»Alternative Fakten sind gut«

Ein Interview mit den Wissenschaftkritikern Heike Diefenbach und Michael Klein

16.06.17
Gewollter blinder Fleck in der Forschung: Korruption in den Parteien und ihren Stiftungen Bild: Colourbox

So radikal wie sie prangert keiner Verschwendung, Fehler und Versäumnisse im Wissenschaftsbetrieb an. Heike Diefenbach und Michael Klein betreiben die Internetseite „ScienceFiles“. Im Interview erklären sie, was wirklich von den March-for-Science-Aktionen zu halten ist. Sie beschreiben, wie es Querdenkern ergeht und sprechen über einen der größten Forschungsbetrüge der Neuzeit.

PAZ: Hier die ehrlichen Wissenschaftler, dort die verlogenen Politiker, die sich ihre eigene Wirklichkeit zurechtbiegen und das Ganze auch noch höhnisch „alternative Fakten“ nennen. Mit den March-for-Science-Demonstrationen haben Tausende Wissenschaftler für den Wert ihrer Arbeit und gegen eine „postfaktische Ära“ demonstriert. Jemand, der mit „Science Files“ immer wieder unlautere Einflussnahmen aus der Politik anprangert, müsste eine solche Bewegung doch begrüßen, oder nicht?
Heike Diefenbach: Hinter einigen Forderungen stehe ich ganz und gar. Auch ich bin dafür, den Wert von Wissenschaft für die Menschheit deutlich zu machen. Mit Interesse und mit Respekt muss man ihr begegnen. Sie darf sich nicht von politischen oder ideologischen Gruppierungen instrumentalisieren lassen. Sie darf nicht dazu missbraucht werden, bloß politisch Korrektes als faktisch Korrektes darzustellen. Das sind auch für mich wichtige Anliegen.

PAZ: So wie Sie das vorbringen, klingt es, als ob jetzt ein ziemlich gewichtiges „aber“ folgen würde?
Diefenbach: Ja, und das lautet kurz gesagt: Da die institutionalisierte Wissenschaft, insbesondere die Sozialwissenschaft, längst in weiten Teilen zu einer Legitimationsveranstaltung politischer oder ideologischer Inhalte und Vorgaben geworden ist, muss man es von vornherein als suspekt einstufen, wenn sich gerade ihre Vertreter in der Öffentlichkeit für „Wissenschaft“ stark machen wollen.

PAZ: Institutionalisierte Wissenschaft? Was verstehen Sie darunter?
Diefenbach: Das ist die Wissenschaft, die aus öffentlichen Geldern finanziert an Universitäten oder anderen Forschungseinrichtungen von vom Staat angestellten oder verbeamteten Lehrkräften betrieben wird. Sie hat sich zu großen Teilen an die Politik verkauft. Sie akzeptiert Fördergelder, die ausschließlich für politisch erwünschte Forschung bereitgestellt werden. Sie ist bereit, zusätzliche Stellen für Lehrpersonal einzurichten, obwohl diese Leute speziell für die Vermittlung von politisch-ideologischen Inhalten und eben nicht für die Vermittlung und Produktion ernstzunehmender Forschungsergebnisse angestellt werden. Sie werden dann auch nicht nach dem Leistungsprinzip ausgewählt, sondern nach irgendeinem für die Wissenschaft völlig irrelevanten Merkmal wie dem Geschlecht, was ja beim Professorinnenprogramm des Ministeriums für Bildung und Forschung der Fall ist. Ähnlich ist die Etablierung der sogenannten Gender Studies zu sehen.
Michael Klein: Für mich hat der March for Science daher auch nichts mit Wissenschaft zu tun. Die Märsche sind ein Deckmantel, unter dem Aktivisten versuchen, sich einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Nehmen sie doch den Begriff „alternative Fakten“. Ihn als antiwissenschaftliches Gegenmodell anzuführen, ist reine Ideologie. Wissenschaft lebt geradezu von alternativen Erklärungen. In der Regel gibt es widerstreitende, widersprüchliche, ambivalente oder uneinheitliche Ergebnisse. Kaum ein Forscher findet nur Dinge, die seine Hypothesen stützen, und wenn er sie finden würde, wäre ein solcher Forscher so überrascht, dass er gleich neu prüfen würde, eben weil man in der Regel nicht mit eindeutigen Ergebnissen konfrontiert ist. Wer allen Ernstes behaupten will, es gebe unumstößliche Fakten in der Theoriewelt der Wissenschaft, der sollte in die Kirche gehen und dort die unumstößlichen Fakten der jeweiligen Glaubensgemeinschaft anbeten.

