Das Beste vom Korn

Schnaps ist nicht gleich Schnaps – Wahre Genießer von Alkohol lassen sich für edle Hochprozentige viel Geld kosten

05.04.17
Quelle für „Schnapsdrosseln“: Die Kenner probieren die edlen Tropfen in kleinen Schlucken Bild: Destille Berlin

Beim hochprozentigen Alkohol setzen Kleinbetriebe und Gründer auf eine neue Gegenkultur zur Fabrikware. Kreativität und Glaubhaftigkeit des Produkts sind gefragt – es ist eine Botschaft nicht nur des Geschmacks, wie Anfang April wieder auf einem Berliner Festival zu erleben sein wird.

Der Trend zu handwerklich hergestellten Schnäpsen und Bränden, den sogenannten „Craft Spirits“, findet immer mehr Anhänger. Er folgt einer ähnlichen Entwicklung beim Bier. Im Winter steht das neue Hochprozentige genauso hoch im Kurs wie im Frühjahr, wenn sich die wachsende Szene am 1. und 2. April in der Köpenicker Straße 16–17 auf der deutschen Leitmesse „Destille Berlin“ trifft. Der Aufschwung des handwerklich Gebrauten kommt aus den USA. Rund elf Prozent des Biermarktes nimmt dort Handgebrautes ein. Als berauschende Gegenbewegung zur industriellen Massenware vermarktet, verheißt die neue Schnapskultur auch in Deutschland ein Stück regionale Identität.
„Spirituosen auf höchstem handwerklichen Niveau, kein Bull****“, verspricht das Freimeisterkollektiv. Erfahrung von Brennmeistern und Barkeepern soll sich hier im freien Austausch verbinden, so die Idee. Sogar „Pseudogetreidebrände“ aus Quinoa stehen dort im Angebot. Im Kaffeegeist sind Zitrus- und Tropenfrüchte zu schmecken, aus Amaranth entsteht ein hochprozentiges Gebräu, das „die üb­lichen Erwartungen an Wodka konsequent erschüttert“. Wer heute mit dem Brauen anfangen will, muss erfinderisch sein.
Vom Herrengedeck, dem Korn mit Bier, sind die neuen Destillate so weit entfernt wie japanischer Single Malt Whisky vom verschnittenen Vetter an der Dis­counterkasse. Die Begeisterung am charaktervollen Alkohol hängt an der Marke und deren Bild in der Öffentlichkeit. Sogar „Das Korn“ durchläuft neue Verfeinerungen. So heißt eine 2008 gegründete Spirituosenquelle. Dort „zählt nur eins: ,Das Korn‘ soll die jahrhundertelange Tradition des Kornbrands in der bestmöglichen Version wieder aufleben lassen“.
Das Berliner Traditionsgetränk Mampe lief seit Jahren nur noch schleppend im Verkauf. Kleiner, aber feiner und mit höherwertigen Zutaten, soll der Orangenbitter aus neuen Braukesseln auferstehen. Beim einst als altbacken verschrienen deutschen Jagdbitter gelang der Umschwung schon vor Jahren. In den USA zum aus Eisblöcken servierten Partytrunk umfunktioniert, findet der Likör aus Wolfenbüttel auch in seiner Heimat wieder junge Abnehmer. Die USA sind aber Hauptabsatzmarkt geworden. Auch wenn der US-Umsatz wieder schrumpft, weil jeder Trend einmal abflaut, würden viele Konkurrenten gern an diesen Erfolg anknüpfen, der dem Unternehmen Jägermeister jährlich dreistellige Millionenumsätze beschert. Das war einem neuen Image zu verdanken.
Den neuen Brauherren geht es um mehr als die Vermarktung ihres Bildes beim Kunden. Die Herstellungsart und Idee zählt. Die Größe des Marktes ermittelte für die USA im Oktober der Verband American Craft Spirits für seine 1315 Mitgliederbrennereien. Ein Umsatz von 2,4 Milliarden Dollar (2015) steht neben einem Wachstum von mehr als
