Auf schwachen Wurzeln gegründet

Die Bundeswehr läuft Gefahr, durch fehlendes Traditionsbewusstsein perspektiv- und orientierungslos zu werden

17.05.17

Auf höchsten Befehl herrschen seit Kurzem Inquisition und Denunziation in der Bundeswehr. So wurden alle dienstlichen Liegenschaften nach Devotionalien der Wehrmacht durchsucht und diese entfernt, deren Besitzer aktenkundig gemacht. Auf diesem Wege will Generalinspekteur Volker Wieker die „Einhaltung der Regeln zum Traditionsverständnis in Bezug auf Nationalsozialismus und Wehrmacht“ sicherstellen. Alle Soldaten sind aufgefordert, in dieser Hinsicht Verdächtiges zu melden.
Die Traditionspflege der Bundeswehr ist seit jeher ein heikles Thema, bedeutete die Epochenwende des Jahres 1945 doch eine tiefe Zäsur für die militärische Traditions- und Werteordnung. Als es um die Wiederbewaffnung in Westdeutschland ging, bestand breiter Konsens darüber, dass Streitkräfte mit neuen Inhalten, Zielen, Strukturen und Verfahren sowie Formen der Führung zur Verteidigung geschaffen werden mussten. Eine Restaurierung der Reichswehr oder gar der Wehrmacht erschien einer großen Mehrheit der Bevölkerung dagegen ausgeschlossen. Gleichwohl wurden die Vorgängerarmeen wie selbstverständlich als traditionsstiftend angesehen. Dementsprechend bezeichnete der Tradi- tionserlass von 1965 noch die „Dankbarkeit und Ehrfurcht vor den Leistungen und Leiden der Vergangenheit“ als Grundlage der Traditionspflege.
Heute dagegen beginnt die offizielle Traditionslinie der Bundeswehr erst mit ihrer eigenen Grün- dung und umfasst somit nur die letzten 60 Friedensjahre. Alles, was davor lag, hat sie mit Ausnahme des preußischen Heeresreformers Gerhard von Scharnhorst und der Protagonisten des Widerstandes gegen das NS-Regime abzuwerten und als traditionsstiftend kategorisch auszuklammern. Damit passt sich die Bundeswehrführung dem Zeitgeist an, der eine Anerkennung des von früheren Generationen Vollbrachten nicht zulässt und den historischen Blick fast ausschließlich auf das Dritte Reich richtet.
Zweifellos ist das, was in dieser Zeit geschehen ist, in seiner Ausprägung singulär, ungeheuerlich und nicht nur den nachgeborenen Generationen unbegreiflich. Doch auch dies rechtfertigt es nicht, die an Positivem reiche deutsche Geschichte immer nur auf diese zwölf Jahre zu reduzieren und alles, was davor geschah, als Vorboten ihrer inhumansten Phase abzutun und mitver- antwortlich zu machen. Die deutsche Geschichte mag im dunklen Schatten jener Jahre stehen, sie ist aber nicht mit ihnen identisch. Dass es für ein Land, das innerhalb von nur zwei Generationen stürzende Reiche, historische Brüche gewaltigen Ausmaßes und tief greifende politische Zäsuren zu verkraften hatte, nicht leicht ist, Kontinuitäten anzuerkennen, kann natürlich nicht bestritten werden. Es darf aber nicht so weit kommen, dass es sich seine Geschichte nehmen lässt.
Militärische Tradition schafft Gemeinsamkeit und Verhaltenssi- cherheit bei den Soldaten, ermöglicht ihnen Identifikation und Bezüge. Soldaten benötigen Grund- werte, Leitbilder und Erfahrungen der Vergangenheit, die ihnen in Gegenwart und Zukunft Orientierung geben können. Eine Armee, die ihr Traditionsbewusstsein lediglich aus ihrer eigenen, kurzen Geschichte schöpft, gründet nur auf schwachen Wurzeln und läuft Gefahr, mit der Zeit perspektiv- und orientierungslos zu werden und ihr Berufsethos zu verlieren. Die Vergangenheit bedingt ihre Existenz und kann daher auch in ihrer Traditionsbildung nicht ausgeklammert werden. Eine Tradition sui generis, die sich auf den bloßen Zeitraum der Existenz der Bundeswehr beschränkt, entfernt sich von Zeugnissen, Haltungen und Erfahrungen vergangener Generationen und muss auf Dauer negative Folgen für die Truppe haben.
Streitkräfte bedürfen der gewachsenen und verantwortungsvoll gepflegten Tradition. Selbstverständ- lich darf diese nicht mit Traditionalismus verwechselt werden, der im unkritischen Festhalten am Vergangenen zum Schaden der Gegenwart und Zukunft erstarrt.    J. Heitmann


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Kommentare

Arnold Schacht:
20.05.2017, 19:39 Uhr

Ich stimme Marco S. dahingehend zu, daß die Bundeswehr nur noch Söldnerarmee für fremde Interessen ist und Traditionen stören. Aber wenn v.d. Leyen das nicht machen würde, wäre es jemand anderes. Die Politiker haben bei der Umwandlung in eine Freiwilligenarmee wohl nicht bedacht, daß sich primär konservativer eingestellte Männer melden, die gleichzeitig patriotisch sind. Ich erwarte jetzt einen Aufruf der Grünen an ihre Anhänger, sich als Gegengewicht freiwillig zu melden. Was hindert Euch außer Euerem Hedonismus? Den Pazifismus nimmt Euch seit 1999 keiner mehr ab.

Übrigens die Engländer halten die Traditionslinie trotz Kolonialverbrechen, die Franzosen auch. Der Völkermord an den Indianern hindert die USA auch nicht daran von Russland und Stalin ganz zu schweigen.


Hans-Joachim Nehring:
20.05.2017, 17:06 Uhr

Die Bolschewiken behaupteten immer, die Geschichte der Menschheit begann mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Es kann schließlich nicht sein, was nicht sein darf. So soll es auch mit der Tradition der Bundeswehr sein. Diese hat mit ihrer Gründung zu beginnen. Die schlesischen Kriege unter Friedrich II., die Befreiungskriege gegen Napoleon und Königsgrätz hat es eben nicht gegeben. Wann werden von der Leyen und Merkel das Wort "Tradition" endlich verbieten. Für Gutmenschen ist das schon lange nicht mehr zeitgemäß. Nicht das etwa noch die Rote Armee mit ihren schlimmen Befreiungsaktionen zum Vorbild ausgerufen wird. Nichts ist in Deutschland mehr unmöglich.


Marco S.:
18.05.2017, 18:49 Uhr

Frau von der Leyen, bitte seien Sie konsequent bei Ihrem großen Kehraus. Treten auch Sie sofort zurück. Bei Ihrem Nachnamen muss ich immer sofort an den General der Wehrmacht, Herrn Ludwig von der Leyen denken. Dies ist ein untragbarer Zustand, der nicht zur Tradition der Bundeswehr passt. Nochmal zum Mitschreiben: von der Leyen = General der Wehrmacht.

Ansonsten hier nur noch der Hinweis, dass die heutigen deutschen Streitkräfte nur noch Söldner einer gewissen Großmacht sind. Da ist deutsches Traditionsbewusstsein nur noch störend. Bald gibt es bei uns keine Rommel-Kaserne mehr, sondern eher The-German-General-Patton-Barracks oder gar ein Dalai-Lama-Camp. Wer jetzt schmunzelt sollte sich vorsehen. In diesem Land wundert mich überhaupt nichts mehr.


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