Das diskrete Elend

Sie darben im Verborgenen: Aus Stolz, Scham und Unwissenheit verzichten viele Bürger trotz großer Armut auf staatliche Hilfe

01.09.17
Reicht das Geld für eine warme Mahlzeit? Für viele, besonders ältere Menschen, eine tägliche bange Frage Bild: pa

Sicher gibt es Menschen, die viel und gern von der staatlichen Wohlfahrt in Empfang nehmen. Andere Bedürftige tun dies nicht: Nach Schätzungen von Armutsforschern könnten wohl zwei Dritteln aller Senioren Grundsicherung im Alter beantragen und ihre Rente damit aufstocken. Die meisten wenden sich ebensowenig an den Staat wie viele Erberslose und Alleinerzieghende. Den Herrschenden ist das nur recht. So lässt sich die Mär vom Wohlstandsland aufrechterhalten.

Die ersten Flaschensammler  kommen morgens gegen Vier auf den Platz in der Dresdner Innenstadt. Meist handelt es sich um ältere Männer mit ebenso alten Fahrrädern, die auf dem tagsüber höchst belebten Platz die Abfallbehälter durchforsten. Man kann auf Anhieb erkennen, dass hier keine alkoholisierten Nachtschwärmer unterwegs sind, sondern disziplinierte Frühaufsteher. Diese gehen ihrem „Job“ deshalb so zeitig nach, weil sie möglichst nicht gesehen werden wollen. Und die Chancen hierfür stehen ja auch gut. Die „Flüchtlinge“ in der benachbarten Erstaufnahmeeinrichtung, die den Platz sonst gerne lärmend in Beschlag nehmen, schlafen beispielsweise noch tief und fest.
Zwei Stunden später sind es dann verhärmte Frauen im Rentenalter. Auch sie hoffen auf ein paar Cent Pfandgeld, trauen sich aber nicht schon im Dunkel der Nacht auf die Straße. Also muss der Griff nach dem vielleicht von den Männern übersehenen Leergut diskret erfolgen, während die Leute ringsum zur Arbeit eilen.
So wie die Flaschensammler versuchen viele Menschen hierzulande, die Gesellschaft möglichst wenig mit ihrer eigenen prekären wirtschaftlichen Lage zu konfrontieren. Deshalb verhalten sie sich nicht nur diskret, wenn sie im Abfall nach Verwertbarem suchen, sondern verzichten vielfach auf staatliche Leistungen wie Hartz IV oder Grundsicherung im Alter. Für dieses Phänomen haben Sozialwissenschaftler den Begriff „Verdeckte Armut“ geprägt.
Dieselbige wiederum erleichtert es Politikern vom Schlage der Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), die Situation schönzureden. Als der Paritätische Wohlfahrtsverband im März 2017 seinen neuesten Armutsbericht vorlegte und darin auch auf die anwachsende Altersarmut verwies, meinte Nahles, das Armutsrisiko älterer Menschen sei doch im Vergleich zur übrigen Bevölkerung überaus gering. Dabei kommen mittlerweile sogar die offiziellen Zahlen alarmierend daher: Zwischen 2005 und 2015 (dem Zeitpunkt der letzten „Kleinen Volkszählung“) wuchs die Zahl der als arm geltenden Rentner und Pensionäre, die Grundsicherung bezogen, um 48,6 Prozent. Damit stieg die Armutsquote bei Älteren von 10,7 auf 15,9 Prozent und liegt nun schon leicht über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung (15,7 Prozent).
Weitere Risikogruppen sind Alleinerziehende, Familien mit drei beziehungsweise mehr Kindern sowie Erwerbslose und Beschäftigte mit niedrigem Qualifikationsni-
veau. Hier liegt der Anteil der Armen im Bereich zwischen 25 und 59 Prozent. Ebenso trifft Armut auch Menschen mit Migrationshintergrund überproportional häufig, wobei sich in diesem Falle aber eine andere Tendenz zeigt: Die Armutsquote unter den Migranten sank in den letzten zehn Jahren um 1,8 Prozent, während sie sonst bei sämtlichen anderen relevanten gesellschaftlichen Gruppen anstieg: im Falle der Alleinerziehenden und Erwerbslosen beispielsweise um 11,5 beziehungsweise 19 Prozent.
Das alles sind freilich nur Zahlen, welche besagen, wer Leistungen bezieht und hierdurch in den Statistiken auftaucht. Viele Deutsche beantragen aber keine staatliche Unterstützung, obwohl ihre Einkünfte definitiv unter dem Existenzminimum liegen. Dies resultiert aus Unkenntnis der Rechtslage oder aus Angst, dass dann die Verwandten finanziell herangezogen werden. Ebenso scheuen Bedürftige die teilweise entwürdigenden Prozeduren im Zusammenhang mit der Antragstellung einschließlich peinlicher Kontrollen im persönlichen Lebensumfeld. Bei den Betroffenen mit relativ niedrigen, weil nur aufstockenden Ansprüchen obsiegt oft die Resignation angesichts des bürokratischen Aufwands, der im Verhältnis zum Ergebnis zu hoch erscheint.
Am Ende führt diese Zurückhaltung der Einkommensschwachen zur verdeckten Armut. Über deren Umfang liegen nur Schätzungen vor. So vermutet die Volkswirtin und Armutsforscherin Irene Becker eine Dunkelzifferquote von 68 Prozent bei der Grundsicherung im Alter. Das heißt, mehr als zwei von drei anspruchsberechtigten Rentnern oder Pensionären verzichten wohl auf ihnen zustehende Leistungen! Ähnlich sieht es im Falle der Erwerbslosen aus: Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stellen 40 Prozent derer, die eigentlich Hartz IV beziehen könnten, keinen entsprechenden Antrag. Alles in allem spart der Staat auf diese Weise wahrscheinlich um die
20 Milliarden Euro pro Jahr.
Umso schäbiger ist es, wenn Politiker wie Nahles den Drang vieler Armer zur Selbsthilfe missbrauchen, um die eigene Politik als erfolgreich zu verkaufen. Darüber hinaus besitzt das Ganze natürlich auch deshalb Brisanz, weil diejenigen, welche die Bundesrepublik gerne zum Sozialamt der ganzen Welt machen möchten, gleichzeitig die Mär vom „reichen Deutschland“ verbreiten.
Deshalb trachten viele politische Entscheidungsträger danach, die verdeckte Armut möglichst auch verdeckt zu belassen. Da sind beispielsweise all jene Versuche, die inzwischen zum integralen Teil des Stadtbildes gewordenen Flaschensammler durch speziell konstruierte Abfallbehälter von ihrem Tun abzuhalten. Dabei schrecken die Verantwortlichen nicht einmal vor immensen Kosten zurück. 2014 fielen in Hamburg für 160 solarbetriebene Mülleimer mit integrierter Schrottpresse pro Stück 5000 Euro an! Nachgefragt, warum man für insgesamt 800000 Euro den Ärmsten der Armen auch noch das Pfandflaschen-Zubrot nehme, ließ der Senat der Hansestadt in seiner Stellungnahme verlauten: Bekanntlich werde „die Sicherung des Existenzminimums im Transferleistungsbezug sichergestellt“. Sprich: Wer sich mit Hilfe von Leergut über Wasser zu halten versucht, ist selber schuld daran – soll er doch dem Staat auf der Tasche liegen!
Den gleichen Mangel an sozialem Gewissen offenbart das strikte Verbot des Flaschensammelns auf Bahnhöfen und diversen Flughäfen, das folgendermaßen begründet wird: Man wolle den Reisenden einen angenehmen Aufenthalt garantieren und weder ihr Gefühl für Sicherheit noch für Ästhetik beeinträchtigen. Solche und ähnliche Äußerungen stehen ebenfalls für eine Form der Armut. Arm an Mitgefühl sind in diesem Fall die Verantwortlichen.     
    Wolfgang Kaufmann

