Das Staunen der Welt

Ein eigenes Museum für Kaiser Friedrich II. – Dessen Geburtsort Jesi setzt auf Kultur

01.06.18
Mit dem neuen Museum „Federico II Stupor Mundi“ versucht die italienische Industriestadt Jesi bei Ancona, sich auch als Kulturstadt zu positionieren.

Mit dem neuen Museum „Federico II Stupor Mundi“ versucht die italienische Industriestadt Jesi bei Ancona, sich auch als Kulturstadt zu positionieren.

Vor bald 824 Jahren, am 26. De­zember 1194, erblickte der Staufer Friedrich II., Enkelsohn von Fried­rich Barbarossa, in einem Zelt auf dem Marktplatz von Jesi das Licht der Welt. Die Ehe der Eltern, Heinrich VI. und Konstanze von Hauteville, Tochter von Siziliens erstem Normannen-König Ro­ger II., der Sizilien, Kalabrien und Apulien zu einem neuen Königreich vereinigt hatte, war lange kinderlos geblieben. Zudem war Konstanze, als sie Mutter wurde, fast 40 Jahre alt. Um alle Spekulationen im Keim zu ersticken, be­wies sie ihre Mutterschaft mit einer Geburt auf einem öffentlichen Platz.
Jesi spielte in Friedrichs Leben keine weitere Rolle. 1195 hatte der Neugeborene den Ort bereits verlassen. Schon nach drei Monaten übergab Konstanze ihren Sohn der Herzogin von Spoleto. Deren Mann, Konrad von Urslingen, gehörte zu den engsten Vertrauten Heinrichs VI. Am Herzogshof in Foligno bei Assisi verbrachte Friedrich seine ersten Le­bensjahre. Immerhin trägt die heute von einem Obelisken (1845) überragte Geburtsstätte inmitten von Jesis historischer Altstadt seinen Namen. An das historische Ereignis auf der Piazza Federico II erinnerte bisher nur das ins Pflaster eingelassene Textband.
Mit dem neuen Museum „Federico II Stupor Mundi“ im Palazzo Ghislieri erhält die Piazza neues Gewicht. Denn es ist das einzige, das monothematisch an die schillernde Herrschergestalt er­innert. Friedrich II., dessen Herrschaft als König von Sizilien und Kaiser des römisch-deutschen Reiches von der Ostsee bis Sizilien, von Lyon bis Wien reichte, war fast ständig unterwegs. Am liebsten jedoch hielt er sich in Apulien auf. Im multikulturellen Palermo aufgewachsen, sprach er fließend mehrere Sprachen und widmetet sich mit Leidenschaft Innovationen in Wissenschaft, Rechtswesen und Politik. Der von ihm errichtete zentralistische Einheitsstaat konnte als modernster in Europa gelten. Sein Hof war Treffpunkt der besten Wissenschaftler seiner Zeit. Unter ihnen viele Araber, die seinerzeit in allen Disziplinen einen deutlichen Vorsprung hatten. 1224 gründete er eine Universität in Neapel.
In 16 Sälen kann man nun am Leben des Schwaben teilnehmen. Die Themen Geburt, Vorfahren, König von Deutschland, Kaiser, arabisch-normannisch-schwäbisches Sizilien, Luceras Sarazenen, die Kastelle, das Brückentor von Capua, Päpste und Kirche, Kreuzzug, Reich und Gemeinden, Falk­nerei, Kultur und Wissen, das „Staunen der Welt“ (stupor mun­di), Nachkommen und Mythos werfen Schlaglichter auf die wichtigsten Bereiche. Exponate werden durch Multimedia ersetzt, also durch interaktive Installationen, Drei-D-Animationen und maßstabsgerechte Rekonstruktionen.
Als vom Papst gebannter christlicher Herrscher spielte Fried­rich II. Schach mit muslimischen Herrschern, statt ihre Reiche zu erobern. Gewährte den Sarazenen Religionsfreiheit und Privilegien, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Verzichtete auf Krieg und setzte auf Diplomatie, um Jerusalem von den Muslimen zurückzuerobern. Wie Friedrichs Offenheit und Toleranz gegenüber den Arabern und dem Islam tatsächlich zu deuten ist, darüber streiten sich die Wissenschaftler bis heute.
