Arbeitsagentur schlägt Alarm

Rasanter Anstieg der Zahl der Minijobber gefährde die Alterssicherung und sei unsozial

31.10.17
Minijobs werden von Arbeitnehmern wie Arbeitgebern geschätzt: Aufsteller In München Bild: Imago

Die Zahl der Minijobber in Deutschland steigt. Experten zeigen sich zunehmend alarmiert. Eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, verdeutlicht das geradezu explosionsartige Wachstum der Nebenjobs hierzulande.

Im ersten Quartal dieses Jahres hatten demnach 3,07 Millionen Angestellte, Selbstständige oder Beamte einen Nebenjob. Die Zahl der Menschen, die mehr als einer Erwerbstätigkeit nachgehen, hat sich demnach seit dem Jahr 2003 mehr als verdoppelt.
Unter einem Minijob versteht man eine geringfügige Beschäftigung, die steuerfrei ist. Seit dem 1. Januar 2013 dürfen Minijobber bis zu 450 Euro im Monat verdienen, ohne Steuern oder Abgaben zahlen zu müssen. Das heißt, sie bekommen am Ende des Monats denselben Netto-Lohn, wie sie brutto verdient haben. Von der Möglichkeit, in die Rentenkasse einzuzahlen, lassen sich die meisten Arbeitnehmer befreien. Lediglich der Arbeitgeber überweist einen Pauschalbetrag für Sozialbeiträge und Steuern an die Minijob-Zentrale.
Die IAB-Experten kritisierten bei der Präsentation ihrer Studienresultate mit Nachdruck, dass der Staat die Minijobs durch Steuer- und Abgabefreiheit subventioniere. „Dies ist unnötig und sollte gestrichen werden“, sagte IAB-Forschungsdirektor Enzo Weber. Dem Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und Strukturanalysen“ am IAB und Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg zufolge sei es sozialpolitisch kurzsichtig, Geringverdiener durch die Förderung von Minijobs in die Mehrfachbeschäftigung zu treiben. Nötig sei vielmehr, die Einkommensmöglichkeiten im Hauptberuf zu verbessern und neue Anreize zu schaffen. „Die Menschen im Nebenjob zu entlasten, setzt sie nur auf das falsche Gleis“, sagte Weber gegenüber dem Internetportal N24.
Nach der Auffassung der Linkspartei steckt hinter den Zweitjobs vor allem finanzielle Not. „Für immer mehr Beschäftigte reicht das Einkommen aus einem Job nicht mehr aus“, hat Linken-Fraktionsvize im Bundestag, Sabine Zimmermann, kürzlich kritisiert.
Weber hält diese Behauptung für nicht belegbar. Die Motive für die Aufnahme eines Nebenjobs lassen sich nach seiner Ansicht grob in zwei Kategorien ordnen. Wenn – erstens – eine Person in ihrer Hauptbeschäftigung nicht so viele Stunden arbeiten könne, wie sie möchte, verdiene sie in der Regel auch ein geringeres Einkommen als gewünscht beziehungsweise nötig. „Beispielsweise kann dann ein Nebenjob notwendig werden, um das Haushaltseinkommen zu sichern, wenn ein Familienmitglied arbeitslos geworden ist oder in Kurzarbeit arbeiten muss; oder wenn ein Partner nach der Ehescheidung unterhaltspflichtig wird und nur noch knapp über die Runden kommt. Dieses erste Motiv fasst alle Gründe zusammen, die aus arbeitszeitlichen beziehungsweise finanziellen Beschränkungen heraus zur Aufnahme eines Nebenjobs führen.“
Daneben gebe es aber auch ein zweites Motiv, das Experten als „Portfolio-Motiv“ bezeichnen. Demzufolge gehe es den Nebenjobbern mehr darum, den Hauptjob um Tätigkeiten zu ergänzen, die Spaß machen oder Prestige einbringen. Beispiele seien der Universitätsprofessor, der als Berater in Wirtschaft oder Politik tätig ist, oder aber der Fließbandarbeiter, der abends gegen Entgelt Konzerte mit der Band gebe. Es sei aber kaum zielführend, dass diese Gruppe steuerlich entlastet werde, sagt Weber.
Die Frage, ob das Geld zum Überleben gebraucht werde oder ob es ein nettes Zubrot sei, lasse sich nicht eindeutig beantworten. Die speziellen Begünstigungen für Nebenjobber kritisierte Weber im Gespräch mit „Spiegel-Online“. „Die allermeisten sind nicht in der Rentenversicherung, und die große Arbeitsmarktintegration oder berufliche Entwicklung findet über einen Nebenjob üblicherweise auch nicht statt“, sagte der Experte. „Für die meisten ist die Aufnahme eines zweiten Jobs daher ohne Alterssicherung, ohne berufliche Weiterbildung und mit einem zweiten Anfahrtsweg verbunden.“
Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds Nord, Uwe Polkaehn, hat von der künftigen Bundesregierung daher eine Kehrtwende in der Minijob-Politik gefordert. Solche Arbeitsangebote dürften nur noch zugelassen werden, „wenn die Arbeitgeber ab dem ersten Euro die vollen Sozialversicherungsbeiträge auf die erbrachten Arbeitsleistungen zahlen“, erklärte er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. „Der Boom der Neben- und Minijobs zeigt, dass sich die Arbeitgeber hier ein Schlupfloch geschaffen haben, um aus den Sozialversicherungssystemen auszusteigen.“ Das verstärke den Trend zu Billiglohn und Altersarmut.
Die IAB-Autoren betonen, „dass eine Ausweitung der Erwerbstätigkeit durch Anreize zu belohnen, mit Blick auf die finanzielle Selbstständigkeit der Arbeitnehmer wie auch mit Blick auf Fachkräfteengpässe grundsätzlich richtig ist“. Zudem sei gerade für Geringverdiener, die am ehesten Nebenjobs ausüben, die (Sozial-) Abgabenbelastung in Deutschland im internationalen Vergleich recht hoch. „Die Begünstigung einer zweiten Beschäftigung bei einem anderen Arbeitgeber ist aber nicht das richtige Instrument, um hier gegenzusteuern. Erstens profitieren von der Regelung auch viele Gutverdiener. Zweitens leisten kleine Nebenjobs gerade für die Personen, für die es besonders wichtig wäre, kaum einen Beitrag für eine nachhaltige berufliche Entwick­lung und Alterssicherung.“    Peter Entinger


