Berlin in Wolkenkratzer-Euphorie

Am Alexanderplatz und in der City-West sollen neue Türme in den Himmel wachsen

17.12.17
Wolkenkratzer mit Läden und 475 Appartements: Der Entwurf für einen Turmbau am „Alex“ ist nur eines von vielen Hochhausprojekten im Westen und in der Mitte Berlins

Ein Masterplan sieht für den Berliner Alexanderplatz den Bau von neun Hochhäusern vor. Die Wolkenkratzer in Berlins Mitte sind allerdings aus mehreren Gründen umstritten.

Bereits für zwei Projekte gibt es ganz konkrete Planungen. Der US-Investor Hines will direkt neben dem Elektronikmarkt Saturn ein 39-stöckiges Gebäude errichten. Nach einem Entwurf des Architekten Frank O. Gehry soll ein verdrehtes Hochhaus mit Wohnungen und einem Hotel entstehen. Der Bau sollte eigentlich schon vor zwei Jahren starten.
Allerdings bestanden die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf Garantien für den Fall, dass es bei den Bauarbeiten zu Schäden an einem naheliegenden U-Bahntunnel kommt. Laut Angaben der BVG sind die Verhandlungen in der Angelegenheit noch nicht abgeschlossen. Bereits im Jahr 2014 hat der Bezirk Mitte dagegen einen positiven Bauvorbescheid für das Projekt der russischen Monarch-Gruppe gegeben.
Dieser Investor will neben dem Haupteingang des Einkaufszentrums Alexa ein 150 Meter hohes Gebäude mit 475 Appartements errichten. Vor Kurzem hat auch Galeria Kaufhof Pläne für ein Hochhaus am Alexanderplatz präsentiert. Hier indes sieht der Senat noch Bedarf zum Nachbessern. Befürchtet wird offenbar, der Neubau könnte derart in den öffentlichen Raum hineinragen, dass Passanten nur der Weg unter dessen Arkaden bleibt. „Diese Verengung sehe ich sehr kritisch“, so die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher.
Auch für die City-West wachsen neue Hochhauspläne: Der weltbekannte Architekt Helmut Jahn, der bereits den Frankfurter Messeturm und das Berliner Sony-Center entworfen hat, stellte im November Ideen für einen 240 Meter hohen Wolkenkratzer vor, der am Charlottenburger Europa-Center gebaut werden könnte. Stararchitekt Jahn legte auch Skizzen für Gebäude mit einer Bauhöhe von 160 bis 180 Metern für den Ernst-Reuter-Platz vor.
Die Realisierung könnte nicht nur am bestehenden Denkmalschutz für den Platz scheitern. Bislang fehlt dem Berliner Senat überdies ein gesamtstädtisches Planungskonzept für die Wolkenkratzerpläne. Das rot-rot-grüne Regierungsbündnis hat sich im Koalitionsvertrag zwar vorgenommen, für Berlin einen Hochhausplan zu entwickeln, der Plan wird vermutlich aber erst im Jahr 2019 vorliegen. Zur Umsetzung benötigt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung offenbar die Hilfe externer Berater. Vorgesehen ist auch ein Erfahrungsaustausch mit Städten wie Frankfurt am Main und München, die bereits über Hochhauspläne verfügen. Ein Ziel ist es dabei, Wildwuchs von Hochhäusern über das gesamte Stadtgebiet zu vermeiden.
Allerdings existieren noch andere gute Gründe, die für eine sorgfältige Planung sprechen: So können sehr hohe Gebäude durch Verschattung und Fallwinde Einfluss auf das Mikroklima der Städte entwickeln. Groß ist ebenso die Gefahr, dass Innenstädte veröden, wenn nicht zumindest die Erdgeschosszonen von Hochhäusern für die Öffentlichkeit zugänglich sind, beispielsweise durch Einzelhandelsflächen.
Und noch aus einem ganz anderen Grund halten es Experten für angebracht, genau hinzusehen, wenn für deutsche Metropolen wie Berlin oder Frankfurt immer neue Wolkenkratzerprojekte vorgestellt werden. Weniger als wissenschaftliche Theorie denn als Gedankenspiel gedacht, präsentierte im Jahr 1999 Andrew Lawrence, damals Analyst bei der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein, einen „Skyscraper-Index“.
Aufgefallen war dem Ökonomen eine scheinbare Überschneidung zwischen dem Bau immer höherer Wolkenkratzer und Wirtschaftskrisen. Tatsächlich werden viele dieser kostspieligen Turmprojekte in Zeiten konjunkturellen Hochphasen geplant und begonnen. Da deren Bau sich jedoch über Jahre hinzieht, fällt die Fertigstellung dann oftmals wieder in Phasen wirtschaftlicher Abkühlung oder sogar in Zeiten ausgemachter Wirtschaftskrisen. Vor diesem Hintergrund könnte eine Wolkenkratzer-Euphorie unter Investoren durchaus als ein volkswirtschaftliches Frühwarnsignal gesehen werden.
Tatsächlich präsentiert die Wirtschaftsgeschichte entsprechende Beispiele, bei denen sich der Bau von Wolkenkratzern aus Investorensicht bald nach Baubeginn als massive Fehllenkung von Kapital herausgestellt hat. Lawrence kann unter anderem auf das Rennen verweisen, das sich die Investoren des Chrysler Building und des Empire State Building in New York lieferten, die 1930 und 1931 fertiggestellt wurden.
Der damalige Wettlauf um den Titel des höchsten Gebäudes der Welt wurde überschattet vom Zusammenbruch der Börsen 1929. Derzeit sorgt vor allem der „Jeddah Tower“, ehemals „Kingdom Tower“, in Saudi-Arabien für Aufsehen: Vorgestellt wurden die Planungen für den Turm von 1007 Metern Höhe bereits im Sommer 2011. Auch in diesem Fall wurde das Projekt angeschoben, als die Saudis scheinbar im Geld schwammen. Der gefallene Ölpreis und Finanzierungsprobleme haben allerdings den Baubeginn für das 1,2 Milliarden-Dollar-Projekt deutlich verzögert. Ursprünglich war von einer 36-monatigen Bauzeit und einer Eröffnung im Jahr 2018 die Rede, mittlerweile wird für die Fertigstellung das Jahr 2019 anvisiert.
Ein böses Omen für Berlins Hochhausphantasien?       Norman Hanert


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