Dabei sein ist nicht mehr alles

Nicht nur potenzielle Austragungsorte drohen das Interesse an den Olympischen Spielen zu verlieren

20.03.17
Die Bereitschaft, sich nach den Olympischen Spielen zu recken und zu strecken, lässt nach: Skulptur vor dem IOC-Hauptquartier in Lausanne Bild: pa

Noch vor einigen Jahr waren die Olympischen Spiele so begehrt, dass zwischen den Bewerberstädten eine Vorauswahl getroffen werden musste. Mittlerweile steht das Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vor dem Problem, überhaupt noch Austragungsorte zu finden.

Das Bewerberfeld für die Sommerspiele 2024 ist auf nur noch zwei Städte, nämlich Paris und Los Angeles, zusammengeschrumpft. Nach dem Verzicht von Hamburg, Boston und Rom hat vor Kurzem auch Budapest Abstand von einer Olympia-Bewerbung genommen. Vor allem die Bürgerinitiative Momentum hatte sich in der Kampagne „Nolympia“ gegen eine Austragung Olympischer Spiele in der ungarischen Hauptstadt engagiert und mehr als 260000 Unterschriften für ein Referendum gesammelt.
Das Scheitern einer Olympia-Bewerbung am Bürgerwillen wie in Budapest ist mittlerweile kein Einzelfall mehr. Auch in München, Hamburg, Stock­holm, Oslo, Krakau und Wien sind Olympia-Projekte an fehlender Unterstützung durch die Bevölkerung gescheitert. Erst vor Kurzem ergab eine Volksabstimmung im Schweizer Kanton Graubünden ein klares Nein zu den Winterspielen im Jahr 2026.
Eine derartige breite Anti-Stimmung wäre noch vor wenigen Jahren schwer vorstellbar gewesen: Noch der Bewerbungsprozess für die Sommerspiele 2012 ist als einer der meistumkämpften in die Geschichte des IOC eingegangen. Allein in Deutschland reichten seinerzeit fünf Städte und Regionen Bewerbungen bei einem nationalen Vorentscheid ein. In der Endrunde setzte sich London gegen Moskau, New York, Paris und Madrid durch.
Inzwischen ist vielerorts die Skepsis gegenüber sportlichen Großereignissen wie den Olympischen Spielen gewachsen. Einen starken Anteil daran hat vor allem die regelmäßige zu beobachtende Kostenexplosion für die nur gut zwei Wochen andauernden sportlichen Großereignisse. Eine Studie der Universität Oxford zeigt, welche Dimension das Problem mittlerweile angenommen hat. Demnach fanden die kostspieligsten Sommerspiele im Jahr 2012 in London statt. Die Ausgaben für die nicht sportbezogene Infrastruktur nicht einmal berücksichtigt, schlugen die Sommerspiele in London mit umgerechnet 15 Milliarden US-Dollar zu Buche. Spitzenreiter bei den Winterspielen war Sotschi im Jahr 2014 mit Kosten von umgerechnet 22 Milliarden Dollar und einer fast 300-prozentigen Kostenexplosion. Laut den Berechnungen der Oxforder Wissenschaftler haben seit dem Jahr 1960 die Olympia-Projekte die ursprünglichen Kalkulationen im Schnitt um 156 Prozent überschritten.
Das Problem der überbordenden Kosten für die Sportstätten wird noch durch die Neigung verstärkt, Olympiabewerbungen meist als Stadtentwick­lungsprogramm nutzen zu wollen. Im Regelfall wird dieses Doppelziel mit hohen Schulden und langfristigen Belastungen für den Erhalt der geschaffenen Infrastruktur erkauft. Sieht man von Ausnahmebeispielen wie etwa München ab, dann sind zudem auch verfallende oder überdimensionierte Sportstätten ein regelmäßiges Erbe von Olympischen Spielen.
Drastische Kostensteigerungen hat es im Zuge der Zeit auch bei den Fernsehübertragungsrechten für die Spiele und den Produktionskosten der Sender gegeben. Zumindest was die öffentlich-rechtlichen Anstalten Deutschlands angeht, zeichnet sich bei dieser Entwicklung erst einmal eine Auszeit ab. Ab dem Jahr 2018 liegen die Olympia-Erstverwertungsrechte für den deutschen Markt bei dem US-Medienkonzern Discovery Communications (Eurosport). Da die Verhandlungen über die Zweitrechte für Olympia-Livebilder zwischen Discovery Communications sowie ARD und ZDF bislang gescheitert sind, werden die vier Olympischen Spiele bis 2024 nicht in hiesigen öffentlich-rechtlichen Programm zu sehen sein. Beobachter rechnen inzwischen damit, dass infolgedessen das Interesse des deutschen Publikums an den Olympischen Spielen abnehmen wird.
Beim IOC scheint mittlerweile ein Nachdenken über die Zukunft der Olympischen Spiele in Gang zu kommen. Diskutiert wird unter anderem, ob im September auf dem Treffen in Lima nicht nur wie geplant die Spiele für 2024, sondern auch gleich die für 2028 vergeben werden. Der Vorteil dieses Vorgehens wäre, dass sich Paris und Los Angeles beide als Gewinner fühlen könnten. Das IOC könnte gleich doppelt profitieren. Zum einen bliebe ihm ein neuerlicher Ansehensverlust erspart, da die reelle Gefahr besteht, dass sonst auch der Bewerbungsprozess für 2028 in einer Hängepartie endet. Zum anderen würde sich die Chance bieten, für die Olympischen Spiele generell ein neues Konzept zu entwickeln. Mit Blick auf den inzwischen erreichten Gigantismus wäre etwa eine Verschlankung der Spiele samt Abkehr von der Durchkommerzialsierung denkbar. Nachgedacht werden könnte aber ebenso über einen festen Austragungsort für die Spiele oder über einen Pool von „Olympiastädten“.    Norman Hanert


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