Auch Adenauer war nicht alternativlos

Ein politisches Leben vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik – Der erste Kanzler Nachkriegsdeutschlands starb vor 50 Jahren

17.04.17
War mit seiner rheinischen Heimat immer besonders eng verbunden: Konrad Adenauer vor dem Kölner Dom Bild: action press

Was für ein politisches Leben! Es umfasst die Spanne vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und den NS-Staat bis zur Bundesrepublik Deutschland. Immer war Konrad Adenauer dabei. Am 19. April 2017 jährt sich der Todestag des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland zum 50. Mal.

Am 5. Januar 1876 in Köln geboren, blieb Adenauers rheinische Herkunft so deutlich hörbar wie die katholische Prägung erkennbar. Nach juristischem Staatsexamen arbeitete er als Rechtsanwalt in Köln. Als Mitglied der katholischen Zentrumspartei wurde er Beigeordneter, ab 1909 Erster Beigeordneter. Damit vertrat er den Oberbürgermeister, einen Onkel seiner Ehefrau. Während des Ersten Weltkrieges entwickelte Adenauer im Ernährungsdezernat beachtliche Kreativität. Ein von ihm gebackenes Brot aus Reis und Maismehl ließ er als „Kölner Brot“ patentieren. Weil seine Ersatzstoffe wenig schmackhaft waren, nannten ihn die Kölner „Graupenauer“. Dennoch wählten die Stadtverordneten „Graupenauer“ 1917 zum Oberbürgermeister.
Ein Erlass des Preußen-Königs machte ihn zum jüngsten Oberbürgermeister seiner Zeit. Er blieb in diesem Amt bis 1933, kurzzeitig übernahm er es nach 1945 noch einmal. Deutlich kürzer war seine Mitgliedschaft im Preußischen Herrenhaus, in das Adenauer kraft seines Amtes als Oberbürgermeister kam. Das Revolutionskabinett aus SPD und USPD löste 1919 diese Erste Kammer des Preußischen Landtages auf.
Das beschädigte die politische Karriere Adenauers nicht. Von 1920 bis 1933 war er Präsident des Preußischen Staatsrates. Mehrfach wurde er als Kandidat für das Amt des Reichskanzlers ins Gespräch gebracht, obwohl er sich für eine Trennung von Preußen und ein autonomes Rheinland einsetzte. Letztendlich aber blieb der „König des Rheinlandes“ Oberbürgermeister von Köln, das Amt schien ihm sicherer zu sein.
Weniger auf Sicherheit bedacht war er, als er sich 1928 mit Glanzstoff-Aktien verspekulierte. Als seine Schulden drohten, öffentlich bekannt zu werden, lieh er sich ein Aktienpaket und deponierte es bei der Deutschen Bank. Die behauptete anschließend, Adenauers Konto sei ausgeglichen. Die Episode scheint kennzeichnend für Adenauers Winkelzüge zu sein.
Von ähnlicher Qualität waren auch seine ersten „Auseinandersetzungen“ mit den Nationalsozialisten. Die hatten 1931 Hakenkreuzfahnen an der Rheinbrücke aufgehängt. Adenauer ließ sie entfernen. Den folgenden Zorn federte er ab. Die Aktion war mit der NSDAP-Kreisleitung abgesprochen, Adenauer hatte im Gegenzug das Hissen der Fahnen vor der Messehalle erlaubt, dort wurde Hitler erwartet. 1934 wies Adenauer den NS-Innenminister darauf hin, er habe damit gegen einen Erlass des preußischen SPD-Innenministers verstoßen. Das war, nachdem Adenauer 1933 das Amt des Kölner Oberbürgermeisters verloren und in der Abtei Maria Laach Unterschlupf gefunden hatte.
Die Zeit bis zum Ende der NS-Herrschaft überdauerte Adenauer als Pensionär, von den Nazis immer wieder drangsaliert, aber finanziell gut ausgestattet und im Rechtstreit um Entschädigungen durchaus erfolgreich.
Im Mai 1945 war er wieder da. Die US-Amerikaner setzten ihn erneut als Oberbürgermeister von Köln ein, doch die Engländer warfen ihn gleich wieder raus. Er habe sich nicht genug für die Versorgung der Bevölkerung eingesetzt.
Nun, ohne Amt, konzentrierte sich Adenauer auf die Parteiarbeit. 1946 übernahm er die Führung der CDU in der britischen Besatzungszone. Zielstrebig baute er seine Position aus. Carlo Schmid (SPD) nannte ihn den „ersten Mann des zu schaffenden Staates, noch ehe es ihn gab“.