27 Prozent in den fünf Jahren 2010 bis 2015. Die Mikrobrenner legen in Deutschland ebenso Wert auf ihre Weltanschauung. Es geht um bewussten Konsum. Für andere ist es eine Geschäftsidee, um als Gründer endlich alles anders zu machen als die Großen der Branche. Der Alkoholsektor als Ganzes ist in der Hand weniger Konzerne. Stagnation eines weitgehend ausgereizten Marktes beschleunigt den Durst nach Neuem. Mehr Konzentration bei Braubetrieben schafft Raum für innovative Produkte. Die kreative Wiederentdeckung alter Traditionen reizt mehr als die Großabfüllung einer im Preiskampf verwässerten Marke. Die neuen Brände finden ihre Nische.
Die einen Brennmeister preisen bayerisches Quellwasser für ihren bajuwarischen Wod­ka. Aus dem Dorf Freyung nördlich von Passau kommt seither „The Best Bloody Vodka in the World“. Das sagt jedenfalls der Preis, den der Stoff 2015 beim Internationalen Wein-und Spirituosen-Wettbewerb er­zielte. Andere greifen die sogenannte Eventkultur auf: Wer Whis­kys verkostet, wünscht mehr Auswahl. Über Exklusivität heben sich kleine US-Whiskyproduzenten ab, rechtfertigen hohe Preise.
Den Appetit der Kunden auf Qualität regt einer der erfolgreichsten neuen Brennmeister so an: „Die aktuelle Brennsaison läuft auf Hochtouren, 120 Obstmaischen sowie einige Mazerate reifen in unseren Gärkellern und die Brennanlage muss fast täglich schuften.“ Die deutsche Stählemühle listet seit dem Start 2006 viele Auszeichnungen, gehört zu den besten der Welt. Messen vermarkten solche Produkte als Er­eignis. Die „Destille Berlin“ will im April 600 Getränke von 70 Ausstellern anbieten. In der Schweiz kamen zur Premiere des Swiss Craft Destillers Festival im Okto­ber 500 Besucher, um 130 Spirituosen von 17 Ausstellern zu verkosten.
Im Internet fachsimpeln derweil Liebhaber über die Gestaltung von Gin-Flaschen, denn das Ge­tränk ist neben dem Whisky Haupttreibstoff der Szene. Die wächst, trotz streng regelnder Vorgaben. Neben einer Genehmigung vom Zollamt benötigt ein Kleinbrenner einen niedrigen fünfstelligen Betrag für eine Einsteigeranlage. Doch der Durst nach dem besonderen Trunk nimmt zu, läuft parallel zum Trend nach „Slow Food“, dem zur Lebensart aufgewerteten Essen.
Neben dem Heimischen finden sich Reisetrends im Glas wieder. Das spezielle Gebräu als Durstlöscher gegen Fernweh oder spirituose Eintrittskarte in ferne Weltgegenden ist ein Verkaufsschlager. Das zeigt sich im Export: Das Edelbräu kleiner Hersteller be­scherte der US-Bierindustrie laut Brewers Association von 2011 auf 2012 ein Exportwachstum von 72 Prozent. Auch in Deutschland wächst die Zahl der Brauereien seit 2003 wieder. Jede zweite hat ihren Sitz in Bayern, und auch beim Brennen haben die Süddeutschen dank Obstler und Kräuterbränden die Nase vorn.
Ein Stück Heimat in der Ferne genoss auch Queen Mum, die Mutter der britischen Monarchin. Sie liebte Wacholderschnaps und ließ sich von Angestellten Gin in Hutschachteln verstecken als Rüstzeug fürs Reisen. Den heute wieder modernen Gin konsumierte sie laut offizieller Biografie schon zum Frühstück, also Prost!
    Sverre Gutschmidt


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