Cyberkriminalität im Kuhstall

In Brandenburg nutzen Viehdiebe zunehmend die EDV der Betriebe zur Vorbereitung ihrer Taten

14.05.17
Eines wie das andere? Selbst ein erfahrener Landwirt kann nicht auf den ersten Blick erkennen, welches ein besonders wertvolles Tier ist Bild: Imago

Brandenburgs Landwirte leiden bereits seit dem Wegfall von Grenzkontrollen an Oder und Neiße unter dem Diebstahl von Traktoren und anderem landwirtschaftlichen Gerät. Nun kommt auch noch eine Welle von Viehdiebstählen hinzu.

Erst vor wenigen Wochen ist es zwischen Brandenburgs Forschungsministerin Martina Münch (SPD) und Brandenburgs Bauernbund-Vorstand Thomas Kiesel zu einem bemerkenswerten Schlagabtausch gekommen. Die Ministerin hatte sich beim Besuch des Leibnitz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung sehr entschieden für eine Digitalisierung in der Landwirtschaft ausgesprochen: „Wir haben in der Landwirtschaft so viele Daten, wollen gute Erträge und hervorragende Lebensmittel produzieren. Da braucht es die Digitalisierung, um alles zusammenzubringen, um es zu analysieren und optimal zu steuern.“
Kiesel sprach angesichts des Optimismus der SPD-Ministerin spöttisch von einer „Osterhasengeschichte“ und konterte: „In Zeiten, wo jeder Schüler ein Smartphone und jeder zweite Rentner einen Laptop besitzt, finde ich es nicht besonders aufregend, wenn auch in der Landwirtschaft digitale Technik angewendet wird.“ Aus Sicht Kiesels stellt die Digitalisierung bestenfalls ein Hilfsmittel dar, das „Naturbeobachtung, Wissen und Erfahrung des Bauern“ nicht einmal ansatzweise ersetze. Kiesel verwies zudem noch auf eine Gefahr im Zusammenhang mit der Digitalisierung: „Wir müssen aufpassen, dass wir über die EDV nicht in Abhängigkeit von wenigen landtechnischen Anbietern geraten und noch mehr, dass nicht von außen zugegriffen werden kann.“
Inzwischen kann sich der Landwirt mit seiner Befürchtung bestätigt sehen. Bei den Ermittlungen gegen die bandenmäßig organisierten Viehdiebe in Brandenburg ist nun auch der Verdacht von Cyberkriminalität aufgekommen. Gegenüber dem Sender RBB erklärte Ingo Decker, der Sprecher des Brandenburgischen Innenministeriums: „Wir haben die Vermutung, dass die Einbrecher Zugriff auf die EDV haben. Die Diebe müssen sehr gut informiert sein.“ Hintergrund dieser Vermutung ist der Umstand, dass die Täter oftmals besonders hochwertige Tiere oder Zuchtbullen zielgerichtet ausgesucht und abtransportiert haben. Die Viehdiebe könnten sich daher zuvor Zugriff auf die IT-Systeme der Landwirtschaftsbetriebe verschafft haben, um Daten zu Abstammung, Alter, Leistung und Gesundheitszustand der Tiere auszuspionieren.
Die Ermittler vermuten, dass die gestohlenen Tiere in Richtung Osteuropa gehen. Ohne die entsprechenden Abstammungspapiere sind die Zuchttiere in Deutschland und wahrscheinlich auch in weiten Teilen der übrigen EU ohne Wert. Zudem ist neben Brandenburg bislang nur Mecklenburg-Vorpommern von den gut organisierten Raubzügen durch Ställe und Weiden betroffen, was ebenfalls auf einen Abtransport in Richtung Osten hindeutet. Bereits im März hatte Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke davon gesprochen, dass die Ermittler „eine Tätergruppe im Raum Stettin im Visier“ hätten. Auch auf ukrainischen Märkten sollen Rinder aus Brandenburg zum Verkauf angeboten worden sein. In den Blick der Brandenburger Polizei sind zudem Weißrussland und das Baltikum geraten.
Die Zahl der Viehdiebstähle war nach Angaben des brandenburgischen Innenministeriums zu Beginn des Jahres stark angestiegen. Die Statistik wies bis Mitte März schon 310 gestohlene Rinder aus. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 ging es um insgesamt 180 Rinder. Laut Landesbauernverband Brandenburg (LBV) liegt der Schaden bei den betroffenen Betrieben bereits im sechsstelligen Bereich. Für die Landwirtschaft in Brandenburg scheinen die Schäden insgesamt gering zu sein, für betroffene Landwirte kann dies allerdings anders aussehen, zumal die Schäden oft höher als die Versicherungssummen sind.
Der starke Anstieg der Diebstahlzahlen in diesem Jahr war der Anlass, beim Landeskriminalamt die Sonderkommission (Soko) „Koppel“ einzurichten. Nach Angaben der Ermittler hat es seit Bildung der Soko keine weiteren Viehdiebstähle mehr gegeben.
Ob dieser Effekt anhält, bleibt abzuwarten. Möglichweise warten die Täter nämlich nur ab, bis die öffentliche Aufmerksamkeit wieder etwas abflaut. Offenbar haben nicht nur hiesige Medien das Thema aufgegriffen, sondern auch Journalisten und Behörden aus Osteuropa zeigen Interesse. Brandenburgs Innenministerium und der Landesbauernverband wollen nun mit einem Paket von Maßnahmen für Sicherheit im ländlichen Raum sorgen. Die Polizei will dem Verband dabei auch Beratung zur technischen Prävention sowie Schulungen zur IT-Sicherheit anbieten. Brandenburgs CDU hat sich bereits im April für eine Ausweitung der Schleierfahndung im ganzen Land ausgesprochen, um den Druck auf die Diebesbanden zu erhöhen und schnelle Ermittlungserfolge zu erzielen.    Norman Hanert


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Kommentare

Reinhard Pantke:
14.05.2017, 18:10 Uhr

Warum traut sich niemand die einzige nachhaltige, bereits im alten Nordamerika erprobte Maßnahme zu nennen, die kurz- sowie langfristige Wirkung hat?


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