In jedem Fall war er ein „Exot“ seiner Zeit, der die Position des Papstes massiv in Frage stellte. Papst Innozenz IV. fühlte sich von dem selbstherrlichen Staufer derart bedroht und beleidigt, dass er 1246 zum Kreuzzug gegen ihn aufrief.
Friedrich II. starb am 13. De­zember 1250 im Castello Fioren­tino in der Capitanata, dem nördlichen Teil Apuliens. Todesursache war ein Darmleiden, ein Infekt oder auch Krebs. Es gab auch Gerüchte, er sei vergiftet worden. Die spektakuläre Öffnung seines Sarkophages 1998 in der Kathedrale von Palermo auf Sizilien mit Hilfe neuester deutscher Technik sollte Gewissheit bringen. Doch das medienwirksam inszenierte Unternehmen blieb ergebnislos. Denn es war nicht möglich, die Todesursache über eine DNA-Analyse herauszufinden, wie die Forschungsabteilung der seit 1988 in Jesi-Onlus beheimateten „Friedrich II. von Hohenstaufen Stiftung“ mitteilte.
Sichtbarer sind die Spuren seiner immensen Bautätigkeit. Auf Sizilien und an der Ostküste Apuliens entstand eine Phalanx an Verteidigungsanlagen. Es wurden Talsperren, Brücken und Straßen, Hafenanlagen ge- oder ausgebaut und eine Vielzahl an Kastellen errichtet, daneben Jagdschlösser und Brückentore wie das im Mu­seum thematisierte von Capua. Nach neustem Stand werden Fried­rich II. über 280 umgestaltete oder neu errichtete Bauwerke zugeschrieben. Als sein berühmtester Bau gilt das „Castel del Monte“ zwischen den apulischen Städten Andria und Bari. Die achteckige Burg steht seit 1996 auf der Liste des Weltkulturerbes und ziert seit 2001 die Rückseite der italienischen 1-Cent-Münzen.
Der Zeitpunkt der Eröffnung des Museums hing von Finanzfragen ab. Doch er scheint maßgeschneidert für unsere Zeit. Für seine Anhänger war der weltgewandte Kaiser das „stupor mun­di“ oder der „größte unter den Fürsten der Erde“ (principum mundi maximus). Seine Gegner beschimpften ihn als „Fürst der Finsternis“, „König der Pestilenz“, „Drache“, „Sohn des Teufels“ oder „Antichrist“. An seinem Umgang mit Muslimen scheiden sich die Geister – damals wie heute.
    Helga Schnehagen
Museo Federico II Stupor Mundi im Palazzo Ghislieri, Piazza Federico II, in Jesi. Im Sommer täglich geöffnet von 10 bis 13 und 15 bis 19 Uhr. Eintritt: 6 Euro. www. federicosecondostupormundi.it


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Kommentare

Hein ten Hof:
4.06.2018, 17:34 Uhr

Nachfolgendes zitiert aus;
Stupor Mundi - König von Jerusalem
von Dr. Reimund Scheuermann

Im Netz zu finden. Passt auf die heutige Zeit wie Faust auf Auge, möchte man sagen.

>>Man darf sich nicht fragen, ob es dem Freund alles Arabischen schwer gefallen ist, Sizilien von den letzten Arabern zu befreien. Der Kaiser hat das islamische Element auf Sizilien entschlossen und erfolgreich bekämpft, weil es die Ordnung in seinem über alles geliebtem Königreich ernsthaft gefährdete. Kaltes politisches Kalkül zeigt sich bei der Unterwerfung......<<<

Lasst uns mal am Kyffhäuser anklopfen, er ist sicher noch dort. Mit seinem Grossvater.
Die heutige politische Belegschaft könnte mit Gurkentruppe beschrieben werden.


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