»Brot, Brot, gebt uns Brot!«

Vor 100 Jahren: Eine Hungerrevolte führte in Russland zur Februarrevolution – Epochaler Systemwechsel eingeläutet

13.03.17
Arbeiter und Arbeiterinnen der Putilow-Werke in Petrograd demonstrieren am 23. Februar 1917: Sie fordern „Erhöhung der Rationen für die Familien der Soldaten, der Verteidiger der Heimat und des Weltfriedens“ Bild: CF

Die Russische Revolution ist ein Ereignis von epochaler Bedeutung.  Sie hat nicht nur Russland auf den Kopf gestellt, sondern auch Einfluss auf die Entwicklung der Weltgeschichte genommen. Ihren Anfang nahm sie vor 100 Jahren, als es am 23. Februar (8. März) in Petrograd zu Arbeiterprotesten kam, die sich auf das ganze Land ausweiteten.

Als „Februarrevolution“ gingen die Ereignisse in die Geschichtsbücher ein.
Niemand hätte damit gerechnet, dass ausgerechnet Frauenproteste, die anlässlich des sozialistischen Frauentags am 23. Februar
(8. März) in Petrograd stattfanden, den Anfang vom Ende der Romanow-Dynastie einläuten würde. Im dritten Kriegswinter litt die russische Bevölkerung unvorstellbare Not. Es fehlte an allem, selbst Brot wurde rationiert. „Brot, Brot, gebt uns Brot!“, skandierten die Demonstrantinnen, deren Männer an der Front Dienst leisteten und deren Arbeit sie nun verrichten mussten. Vor Bäckereien bildeten sich schon nachts lange Schlangen, es kam zu Plünderungen. Der Winter 1916/17 war ungewöhnlich hart. Neben Lebensmitteln fehlten auch Kohle und Holz.
Den Demonstrantinnen schlos-sen sich die seit dem 14. (27.)  Februar streikenden Arbeiter der Putilow-Werke, einem Petrograder Rüstungsbetrieb, an. Die Verschlechterung der Versorgungslage führte zu Hungerrevolten, Streiks und Demonstrationen, die sich zu einem Flächenbrand ausweiteten.
Zar Nikolaus II. hatte sich in völliger Verkennung der Lage einen Tag zuvor zum Stabsquartier seiner Truppen in Mogilew begeben, dessen Leitung er nach den empfindlichen militärischen Niederlagen übernommen hatte. Er verließ sich auf die Einschätzung von Innenminister Alexander Protopopow, der ihm versicherte, die Lage im Griff zu haben. Als Nikolaus von den Unruhen des 23. Februar (8. März) erfuhr, gab er am 24. Fe­bru­ar (9. März) den Befehl, sie mit allen verfügbaren Mitteln zu liquidieren. 60 Demonstranten starben. Doch statt damit die Ordnung wiederherzustellen, vollzog sich in der Nacht zum 27. Februar (12. März) der Umschwung, als die Petrograder Garnison meuterte und von nun an mit den Arbeitern gemeinsame Sache machte. Die Revolution siegte.
Arbeiter, die es nach Brot verlangte, Soldaten, die keinen Krieg mehr wollten, und Bauern, die seit Langem den Ruf nach Land erhoben, waren die Hauptakteure des Umsturzes. Mitgetragen wurde der Aufstand in den Städten von einer bürgerlich-liberalen Intelligenzia, die sich im Zuge der Reformen nach 1905 gebildet hatte und die empfänglich für politische Reformideen war. Darunter befanden sich Lehrer, Ärzte, Rechtsanwälte und andere Juristen. Sie alle orientierten sich an den Werten Westeuropas.
Nur einen Tag später bildete sich ein Duma-Komitee. Dieses Parlament reklamierte die Staatsgeschäfte für sich. Ähnlich wie in Paris 1789 war das der eigentliche umstürzlerische Akt. Die Straßenrevolte mündete in eine echte Revolution. Doch im Unterschied zu Frankreich, wo die Revolution eine bürgerliche blieb, bildete sich in Russland etwas ganz Neues.
Noch am 27. Februar (12. März) bildete der Ältestenrat der Duma ein „Provisorisches Komitee zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung“. Anstelle der Zarenherrschaft entstand zunächst ein Nebeneinander des Parlaments (Duma) unter Leitung ihres Präsidenten Michail Rodsjanko sowie eines Arbeiter- und Soldatenrats (Sowjet). Die Duma setzte eine Provisorische Regierung ein, deren Ministerpräsident Alexander Kerenskij wurde. Es entstand eine merkwürdige Doppelherrschaft: Im rechten Flügel des Taurischen Palasts von Petrograd zog die Provisorische Regierung ein, im linken der Sowjet mit den Delegierten der Arbeiter und Soldaten. Für den Herbst 1917 war die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung geplant, doch diesen Plan machten die von Deutschland unterstützten Bolschewiki mit dem aus dem schweizerischen Exil zurückgekehrten Wladimir Lenin zunichte, der Frieden um jeden Preis versprach.
