Bald darf der Sündenbock ran

Soll ein Deutscher auf EZB-Chef Draghi folgen? Der müsste dann für die Fehler seiner Vorgänger büßen

22.08.17
Seit Jahren in ständigem Gegensatz: Jens Weidmann (l.) und Mario Draghi Bild: Getty

Die Amtszeit des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, endet zwar erst 2019. Schon jetzt aber werden mögliche Nachfolger genannt. Recht gute Chancen werden Bundesbankchef Jens Weidmann eingeräumt. Gute Aussichten? Kaum: Ein Deutscher kann an der Spitze der EZB nur verlieren.

Vor allem aus den Reihen der CDU/CSU sind Forderungen zu hören gewesen, nach Mario Dra-ghi müsse ein Deutscher an die Spitze der EZB rücken. Nach acht Jahren endet Draghis Amtszeit im übernächsten Jahr, eine Verlängerung ist nicht möglich.  
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) sprachen im Mai davon, bei der Besetzung des EZB-Chefpostens deutsche Ansprüche geltend machen zu wollen. CSU-Politiker forderten das bereits im vergangenen Jahr.  Draghis Nachfolger müsse „ein Deutscher sein, der sich der Tradition der Währungsstabilität der deutschen Bundesbank verpflichtet fühlt“, so der Vizechef der Unionsfraktion, Hans-Peter Friedrich (CSU), im Frühjahr 2016.
Als weiterere mögliche Kandidaten gelten neben Jens Weidmann momentan auch  François Villeroy de Galhau von der Banque de France und der niederländische Notenbankchef Klaas Knot. Für Weidmann spricht, dass mit Wim Duisenberg und Jean-Claude Trichet bereits ein Niederländer und ein Franzose an der Spitze der EZB gestanden haben. Auch ein  weiterer Vertreter der Banca d’Italia als unmittelbarer Nachfolger von Mario Draghi ist nur schwer vorstellbar.
Vor diesem Hintergrund könnte ein Vertreter Spaniens oder Portugals durchaus das Rennen um den EZB-Spitzenposten machen, sollte Jens Weidmann nicht kandidieren. Tatsächlich sprechen einige Gründe dagegen, im übernächsten Jahr ausgerechnet einen Deutschen zum Nachfolger Draghis zu machen: Die Gefahr eines Scheiterns der von Mario Draghi und teilweise auch schon unter seinem Vorgänger Jean-Claude Trichet angeschobenen expansiven Geldpolitik ist bereits enorm, und das Risiko wächst ständig weiter. Nach den umstrittenen Käufen von Staatsanleihen durch die EZB rückt nun immer mehr das Problem überschuldeter und unproduktiver Unternehmen ins Blick­feld, denen die Pleite droht, sollte die EZB ihre Nullzinspolitik beenden.
Die Bank of America stuft rund neun Prozent der größten börsennotierten Unternehmen in Europa als sogenannte „Zombie-Firmen“ ein. Unternehmen also, die durch die Zentralbankpolitik nach dem Beispiel Japans künstlich am Leben erhalten werden, obwohl sie sich aus eigener Kraft eigentlich nicht mehr am Markt halten können. Man könnte auch sagen: klinisch tot.
In der „Neuen Züricher Zeitung“ warnte der Unternehmensberater Markus Krall vor den Folgen der zehn Jahre anhaltenden Billigzinspolitik der EZB: „Im Kern stauen wir eine riesige Pleitewelle auf, die umso grösser wird, je weiter wir sie nach hinten verschieben.“ Krall, der Unternehmen und Banken seit 25 Jahren bei der Risikobewertung berät, machte auch auf das hohe Volumen von schlechten Krediten in den Büchern europäischer Banken aufmerksam. Die Europäische Bankenaufsicht bezifferte die Summe der Kredite mit hohem Ausfallrisiko bei europäischen Banken Ende 2016 auf rund eine Billion Euro, mehr als das Dreifache eines deutschen Bundeshaushalts. Eine EU-weite Pleitewelle von Unternehmen, eingeleitet durch eine Zinserhöhung der EZB, würde den Berg notleidender Kredite schnell weiter in die Höhe treiben. Absturzgefahr lauert auch an den Aktienmärkten und bei den Immobilienpreisen, sollte die Flut billigen Geldes verebben.
Jeder Nachfolger Draghis, vor allem aber ein deutscher Kandidat, droht damit in eine Zwickmühle zu geraten. Hält die EZB an der ultralockeren Geldpolitik fest, kann sie damit überschuldeten Staaten und Unternehmen zwar weiteren Aufschub verschaffen. Die Deutschen müssten allerdings sehr stark die Lasten dieser Geldpolitik zahlen: Durch ausbleibende Zinsen auf Erspartes, hohe Immobilienpreise und Mieten und spürbaren Preisauftrieb im Alltagsleben. Kommt es am Ende zum Crash, müsste wiederum die Deutsche Bundesbank als größte Mitgliedsbank die größten Verluste durch die Anleihekäufe der EZB verkraften.
Damit nicht genug. Deutschland droht sogar, dass es zusätzlich zu  den finanziellen Lasten des Euro-Rettungsversuchs am Ende auch noch die Rolle eines Sündenbocks zugeschoben bekommt. Sollte es nämlich ein Vertreter der Bundesbank sein, der als EZB-Chef die Geldschleusen in der Eurozone wieder schließen muss, überrollt eine umfassende Pleitewelle von Zombie-Unternehmen und überschuldeten Staaten wie Griechenland und Italien ganz Europa. Mit einem  Deutschen an der Spitze der EZB, der die expansive Geldpolitik wieder zurückfährt, wäre der Vorwurf vom „deutschen Komplott“ zur Schädigung des übrigen Europa geradezu programmiert.    Norman Hanert


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Kommentare

Jürgen Umfahr:
22.08.2017, 18:29 Uhr

Ein Deutscher als Sündenbock?

Immerhin, an Ludwig XVI. und seinem kleinen Sohn Ludwig XVII. übte der aufgehetzte Pöbel auch schon seine Rachsucht aus, obgleich der große Despot deren Vorfahr Ludwig XIV. war!


Siegfried Hermann:
22.08.2017, 14:45 Uhr

Die Personalie ist völlig wurtscht!
Hauptsache es ist ein goldman-sachs Manager!
Der Rest muss ja nicht mehr weiter erklärt werden.


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