PAZ: Aber erwartet man von der Wissenschaft nicht, dass sie Gesetzmäßigkeiten aufzeigt und nachvollziehbare Erkenntnisse liefert?
Klein: Ja, aber Wissenschaft hat zunächst einmal die Überprüfung von Hypothesen zum Gegenstand und setzt Zweifel voraus. Zweifel zum Beispiel daran, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Wären die Marschierer an Wissenschaft interessiert, würden sie die Argumente, die von denen vorgebracht werden, die am menschengemachten Klimawandel zweifeln, freudig aufnehmen und prüfen. Sie würden nicht für die Richtigkeit ihrer Überzeugung marschieren, sondern sie neuen Tests unterziehen.
Diefenbach: Mit der Idee der Wissenschaft sind Floskeln wie die von „alternativen Fakten“ oder dem „Postfaktischen“ unvereinbar. Es gibt nur Sachverhalte, die – bis auf Weiteres – als Fakten gelten können, und Behauptungen oder Vermutungen, bei denen es sich gemäß des aktuellen Wissensstandes nicht um Fakten handelt. Für mich sind die March-for-Science-Aktionen eine Art Mogelpackungen, mit denen die Öffentlichkeit hinters Licht geführt wird. Sie sind nachweislich eine Reaktion auf Ängste, die bei US-amerikanischen institutionalisierten „Wissenschaftlern“ durch den Wahlerfolg Donald Trumps ausgelöst wurden. Er ist bekanntermaßen nicht davon überzeugt, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt. Also lehnt er es ab, für dessen Bekämpfung auch noch große Summen von Steuergeldern aufzuwenden. Ähnlich ist es bei den sogenannten Gender Studies. Sie werden von Steuerzahlern finanziert, die an ihnen – im besten Fall – kein Interesse haben. Trump steht auch dieser Pseudowissenschaft kritisch gegenüber.

PAZ: Man kann es ihm nicht verdenken. Die Gender Studies, also die Geschlechterforschung, beschäftigen sich nach eigenen Angaben mit dem Verhältnis von Geschlecht zu Kultur, Gesellschaft sowie Wissenschaften. Mittlerweile gibt es allein in Deutschland weit über 200 Professuren dafür. Ein Kritiker hat Gender Studies einen der größten Fälle von Forschungsbetrug in der Neuzeit genannt. Sie, Herr Klein, haben einmal gesagt, dass es keinen einzigen Genderisten auf einem Lehrstuhl gibt, dem es bislang möglich war, selbst die einfachsten Fragen zur wissenschaftlichen Grundlage, Methodik und Methodologie seines Faches zu beantwortet.
Klein (nickt): Gender Studies sind auch in diesem Zusammenhang ein gutes Beispiel. Ausgerechnet jene, die in der Vergangenheit mit Genderismus, Konstruktivismus, Dekonstruktivismus und Rekonstruktivismus dafür gesorgt haben, dass wissenschaftliche Methode, Nachvollziehbarkeit, Validität und Reliabilität von Ergebnissen an den Universitäten immer mehr verdrängt worden sind, haben jetzt den Begriff „Postfaktische Ära“ aufgebracht. Wenn sich diejenigen, die nicht zwischen einem grammatikalischen oder einem biologischen Geschlecht unterscheiden können, die von mehr als zwei Geschlechtern fabulieren oder erzählen wollen, alles sei subjektiv konstruiert und nichts verbindlich, über das „Postfaktische“ aufregen, dann wirkt dies auf mich, als würde ein Brandstifter Anstoß an Feuer nehmen.

PAZ: Da gehen Sie mit ihren Wissenschafts-Kollegen aber ganz schön hart ins Gericht.
Klein: Nicht so hart wie es der Wissenschaftsbetrieb mit denjenigen tut, die sich nicht an die herrschenden Denkverbote halten. Nehmen Sie den Berliner Historiker und Gewaltforscher Jörg Barberowski. Als Lieblingsgegner eines Reputations-Lynchmobs aus Studenten und Journalisten soll er von seinem Lehrstuhl gemobbt beziehungsweise persönlich diskreditiert werden. Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat es mit einer Studentenstasi im eigenen Vorlesungssaal zu tun. Werner Patzelt, Professor für Politikwissenschaft in Dresden, wird als „Pegida-Versteher“ von Studenten und Kollegen verunglimpft, weil man sich mit seinen Argumenten nicht messen kann. Das Muster ist immer dasselbe. Wenn die Forschungsergebnisse eines Wissenschaftlers den ideologischen Überzeugungen der Wutstudenten oder Wutjournalisten nicht passen, wird der Mensch – ad hominem – angegriffen, und zwar genau von denen, die angeblich so sehr an Toleranz und Vielfalt und Freiheit interessiert sind.
Diefenbach: Wer sich derzeit keine Denkverbote auferlegen lassen möchte, also Wissenschaft im eigentlichen Sinn betreiben will, tut dies am besten außerhalb der Institutionen. Das ist noch nicht einmal unbedingt ein Missstand. Es kann nicht schaden, wenn man daran erinnert wird, dass Wissenschaft etwas ist, was man tut. Es ist eine Art methodische zu Denken und zu Arbeiten. Man folgt ihr, wo immer sie einen hinführen mag. Wissenschaft ist nicht etwas, was man vorfindet, wenn man ein bestimmtes Gebäude betritt. Wissenschaftler ist derjenige, der bereit ist, nicht nur Vorannahmen und Vermutungen anderer Personen in Frage zu stellen, sondern auch die eigenen. Er ist bereit, Forschungsergebnisse als solche zu akzeptieren, egal, wie sie ausfallen mögen.

Das Interview führte Frank Horns


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