Der Film zum Referendum

Neues Biografiedrama zeichnet unkritisches Bild von Erdogan

20.03.17

Spielfilme über historische Persönlichkeiten werden selten schon zu Lebzeiten dieser Persönlichkeiten gedreht. Bei dem über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gedrehten Film „Reis“, der jetzt in der Türkei in die Kinos kommt, ist das anders. Bezeichnend ist bereits der Titel. Im Orient, zu dem die Türkei trotz Beitrittsgesprächen mit der EU gehört, ist ein Name wichtiger als im Westen. Jeder Name hat eine symbolische Bedeutung. „Reis“ ist ein heutzutage in der Türkei kaum noch gebräuchlicher Begriff. Es ist ein aus dem Arabischen entlehntes türkisches Fremdwort, das eher veraltet klingt. Weil es aus der Sprache des Koran stammt, hat es besonders im Türkischen eine religiöse Konnotation. Es heißt so viel wie „Chef“, aber nicht im kumpelhaften Sinne, sondern es klingt eher nach „Führer“ oder religiöser „Herrscher“. Im islamisch-arabischen Raum, aus dem das Wort ja stammt, ließ sich der ägyptische Republikgründer Gamal Abdel Nasser offiziell als „Rais“ anreden. Muammar al-Gaddafi und Hafiz al-Assad ließen sich gelegentlich mit dem Titel anreden.
Von Seiten der Filmemacher heißt es zwar, dass Erdogan den Film nicht in Auftrag gegeben habe und auch über die Dreharbeiten nicht unterrichtet worden sei, aber nichtsdestoweniger passt der Film gut in seinen politischen Kalender. Erdogan hat seine öffentliche Biografie stets sorgfältig kontrolliert, ähnlich wie er bald das ganze Land kontrollieren will. Am 16. April sollen die Türken darüber abstimmen, ob sie ihrem Staatsoberhaupt noch mehr Vollmachten geben wollen. Der Wahlkampfstart der islamisch-konservativen Re­gie­rungs­partei Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP, Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) für das Referendum am 16. April fiel auf dasselbe Wochenende wie die Filmpremiere.
Der Film konzentriert sich auf Episoden, die aus der Erdogan-Hagiographie bereits gut bekannt sind, Neues ist nicht zu sehen. Es wird gezeigt, dass Erdogan schon von Anfang an so war, wie er heute ist. Der Streifen beginnt mit einer Kindheit Erdogans, die im Grunde gar keine war. Der Fokus liegt auf dem Vater, der auf die Hinrichtung des ersten radikalislamischen Ministerpräsidenten Adnan Menderes 1961 mit Verzweiflung reagierte, die sich dem damals siebenjährigen Tayyip für sein Leben eingeprägt hat. Die geschilderte Biografie erinnert an die des Propheten Mohammed, der zunächst abgelehnt sowie von seinen eigenen Leuten geschmäht und vertrieben wurde, bevor er als Prophet und Retter mit aller Macht und Gewalt wiederkam.
Des Weiteren schildert der Film Erdogans Aufstieg zum Oberbürgermeister Istanbuls im Jahre 1994 und die anschließende Amtszeit, bis er 1999 wegen Volksverhetzung ins Gefängnis muss, weil er ein Gedicht aus der alten türkischen Poesie zitierte, das sein eigentliches politisches Programm geworden ist: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“
Mit seiner Haftstrafe von einigen Monaten und einem Erdogan in einer prophetenähnlichen Pose und gleichzeitig transzendiert, endet der Film. Das Biografiedrama zeigt keine Schwächen Erdogans, nicht einmal einen Familienstreit oder einen Kinderstreich, erst recht keine Liebesszenen. Der quasi-offizielle Charakter des Erdogan-Films lässt Menschliches gar nicht zu.    Bodo Bost


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