Bedingt einsatzfähig

Ex-Polizist berichtet über katastrophale Zustände bei der Polizei

15.02.17

Nick Hein stand elf Jahre im Dienst der Bundespolizei. Die letzten verbrachte er auf dem Kölner Hauptbahnhof, um dann als Profi seine Sportlehrerkarriere fortzusetzen. Mit seinem Buch will er die Öffentlichkeit aufrütteln, in welchem Maße und aus welchen Gründen die Polizei ständig am Limit arbeitet. Aus eigenem Erleben beschreibt er die berüchtigte Kölner Silvesternacht 2015.
„Das hier überstieg in seinen Dimensionen alles bisher Dagewesene in Deutschland“, resümiert der Verfasser. Die Verantwortung für das Desaster wurde schnell der Polizei zugeschoben, die „häufig als Prügelknabe herhalten“ müsse. In Wahrheit habe bereits ein Jahr zuvor ein Po­lizeibericht eine drohende Massenpanik auf einer Rheinbrücke prophezeit, doch eine geforderte Sperrung hatte das Kölner Ordnungsamt abgelehnt. Vieles wurde unter den Tisch gekehrt, der Innenminister wälzte jede Mitverantwortung ab, nur der Polizeipräsident musste gehen. Es sei ein übliches Mittel der Politik, bei eigenem Versagen einen Dummen ausfindig zu machen. Bemühe sich die Polizei um Deeskalation, habe sie versagt, bei einem Durchgreifen spreche man schnell vom Polizeistaat und Rassismus. Letzteres erfolge oft vom Fernsehen, das sich bei Unwahrheiten aber nie verantworten müsse. Zu wünschen sei mehr Augenmaß und weniger Ideologie.
Unsere Rechtsprechung sei oft zu liberal gegenüber Tätern, manche Richter verhängten milde Bewährungsstrafen im Glauben an deren erzieherische Wirkung, tatsächlich aber kehrten sehr viele nach kurzer Un-tersuchungshaft in ihr kriminelles Milieu zurück. Körperverletzungen an Polizisten würden als Kavaliersdelikt gewertet und weniger als Angriff auf unser Rechtssystem. Die Gesellschaft lasse die Unterstützung für jene vermissen, die viel für ebendiese Gesellschaft zu opfern bereit sind. Die Bundespolizei, die wie in Bonn vielleicht von Terroristen stammende Koffer untersuchen müsse, sei überhaupt nicht für derartige Situationen ausgebildet. Das Internet werde zunehmend für Erpres­sungen, als Marktplatz für Drogen bis zur Kinderpornografie benutzt. Zu deren Bekämpfung benötige man Experten mit hochspezialisierter IT-Ausbildung, doch habe man zu wenig solcher Fachkräfte.
Trotz steigender Kriminalität wurden rund 16000 Polizeistellen während der vergangenen 20 Jahre gestrichen. Ein grelles Schlaglicht auf die Unterbesetzung seien  Überstunden, die letzten Sommer auf 21 Millionen angestiegen seien. Einen sehr wesentlichen Grund für diese Situation sieht der Autor in der permanenten Sparpolitik des Bundes. Bei Großeinsätzen wie Demonstrationen fehle es nicht selten an der nötigen Schutzausrüstung für sämtliche eingesetzte Beamten.
In vielen Fällen würden immer noch nicht aktualisierte XP-Rechner eingesetzt. Funktionierender Sprechfunk ist für jede Polizeiarbeit fundamental, doch „funktechnisch betrachtet, ist die Polizei in NRW bislang eher ein Technikmuseum für antiquierte Gerätschaften als eine moderne Behörde auf der Höhe der Zeit“. Es klingt kaum glaubhaft, doch das allgemeine Schießtraining „findet nur noch alle drei Monate statt, um das Geld für Patronen zu sparen.“
Insgesamt sei keine signifikante Zunahme im Bereich der Ausländerkriminalität festzustellen. Allerdings mache der Anteil nichtdeutscher Täter bei Taschendiebstählen fast 76 Prozent aus, bei Wohnungseinbrüchen rund 40 Prozent und bei Raubdelikten über 38 Prozent und sei damit überdurchschnittlich. „Wir sollten nicht nur monetäre Rettungsschirme für andere Län­der aufspannen, sondern auch den Bedrohungen im eigenen Lande entschlossen entgegentreten können.“
Nachdenklich mahnt der Verfasser, dass offene Worte eines Polizisten, unbedachte Aussagen an all den Missständen im Zeitalter der Social Media leicht zu einem Disziplinarverfahren oder einer Kündigung führen könnten. Wenn es um die eigene Existenz gehe, überlege man sich, seine soziale und finanzielle Sicherheit aufs Spiel zu setzen. So sei bei etlichen Kollegen die Begeisterung für ihre Arbeit erloschen und ebenso ihr Glaube, wirklich etwas zum Besseren wenden zu können. Besorgniserregend sei, dass Bundespolizisten besonders häufig an Burnout-Symptomen litten. Die Folge sei, dass viele nur noch Dienst nach Vorschrift machten. Dabei hätten die Menschen heute mehr denn je ein Recht darauf, von ihrem Staat Schutz und Sicherheit einzufordern. Eines sei dabei unbestritten: „Etwas muss sich ändern bei der deutschen Polizei.“
Möge das Buch zu tieferem Nachdenken bei den Verantwortlichen führen.     F.-W. Schlomann
Nick Hein: „Polizei am Limit“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2017, broschiert, 202 Seiten, 9,99 Euro


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