Auf dem Weg in die Katastrophe

Bis zum Eingreifen Hindenburgs und Ludendorffs bestand die Gefahr, dass die Russen bis Berlin marschieren

17.08.14

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sah sich die für die Verteidigung Ostpreußens vorgesehene deutsche 8. Armee in Ostpreußen schnell mit einer russischen Offensive konfrontiert, wobei die russischen Kräfte mehr als doppelt so stark waren wie die Verteidiger.
 
Den größten Vorteil, den die Deutschen hatten, war, dass die Russen ihre Streitmacht beim Einmarsch in Ostpreußen teilten. Das verdankten die Deutschen der Masurischen Seenplatte, die schwer zu überwinden war. Die Russen marschierten also links und rechts der Platte ein.
Die 1. oder Njemen-Armee nutzte den Weg rechts der Platte. Sie sollte von Osten her in Ostpreußen einmarschieren. Ihr Oberbefehlshaber war Paul von Rennen­kampff. „Njemen“ ist die russische Bezeichnung für die Memel.
Die 2. oder Narew-Armee nutzte den Weg links der Platte. Sie sollte vom Süden her in Ostpreußen einmarschieren und wurde von Alexander Samsonow befehligt. Der Narew hat seine Quelle nördlich von Brest in den Wäldern von Białowieza und mündet nördlich von Warschau bei Nowy Dwór Mazowiecki in die Weichsel, kurz nachdem er den Westlichen Bug aufgenommen hat.
Diese Teilung der russischen Kräfte bot der 8. Armee eine Chance, denn gegen jede einzelne der beiden russischen Armeen hatte sie eine Chance. Allerdings musste die 8. Armee aufpassen, nicht zwischen die 1. und die 2. Armee zu geraten und in einer Zweifrontenschlacht aufgerieben zu werden. Denn dann hätte zwischen den Russen und Berlin keine einzige deutsche Armee mehr gestanden. Aber sich an die Weichsel zurückzuziehen war für die Deutschen keine rechte Alternative, denn der gesammelten Kraft der beiden russischen Armeen hätten sie dort kaum länger Widerstand leisten können. So hatte der Auftrag an die 8. Armee eine doppelte Komponente, eine offensive (Nutzt die russische Teilung durch die Masurische Seenplatte zum Schlag gegen eine der Armeen) und eine defensive (Lasst Euch auf keinen Fall von den beiden russischen Armeen in die Zange nehmen und aufreiben).
Letzteres versuchten die Russen. Als erstes sollte die Njemen-Armee die Grenze überschreiten, um die 8. Armee an die Ostgrenze zu locken. Dann sollte die Narew-Armee von Süden her der 8. Armee in den Rücken fallen. Die 8. Armee stand also vor der Frage, was sie tun sollte, als die Njemen-Armee nun tatsächlich am 17. August 1914 auf breiter Front die ostpreußische Ostgrenze überschritt.
An der ostpreußischen Ostgrenze stand von der 8. Armee das I. Armeekorps aus Königsberg, dem das XVII. Korps aus Danzig und das I. Reservekorps zur Hilfe eilten. Nur das XX. Korps aus Allenstein blieb in Südostpreußen zurück. Dieses I. Armeekorps wurde von Hermann von François kommandiert.
François legte den Auftrag der 8. Armee eher offensiv aus. Er lieferte der Njemen-Armee noch am Tag ihres Einmarsches bei Stallupönen ein Gefecht und leitete mit einem Angriff wenige Tage später die Schlacht bei Gumbinnen ein.
Für François’ Selbstbewusstsein spricht eine Anekdote noch aus der Friedenszeit. Damals, noch zu Zeiten Schlieffens als Generalstabs­chef, hatten die Deutschen bereits die Umfassung der Njemen-Armee geübt. François kam dabei die undankbare Aufgabe zu, die natürlich erfolgreich umfassten russischen Verlierer zu führen. Da er sich jedoch erfolgreich auf den Standpunkt stellte, dass keine von ihm geführte Armee je die Waffen strecken würde, musste der bereits gedruckte Schlussbericht über die Übung nachträglich mit einem Deckblatt versehen werden, auf dem es hieß: „Der Führer der Njemen-Armee erkannte die hoffnungslose Lage seiner Armee. Er suchte in der vordersten Kampffront den Tod und fand ihn auch.“
Dieses Selbstbewusstsein Fran­çois’ wie auch dessen Offensivgeist wurden von seinem Vorgesetzten, dem Oberbefehlshaber der 8. Armee, Maximilian von Prittwitz und Gaffron, in keiner Weise geteilt, ganz im Gegenteil.
Deshalb wurden das Gefecht bei Stallupönen und die Schlacht bei Gumbinnen auch von den Deutschen abgebrochen.
Das Gefecht bei Stallupönen musste François abbrechen, weil er es wider anderslautende Befehle auf eigene Faust geführt hatte und dieser Alleingang ab einem bestimmten Stadium nicht mehr möglich war. Und die Schlacht bei Gumbinnen brach von Prittwitz und Gaffron ab aus Angst, dass die Narew-Armee in den Rücken seiner 8. Armee stößt.
Diese beiden deutschen Kampfabbrüche wurden seitens des russischen Gegners als eigene Siege interpretiert. Der Oberbefehlshaber der 1. Armee ging nun wie selbstverständlich davon aus, dass die Deutschen sich hinter die Weichsel zurück­ziehen würden. Die Russen gingen bei ihrem Vormarsch ressourcenschonend langsam vor. Sie wussten, dass den Deutschen für einen Rückzug im eigenen Land deren gut ausgebautes Eisenbahnnetz zur Verfügung stand. Warum sollte man sich in einen Wettlauf mit der deutschen Eisenbahn begeben, den man doch nur verlieren konnte, wo man doch genau zu wissen glaubte, wo man die Deutschen wieder antreffen konnte, eben an der Weichsel?
Die Aufklärung vernachlässigten die Russen. Die Kavallerie setzten sie im Gegensatz zu den Deutschen lieber für Kämpfe ein und die Luftaufklärung war nicht gerade die größte Stärke des rück­ständigen Zarenreiches. Zudem verschlüsselten die Deutschen ihren Funkverkehr. Die Russen hingegen hielten dieses bei ihrem Funkverkehr für unnötig. Es sollte den Deutschen vielmehr Angst einjagen, dem russischen Funkverkehr zu entnehmen, was ihnen bevorstand, welche Dampfwalze sich ihnen entgegen wälzte.
Nun muss man zur Verteidigung Rennenkampffs sagen, dass dessen Rechnung wohl aufgegangen wäre, wenn es nach den Vorstellungen des Oberbefehlshabers der 8. deutschen Armee gegangen wäre. Prittwitz’ mangelnder Offensivgeist und Siegeszuversicht grenzten an Defätismus. Er wollte gar nicht erst versuchen, die Teilung der russischen Streitmacht durch die Masurische Seenplatte für ernstzunehmende Angriffe zu nutzen, und gleich mehr oder weniger kampflos hinter die Weichsel zurückweichen, von der er sich als Verteidigungsstellung aber auch nicht viel versprach. Als Prittwitz diesen Geist in der Nacht zum 21. August per Telefon dem Generalstabschef Helmuth von Moltke offenbarte, zog dieser die Notbremse. Prittwitz wurde seines Amtes enthoben. Zu seinem und seines Generalstabschefs Nachfolger wurden Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff ernannt, denen es dann erst gelang, den russischen Vormarsch Richtung Berlin in der Tannenbergschlacht zu stoppen und Ostpreußen von russischer Fremdherrschaft zu befreien.    Manuel Ruoff


