Billiglöhner sollen Internet sauber halten

24.01.18

Weit verbreitet ist die Annahme, dass Polizei und Geheimdienste Hauptakteure sind, wenn es darum geht, verstörende Inhalte, Bilder und Videos, die im Internet kursieren, ausfindig zu machen und zu löschen. Doch deren Arbeit allein hätte nur die Wirkung eines Tropfens auf dem heißen Stein, erklärt der Theaterregisseur Moritz Riesewieck in seinem packenden Buch „Digitale Drecksarbeit. Wie uns Facebook & Co. von dem Bösen erlösen“. Behörden verfügen gar nicht über das Personal und die Mittel, um in diesem täglichen Kampf nennenswerte Erfolge zu erzielen. Viel zu groß ist die Menge an Fotos und Videos, die im Internet täglich hochgeladen und angesehen werden. Im Auftrag der sozialen Netzwerke sind daher weltweit Zehntausende sogenannter Content Moderators (Redakteure) rund um die Uhr im Einsatz, um scheußliche Bilder und Videos, Dokumente von Gewalt, Pornografie und Kinderpornografie, zu löschen, damit die Nutzer dieser Kanäle davon verschont bleiben. Bisher konnte noch keine Computer-Software auf diese Aufgabe getrimmt werden. Doch daran wird mit Hochdruck gearbeitet.
Der Autor hatte in Erfahrung gebracht, dass die meisten Müllarbeiter des Internets als Billiglöhner auf den Philippinen arbeiten. Im Auftrag von digitalen Mega-Konzernen müssen sie als Beschäftigte von Subunternehmen acht bis zehn Stunden täglich eine enorme Bilderflut nach Abnormitäten durchforsten. Dabei bekommen sie unvorstellbare Gräueltaten zu Gesicht, Folterungen des IS und andere unvorstellbare Bestialitäten.
Wie die jungen Männer und Frauen persönlich mit der Belastung durch ihren Job umgehen und nach welchen Kriterien sie im Zweifelsfall vorgehen, erfuhr der Autor auf seiner Recherchereise in Manila von einigen dieser jungen Frauen und Männer, die es wagten, sich mit ihm zu treffen. Denn von ihnen wird absolute Verschwiegenheit über alles, was ihre Arbeit betrifft, erwartet. Das sei auch nicht verwunderlich, meint der Autor. Kein Internet-Konzern lasse sich in die Karten blicken. Riesewieck bezweifelt, dass die Aufträge zur Sichtung und Löschung von Bildmaterial immer und ausschließlich der Säuberung der Sozialen Netzwerke nach „allgemeinen Standards“ dienen. Schließlich verfolgen diese mächtigen Netzwerke ureigene, vielleicht auch politische Interessen. Facebook & Co. leben von ihren Werbekunden, und diese wollen möglichst genau herausfinden, „wie die Menschen ticken, die sie für ihre Produkte erreichen wollen“. Daher sei es durchaus erwünscht, dass die Mitglieder der sozialen Netzwerke sich hinreißen lassen, immer Intimeres mitzuteilen.
Was steckt dahinter, dass die digitale Drecksarbeit überwiegend auf die Philippinen ausgelagert wird und nicht etwa nach Indien? Riesewiecks Überlegungen zur hochbrisanten Thematik bewegen sich auch auf religionsphilosophischem Terrain. Für ihn besteht kein Zweifel daran, dass es die Einstellung der überwiegend sehr religiösen Philippiner ist, die sie für den extrem belastenden Job qualifiziert: ihr unbedingter Glaube und eine hohe Arbeitsmoral.
Das Internet denkt er sich als Chaos, darin Facebook & Co. als eingehegte Gärten, wo sich Nutzer ohne Risiko bewegen können – dank der tapferen Müllarbeiter, die als Gärtner fungieren. Sie machen die Schreckensbilder der Menschheit im weltweiten Netz ausfindig, um sie zum Wohle aller zu eliminieren. Das Bewusstsein, die Sünden anderer mitzutragen, so wie Jesus die Sünder durch die Übernahme ihrer Schuld gerettet hat, sei verbreitet unter den tapferen Müllbeseitiger und helfe ihnen, stabil zu bleiben, erklärt der Autor. Die Herrscher von Facebook & Co. haben sich diese moralische Stärke zunutze gemacht.
    Dagmar Jestrzemski

Moritz Riesewieck: „Digitale Drecksarbeit. Wie uns Facebook und Co. von dem Bösen erlösen“, dtv Verlag, München 2017, Klappenbroschur, 304 Seiten, 16,90 Euro


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