Das wurde er in der Tat. Der Bundestag wählte Konrad Adenauer am 15. September 1949 zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mit nur einer Stimme Mehrheit – der Adenauers.
Es war der Anfang einer langen Ära. Noch dreimal, nämlich 1953, 1957 und 1961, wurde er wiedergewählt, offenbar alternativlos in seiner Zeit. Es waren Jahre der entscheidenden Weichenstellungen. Bereits vor seiner Wahl hatte Adenauer Bonn als provisorische Hauptstadt durchgesetzt. Aus wahltaktischen Überlegungen setzte er sich dafür ein, dass West-Berlin kein vollwertiges Bundesland wurde.
Wie sehr Adenauer der Politik alles andere unterordnete, zeigte beispielhaft ein gegen den Kanzler geplantes Bombenattentat 1952. Absender der Bombe war die jüdische Untergrundorganisation Irgun, Auftraggeber soll der spätere israelische Ministerpräsident Menachem Begin gewesen sein. Die wesentlichen Tatsachen kannte man in Bonn. Sie wurden geheim gehalten, um antisemitische Reaktionen zu verhindern.
Ohnehin setzte Adenauer den Schwerpunkt seiner Kanzlerschaft in der Außenpolitik. Von 1951 bis 1955 war er sogar Kanzler und Außenminister in einer Person. Enge Bindungen an den Westen, bevorzugte Beziehungen zu den USA und ein vereintes Europa waren seine wichtigsten Ziele. Meilensteine hierbei waren die Gründung der Bundeswehr, der Beitritt zur NATO, der Alleinvertretungsanspruch, der Deutsch-Französische Freundschaftsvertrag, die Aussöhnung mit Israel. Im Urteil der Öffentlichkeit aber blieb seine größte Leistung die Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen aus sowjetischen Lagern.
Nachträglich heftig kritisiert wurde Adenauers Bereitschaft, auch Amtsträger des NS-Staates zu beschäftigen, während er gleichzeitig einen strammen Kurs gegen Kommunisten fuhr, das Verbot der KPD forcierte und mit dem „Adenauer-Erlass“ Verfassungstreue im öffentlichen Dienst einforderte.
Seine letzte Wahl zum Bundeskanzler konnte er 1961 nur mit dem Versprechen durchsetzen, noch vor Ende der Legislaturperiode Platz für einen Nachfolger zu machen. Die Auseinandersetzungen der „Spiegel“-Affäre beschleunigten den Ausstieg. 1963 trat Konrad Adenauer zurück. Bis zum Ende seines Lebens blieb er politisch aktiv – angriffsfreudig und bissig.
Sechs Tage vor seinem Tod verbreitete sich eine Falschmeldung vom seinem Ableben. Die Reaktion waren weltweite Beileidskundgebungen. Adenauer wird sie registriert haben. Der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland starb am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Rhöndorf.    Klaus J. Groth


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Kommentare

Magda Voigt:
21.04.2017, 14:19 Uhr

Die letzten Gefangenen der sadistischen Russen sind mit wenigen Ausnahmen nie heimgekehrt. Die Adenauer-Zehntausend waren eine provisorische, politisch imposante Anzahl und standen und stehen in keinem Verhältnis zu den Millionen Ermordeten und zu Tode geschundenen Deutschen Soldaten bis in die Breschnew-Ära hinein.


Hans-Joachim Nehring:
18.04.2017, 22:07 Uhr

Der Weg vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik Deutschland war gewiss nicht ohne Steine gepflastert. Was Konrad Adenauer nicht nur für Köln, sondern für Deutschland geleistet hat, nötigt Respekt ab. Er hat die letzten Gefangenen aus den sowjetischen Gulags geholt und aus dem ehemaligen "Erbfeind" Frankreich einen Freund gemacht. Mögen sich die jetzigen CDU-Granden ein Beispiel an den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik nehmen. Im Gegensatz zur heutigen Regierung hat Adenauer sehr wohl die Interessen des deutschen Volkes vertreten und einen christlich-konservativen Politikstil gepflegt, welcher unter Merkel vollständig verloren gegangen ist.


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