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Kommentare

Remo WAGENER:
20.08.2014, 03:16 Uhr

Interessanter Artikel,

Jedoch nicht ganz richtig! Die beiden russischen Armeen haben sich nicht wegen der Masurischen Seen geteilt, sondern, ermutigt duch den ersten Erfolg in Gumbinnen, entschloss sich Rennenkampff recht Planmaessig Koenigsberg anzugreifen und zu erobern.
Uebrigends gab es einige Zeit auch in Ostpreussen besetzte Gebiete, mit russischen Siegesparaden, wo der deutschen Bevoelkerung verboten wurde weiterhin Reichsmark zu vervenden. Als Zahlungsmitte wurde schon speziel gerucktes Rubelgeld eingefuehrt. Weiterhin wurde der deutschen Bevoelkerung, bei Todesstrafe verboten, Preise zu erhoehen. Hindenburg und Ludendorff nutzten diese Arroganz und Siegessicherheit der Russen, um in einem gewagten "Schachspiel" die Armee von Samsonow in die Masurischen Suempfe und Landschaft zu "locken". Es gab nur diese einzige Moeglichkeit. Und es zahlte sich aus!

Ubrigends waren es auch hier die Deutschen, wie auch an der Westfron, welche den feindlichen gefallenen Soldaten die gleichen militaerischen Ehren zukommen liessen, wie den Eigenen.

Kriegsgefangene wurden ehrenhaft behandelt. ...nur das die russischen Soldaten am Anfang die gleiche Verpflegung essen mussten, welche sie den deutschen zugemutet hatten. (u.a. mit Seife versetztes Mehl u.s.w.) ;-)

Auch moechte ich darauf hinweisen, dass der Deutsche Kaiser - wie auch die deutsche Bevoelkerung, in keinster Weise an einem Krieg interessiert war!
U.a. gab es schon vor dem Kriege einen "kleinen Grenzhandel", mit Vorteilen fuer die locale Bevoelkerung auf beiden Seiten. Auch arbeiteten viele Russische Buerger in der ostpreussischen Landwirtschaft.

Der international und innere Erfolg der deutschen Wirtschaft und des Aufschwunges, erweckte bei vielen anderen Laendern nicht nur Sorgen um eigene Pfruende, sondern einen ausgesprochenen Neid!
Wer wess den schon, das "Made in Germany" keine deutsche "Erfindung" ist, sondern eine ENGLISCHE, um die eigenen Untertanen darueber zu informieren, das das "Gute Stueck" aus Deutschland kommt, und es eben "Unpatriotisch" ist solches zu erwerben. Um dem Nachdruck zu verschaffen, wurde deutsche Ware auch noch mit einem Strafzoll belegt, was wiederum bei den Normalbuergern den Eindruck erweckte, das die deutsche Ware "besser" sein muesse, da "teurer"...
Als all dies nicht fruchtete, da dachte (und plante) man in Westeuropa und in Russland eben ueber eine Landumverteilung zu Ungunsten von Deutschem Reich & Oestereich nach.

Dieser Plan wurde ja schliesslich von 1919-21 auch ausgefuehrt und seit 1945, mit einigen "kleineren" Erweiterungen, entgueltig [?] abgesiegelt.

- Das Tannenberg National Denkmal Ostpreussen -


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