Knapp mit 1872 Euro?

Die umstrittene Definition von Armut

Um in Deutschland als arm zu gelten, muss man nicht hungern und in Lumpen herumlaufen. Der Abstand des eigenen Einkommens zum sogenannten Medianeinkommen ist entscheidend. Es bezeichnet die Einkommenshöhe, von der aus die Anzahl der Haushalte mit niedrigeren Einkommen gleich groß ist wie diejenigen mit höheren Einkommen. Wer 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat, ist von Armut bedroht. Bei 50 Prozent ist man offiziell arm. Das gilt zum Beispiel für einen Single-Haushalt, der über weniger als 892 Euro pro Monat verfügt, bei Familien mit zwei Kindern sind es 1872 Euro.
Die Koppelung der Armutsdefinition ans Medianeinkommen wird oft bemängelt. Kritiker wenden ein, dass selbst wenn alle Bürger plötzlich das doppelte Einkommen auf dem Konto hätten, es nach wie vor genausoviele arme Menschen wie vorher nach dieser Zählweise gäbe.
Wie viele Menschen in Deutschland dagegen tatächlich so arm sind, dass sie betteln müssen oder des öfteren Kohldampf schieben, weiß niemand. Die Zahl der Bettler in Städten wie Hamburg, Berlin oder Köln steigt. Darunter sind organisierte Migranten aber auch geborene  Deutsche. Die wenigsten werden ohne große Not dieser entwürdigenden Tätigkeit nachgehen.


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Kommentare

Barbara Müller:
7.09.2017, 22:42 Uhr

Das Problem mit der Grundsicherung ist, wahrscheinlich würden viele, die berechtigt wären eh nichts bekommen, weil ihre Mieten als zu hoch gelten. Gab da schon diverse Dokus über Altersarmut, wobei man sagen muss, das waren keine großen oder Luxuswohnungen, wenn man wenig verdiente konnte man sich die vor der Rente auch nicht leisten. Aber so viele günstige Wohnungen gibt es gar nicht und der ein oder andere möchte sein Umfeld nicht verlieren und weit vor die Stadt ziehen, wie in Grossstädten mit hohen Mietpreisen.


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