Arbeitskräfte zum Nulltarif

Ein neues Konzept für Langzeitarbeitslose sehen Experten kritisch

16.07.17

Nach der Schaffung der Ein-Euro-Jobs für Inländer und 80-Cent-Jobs für Asylsucher plant das Bundesarbeitsministerium nun zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit (BA) die Vermittlung von Hartz-IV-Beziehern an öffentliche und private Arbeitgeber zum Nulltarif. Die Vermittelten gehen arbeiten und erhalten weiter staatliche Transferleistungen. Den Arbeitgebern entstehen vorerst keine Kosten, denn im ersten Jahr des Beschäftigungsverhältnisses übernimmt die Agentur die volle Bezahlung. Im zweiten Jahr soll das Unternehmen dann zehn und im dritten Jahr 20 Prozent des Lohnes tragen. „Die hohe Förderung soll dem Arbeitgeber einen Anreiz zur Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen geben“, heißt es dazu aus dem Ministerium.
Bremen wurde für das 2018, also erst nach der Bundestagswahl, beginnende Pilotprojekt als Versuchsfeld gewählt. Das muss kein Zufall sein. Fast jeder sechste Einwohner des Stadtstaates lebt von Grundsicherung. Aus dem Bun­des­arbeitsministerium heißt es dazu, man wolle „nachhaltige Chancen für Langzeitarbeitslose schaffen“.
Das Ganze ist nicht mehr und nicht weniger als ein Paradigmenwechsel. Lange Zeit wollten die Verantwortlichen von einem sozialen Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose nichts wissen. Vorherrschende Philosophie war, dass es in Zeiten des Jobbooms für jeden eine Chance auf reguläre Arbeit geben müsse. Doch während die Beschäftigung steigt und steigt, verharrt die Zahl der Langzeitarbeitslosen seit Jahren bei rund einer Million.
Erst in seiner Schlussphase gab der inzwischen abgelöste BA-Chef Frank-Jürgen Weise zu erkennen, dass er sich für einen harten Kern Lohnsubventionen vorstellen kann. Sein Nachfolger Detlef Scheele wurde jetzt konkreter: Von einen sozialen Arbeitsmarkt könnten deutschlandweit bis zu 200000 schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose profitieren – vorausgesetzt, die notwendigen Milliarden stehen zur Verfügung. Die Grundidee lautet: Statt Hartz IV und Wohnung wird ein regulärer, sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz finanziert. Langzeitarbeitslose kommen so aus dem Hilfebezug raus und nehmen am normalen Arbeitsleben teil. In Betracht kommen „marktferne Menschen, die mittel- bis längerfristig keine Chance auf eine Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt haben“. Arbeitsmarktexperten sehen das Vorhaben allerdings skeptisch: Die Gefahr ist groß, dass die Gratisarbeitskräfte regulär angestellte Beschäftigte verdrängen. Neue Arbeitslosigkeit wäre die Folge.
Zimperlich waren die Arbeitsagenturen allerdings auch in der Vergangenheit nicht, wenn es darum ging, ihren „Kunden“ Jobs anzubieten. Nach der Legalisierung der Prostitution wurden arbeitslosen Frauen tatsächlich entsprechende Arbeitsstellen offeriert, kombiniert mit der Drohung, die gewährten Leistungen zu kürzen, wenn das Vermittlungsangebot ausgeschlagen werden sollte. Erst 2009 schob das Bundesarbeitsgericht dem einen Riegel vor. Das schien sich aber nicht überall herumgesprochen zu haben. 2013 wurde einer 19-Jährigen von der Arbeitsagentur Augsburg eine Stelle an der Theke eines Eros Centers angeboten. Ein Versehen, wie dann der Chef der Agentur behauptete.
     Hans Lody


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Arnold Schacht:
17.07.2017, 12:57 Uhr

Da bleibt eine Frage: Wieso soll ein Unternehmen für etwas bezahlen, was es kostenlos haben kann? Fest angestellte Aushilfen oder solche von Leihfirmen werden entlassen und dafür ein Kostenlossklave eingestellt. Der wird nach einen Jahr ersetzt usw.usf. Das ist das Problem mit den Marktradikalen: Sie gehen davon aus, dass die Arbeitslosen das System missbrauchen. Aber dass auch die heiligen Unternehmer Missbrauch betreiben können, fällt ihnen nicht ein.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.