachteten Landes auf dem Programm. Doch als der damalige Gouverneur Murray MacLehose im März 1979 während seiner ersten offiziellen Reise dem chinesischen Staatschef Deng Xiaoping gegenüber das Thema Hongkong anschnitt, wurde schnell deutlich, dass China nur eine vollständige Rückgabe aller drei Teile als sogenannte special region zum 30. Juni 1997 akzeptierte. 1982 teilte Deng dem Sonderbevollmächtigten der Premierministerin Margaret Thatcher und vormaligen Premier Edward Heath mit, dass ab 1997 China Hongkong gemäß dem Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ regieren würde.
Im gleichen Jahr reiste die „Eiserne Lady“ selber ins Reich der Mitte, um die Angelegenheit zu besprechen. Nach zähen viermonatigen Verhandlungen bestätigte dann die chinesisch-britische Erklärung vom 19. Dezember 1984, dass am 30. Juni 1997 um Mitternacht Hongkong als Ganzes an China zurückfällt.
Ab Juni 1985 traf sich eine 58 Mitglieder starke Kommission in Peking, um eine neue Miniverfasssung für Hongkong auszuarbeiten. Chinas Nationaler Volkskongress verabschiedete die endgültige Fassung im April 1990. Am 9. Juli 1992 trat der konservative Politiker Chris Patten seinen Posten als Hongkongs letzter Gouverneur an. Ihm fiel die Aufgabe zu, die immer näherrückende Übernahme durch die Volksrepublik vorzubereiten. Von ihm unternommene Reformversuche betrachteten viele im In- und Ausland als nicht weitgehend genug und vor allem als zu spät begonnen. Erwartungsgemäß standen die chinesischen Kommunisten solch einem Vorgehen mit großem Misstrauen gegenüber.
Nach mehreren Monaten Pause wurden am 22. April 1993 die beiderseitigen Verhandlungen wieder aufgenommen. Anfang 1996 bildete sich in Peking ein Ausschuss aus 150 Mitgliedern, um jene 400 Personen zu bestimmen, die den künftigen starken Mann Hongkongs wählen sollten. Es sollte der steinreiche Geschäftsmann Tung Chee-hwa werden. Im Herbst 1996 waren sich China und das Vereinigte Königreich schließlich über die konkreten Einzelheiten der Machtübergabe einig.
Am 30. Juni 1997 gingen mit dem Hissen der Hongkonger und der chinesischen Fahnen 156 Jahre britische Herrschaft zu Ende. Schon am nächsten Tag rückten über 4000 Soldaten der Volksbefreiungsarmee dort ein. Die neuen Herren hatten es eilig.    Markus Matthes


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