Am Rande der Panik

Nun auch noch Italien: Die Euro-Regierungen sind mit ihrem Latein am Ende

13.07.11
Der nächste Gefahrenherd für den Euro: Wenn Italien im Schuldensumpf versinkt, befürchten Experten eine Katastrophe. Bild: pa

Das Gerede über eine „Verdoppelung des Rettungsschirms“ für Italien ist nichts als ein Ausweis der Hilflosigkeit. Die Verantwortlichen wissen nicht weiter.

Eine an Panik grenzende Nervosität hat die europäischen Hauptstädte ergriffen, seit nun auch Italien in die Riege der „Wackelkandidaten“ hinab zu sinken droht. Schon die Rettungsschirme für die Schulden Griechenlands, Portugals und Irlands haben die Zahlerländer an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit getrieben. Italiens Volkswirtschaft ist mehr als doppelt so groß wie jene der drei Pleiteländer zusammen. Eine „Rettung“ nach dem bisherigen Muster ist daher völlig illusorisch.
Dass dennoch von einer Verdoppelung des Euro-Rettungsschirms auf 1500 Milliarden Euro geredet wird, ist Ausweis der beängstigenden Hilflosigkeit der politischen Akteure. Sie flüchten sich in die Aufblähung offenkundig gescheiterter Instrumente, weil sie schlicht nicht weiter wissen. Während die Euro-Finanzminister noch daran tüfteln, wie man Griechenlands Schulden strecken könne, um einen hellenischen Staatsbankrott („Umschuldung“) zu vermeiden, sprechen es selbst prominente Politiker mittlerweile offen aus: Griechenland sei nicht zu retten, offenbarte Ex-Finanzminister Peer Steinbrück, die „Umschuldung“ sei unvermeidlich.
Allerdings könnte der letzte mögliche Zeitpunkt für eine „geordnete Teilinsolvenz“ bereits verstrichen sein. Dafür wäre ein Mindestmaß an Vertrauen nötig, so Finanzexperten. Dieses Vertrauen aber habe die Politik durch ihre falschen, wirklichkeitsfremden Versprechen, ihr gnadenloses Schönreden und den Bruch unzähliger Regeln selbst soweit zerstört, dass Hellas vermutlich in einen chaotischen Zusammenbruch steuere.
Der Groll der Politik richtet sich abermals auf die Rating-Agenturen. Dass die Agenturen weder neutral noch uneigennützig agieren, ist dabei eine Binsenweisheit. Allerdings waren es die europäischen Politiker, welche dem Urteil der Agenturen selbst quasi Gesetzesrang einräumten. Das rächt sich nun an allen.
Wieder wurde jetzt die Idee einer europäischen Rating-Agentur als Gegengewicht zu den US-Firmen aufgeworfen. Indes: Erstens gibt es bereits europäische Rating-Agenturen. Zweitens würde eine weitere, auf Initiative der EU gegründete Agentur sofort in den Verdacht geraten, Gefälligkeitsurteile zu fällen.
Es ist ein berechtigter Verdacht: Österreichs Kanzler Werner Faymann verlangt von den Agenturen mehr „Einfühlungsvermögen“ in die Probleme der Europäer. Was das heißen kann, ist längst bekannt: Als EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia (Spanien) schon 2005 die Ungereimtheiten der griechischen Haushaltszahlen zur Sprache bringen wollte, vergatterte ihn der portugiesische EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Ganz im „europäischen“ Sinne wurde seither einfühlsam über Athens Phantasie-Zahlen hinweggesehen – bis es zu spät war. Hans Heckel


Kommentare

Jochen Reimar:
13.07.2011, 12:24 Uhr

Bei einer Währung, bei der mittlerweile 1.500 Mrd im Notfallkoffer sein müssen, geht es doch eigentlich schon nicht mehr um die Summe an sich. Da ist doch etwas ganz anderes im Argen, nämlich die Konstruktion als solche.
Die wird jedoch nicht in Frage gestellt, stattdessen wird die Dosis des Medikaments immer weiter erhöht, bis der Tod eintritt. Doch nicht nur der Patient stirbt igrndwann daran, sondern vor ihm noch die behandelnden Ärzte, das ist das Groteske an dieser Situation.
Die Ärzte sollten dringend Abstand nehmen und erst einmal eine gründliche Diagnose vornehmen. Und dann ggf. amputieren statt kurieren!


Jürgen Kunz:
14.07.2011, 10:00 Uhr

Dass der Euro eine politische Fehlkonstruktion ist, hat sich ja nun langsam herum gesprochen.
Eine allmähliche und geordnete Rückbesinnung zu den nationalen Währungen hin, wird von politischer Seite abgelehnt.
Damit läuft das Ganze zwangsläufig auf eine Währungsreform im Weltmaßstab hinaus, denn auch der Dollar ist am Ende, auch der Yen.
Ich denke schon, dass bei den Verantwortlichen in Brüssel und Washington bis Tokyo längst an Plänen für diesen Fall gearbeitet wird. Es kommt, wie immer für die Bevölkerungen, auf die Details, die Durchführungsbestimmungen an.
"Rasiert" werden diesmal die Vermögenden. Kleine Guthaben werden sicherlich kaum an Wert verlieren. Die EU fürchtet nämlich um soziale Aufstände und Verwerfungen. Ich würde die neue Währung nach dem Muster der Währungsunion von 1990 den Bevölkerungen aufzwingen.


Steffen Gotthardt:
14.07.2011, 21:08 Uhr

Die Laienspielschar in Berlin und Brüssel kann es nicht und so werden weiter Milliarden an Steuergeldern verbrannt. Bürger so geht es nicht weiter, daher Petition https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=18123
mitunterzeichnen.


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