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Kommentare

Beate Müller:
8.11.2017, 17:52 Uhr

Da sind die Ehefrauen, die über ihre Ehemänner krankenversichert sind und keine Lust haben Sozialabgaben zu zahlen leider nicht mit aufgeführt worden. Weil die Rente aber so kaputtgeredet und gespart wurde, sehen Betroffene auch keinen Vorteil in die Rentenkasse einzubezahlen. Wer weiß ob ich überhaupt noch Rente bekomme, also warum einzahlen? Ehegattensplitting müsste da auch abgeschafft werden, um Anreize für Ehefrauen zu schaffen, mehr zu verdienen. Das viele, vor allem im Einzelhandel nur Teilzeitverträge bekommen, weil im Krankheitsfall fällt nur die Halbe Kraft weg ist auch so ein Unding. Aber Minijobs waren durch den Mindestlohn doch eher im Rückzug, den Boom gab es vor mehr als 10 Jahren, wo es Bäckereien oder Supermärkre gab, nur Aushilfskräfte für 400 Euro arbeiteten, bzw. Vollzeitkräfte Mangelware wurden. Aber für Rentner sollte es weiterhin die Zuverdienstmöglichkeit geben - sie bezahlen ja die Krankenkasse ein und in die Rentenkasse braucht man dann auch nicht.


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