Nach einem vergeblichen Versuch, die Hauptstadt zu erreichen, unterschrieb Nikolaus II. auf Anraten des Dumapräsidenten und seines Stabschefs Michail Alexejew seine Abdankungsurkunde zugunsten seines Bruders Michail. Angesichts der Lage verzichtete dieser jedoch einen Tag später selbst auf die Krone. Nach 300 Jahren ging die Herrschaft der Romanow-Dynastie zu Ende, und Russland wurde zur Republik.  
Wie konnte es zu diesem abrupten Umsturz kommen? Die Ursachen sind zum einen in der schwachen Führung des Zaren zu sehen, zum anderen im Ersten Weltkrieg. Unbeseitigte wirtschaftliche und organisatorische Probleme, die bereits zur Revolution von 1905 und zu einer konstitutionellen Monarchie geführt hatten, sowie Nikolaus’ Unwille, wichtige Reformen umzusetzen, wie auch sein Festhalten an der autokratischen Herrschaftsform bildeten den Nährboden für Feindseligkeiten gegen ihn und seine Familie.
Russland war vor dem Krieg und auch danach überwiegend ein Agrarland. Mit Kriegsbeginn war eine eigene Waffenproduktion, die Herstellung von Kanonen, Kugeln, Maschinen und Eisenbahnen vonnöten. Fabriken wie die Putilow-Werke prosperierten, doch die beginnende Industrialisierung überforderte das Land. Die einsetzende Landflucht, aber auch die Einberufung an die Front entzogen der Landwirtschaft etwa 15 Millionen Arbeitskräfte. Soldaten, die sich in Petrograd den Aufständischen anschlossen, waren zum Teil neu einberufene Bauern, die den Krieg nicht verstanden. Sie kamen in den Städten erstmals mit Ideen von Landeigentum und Mitbestimmungsrechten in Berührung.
Dem Zaren ging es darum, als geeintes Russland gegen die Mittelmächte, vor allem Deutschland und Österreich-Ungarn, im Krieg standzuhalten. Doch der anfänglichen Euphorie folgten empfindliche Niederlagen, in deren Folge die Armee des Zaren sich immer mehr zurückziehen musste. Der Zusammenbruch der schlecht ausgerüsteten Armee an der Westfront folgte eine schwere Krise in der obersten Militärführung. 1916 desertierten 1,5 Millionen Soldaten. Dennoch wollte Nikolaus den Krieg fortsetzen.
Sein Versuch, den Krieg mit Staatsanleihen zu finanzieren, schlug fehl. So wurde Geld ge-
druckt, und es kam zu einer Hyperinflation mit Preissteigerungen von bis zu 400 Prozent. Auf dem Höhepunkt der Wirren verlor der Zar die letzten Reste seiner Macht nicht zuletzt durch den steigenden Einfluss des Wunderheilers Rasputin (siehe PAZ Nr. 52/2016) und die Einmischung Zarin Alexandras in die Politik – sie traf in Nikolaus’ Abwesenheit unkluge Personalentscheidungen. Unter dem Einfluss seiner Gattin stehend, wechselte der Zar krampfartig Regierungsposten aus. Damit zog er nicht nur den Zorn gekränkter Großfürsten auf sich, sondern auch Höflinge, Arbeiter und Soldaten wandten sich von der Zarenherrschaft ab.
Das deutsche Kaiserreich finanzierte Lenins Rückkehr aus dem schweizerischen Exil nach Russland mit dem Kalkül, dass dieser einen Separatfrieden schließen werde. Auf die Bitten der Zarenfamilie um Aufnahme in England oder Deutschland reagierte trotz bestehender Verwandtschaftsverhältnisse der Herrscherhäuser niemand. Am 8./21. März wurde Zar Nikolaus II. unter Hausarrest gestellt und später mit seiner Familie nach Sibirien verbracht. Im April 1918 wurden sie nach Jeka­te­rin­burg verlegt, wo sie ihr bekanntes Ende erwartete.    
    Manuela Rosenthal-Kappi


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