Der Irakkrieg dient als Blaupause

Die USA bekämpfen Baschar al-Assad aus demselben Motiv, aus dem sie Saddam Hussein bekämpft haben

11.07.17
Beide Staaten liegen zwischen dem South-Pars-Gasfeld im Persischen Golf und der Türkei: Syrien (orange) und der Irak (grün) Bild: Izzedine / CF

Nachdem die US-Marine einen Flugplatz der syrischen Luftwaffe angegriffen und ein US-Jagdflugzeug einen syrischen Bomber abgeschossen hat, befinden sich die USA faktisch mit Syrien im Kriegszustand. Der Vorwand der USA, ihr Militär bekämpfe in Syrien den Islamischen Staat (IS), ist als haltlos entlarvt, in Wirklichkeit geht es Washington nach wie vor nur um eines: den legitimen syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu stürzen und durch eine genehme Marionette zu ersetzen.

Der Vorgang ist nicht ohne ein zeitgeschichtliches Beispiel. Über viele Jahre war der damalige irakische Präsident Saddam Hussein ein wohlgelittener Verbündeter der USA gewesen. Dann entwickelten die Vereinigten Staaten den Plan, durch den Irak eine Gasleitung zu legen, die vom South-Pars-Gasfeld im Persischen Golf bis in die Türkei führen sollte, ein Plan, dem Saddam seine Zustimmung verweigerte. Es handelt sich dabei um dasselbe Gasfeld, um dessentwegen jetzt das Emirat Katar von seinen arabischen Nachbarn bedroht wird.
Ebenso wie damals ist der Plan, eine Pipeline zu bauen, der Grund für den Versuch eines „Regime Change“ (Regimewechsels) mit Gewalt durch die USA. Nur sollte diesmal die bewusste Öltrasse durch Syrien führen, und es ist jetzt Assad, der seine Zustimmung verweigert. In solchen Fällen erkennen regelmäßig die USA mit einem Mal starke demokratische Mängel beim Partner, was man vor der eigenen Bevölkerung und der ganzen Welt als Berechtigung fürs Kriegführen ausgibt.
Diese Zusammenhänge erklären auch, warum in Syrien der IS, solange Assad Russland noch nicht zu Hilfe gerufen hatte, stetig an Boden gewann, obwohl die USA angeblich alles taten, ihn zu bekämpfen. Die militärische Niederlage der Terroristen bahnte sich erst mit der russischen Intervention an. Russland hat damit jedenfalls bis zum heutigen Tage den Sturz Assads verhindert und somit einen langangelegten Plan der USA durchkreuzt. Da diese aber von ihrem Vorhaben nicht abschwören, lassen sich Weiterungen nicht verhindern. Es war nämlich kein Zufall, dass die USA den syrischen Jet im Raum Rakka abgeschossen haben. Denn dort wollen sie eine Militärbasis errichten. Ein Vertrag mit den ortsansässigen Kurden scheint bereits unterzeichnet zu sein. Es geht um den früher stark beschädigten Flugplatz Tabqa, den die USA bereits im März in Besitz genommen und seither wieder aufgebaut haben.
Der geostrategische Hintergrund: Neben kurdischen Einheiten sind im Raum Rakka auch Formationen der Assad feindlich gesonnenen „Demokratischen Kräfte Syriens“ konzentriert, was den Flughafen Tabqa für die USA sehr wertvoll macht. Denn von dort aus könnten sie zusammen mit ihren Verbündeten der Regierung den Zugang zu den nördlichen Ölfeldern und zu den vom IS kontrollierten Gebieten abschneiden. Der Vertrag zwischen den USA und den Kurden kam auch deshalb zustande, weil sich die USA verpflichteten, dafür Waffen an die Aufständischen zu liefern. Heute schon sollen sie mehr als 100 Lastwagen Waffen geliefert haben. Diese Waffen werden dazu beitragen, dass die Kurden ihren Plan zu verwirklichen suchen, endlich einen eigenen Staat zu gründen. Dieser würde indes an die türkischen Kurdengebiete grenzen, was Ankara nicht hinnähme. Vielmehr wäre eine weitere Front eröffnet, von dem Zerwürfnis zwischen den Nato-Partnern USA und Türkei ganz zu schweigen.
Bei einer endgültigen Ausführung dieses strategischen Zuges wäre eine Teilung Syriens in greifbare Nähe gerückt, was für die USA ein nachgeordnetes Kriegsziel darstellt, wenn sich ein kompletter „Regime Change“ nicht durchziehen lässt. Assad wäre erheblich geschwächt, und ein unter USA-Kontrolle stehender nordostsyrischer Teilstaat, ob nun kurdisch oder nicht, könnte die Möglichkeit bieten, die bewusste Pipeline doch noch zu bauen. Da sich die USA mit Waffenlieferungen generös zeigen, dürfte es hinsichtlich einer Baugenehmigung für sowohl die Militärbasis als auch die Gasleitung keinerlei Schwierigkeiten geben.
Es ist allein Moskau, das dem Treiben der USA in der Levante Grenzen setzt. Das russische Verteidigungsministerium ließ verlauten: „Wiederholte Kampfhandlungen der US-Luftwaffe unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung gegen die gesetzlich erlaubten Streitkräfte eines Landes, das Mitglied der Vereinten Nationen ist, sind eine massive Verletzung des Völkerrechts und de facto eine militärische Aggression gegen die Arabische Republik Syrien.“
Nun ist zwar Geduld eine russische Tugend, aber man sollte sie nicht in einer gewissen „time is money“-Mentalität mit Dummheit verwechseln. Eine erste Maßnahme des russischen Militärs in Syrien ist es, überall dort, wo die eigenen Kampfflugzeuge operieren, also im Gebiet westlich des Euphrat, alle Flugzeuge und Drohnen anderer Mächte von Einheiten der russischen Flugabwehr zu begleiten. Sollten US-Jets in solche Gebiete eindringen und sich provokant verhalten, dann, so die russischen Verantwortlichen, würden sie abgeschossen. Auf russischer Seite mutmaßt man indessen: „Die Amerikaner fürchten die russischen Luft- und Weltraumkräfte und prüfen zugleich mit allem Ernst Varianten eines realen Konflikts mit Russland in Syrien.“
Hellwach sind auch die Iraner. Kurz nach dem Abschuss des syrischen Jets schoss das iranische Militär eine Reihe von Raketen auf IS-Ziele in Syrien ab. Das diente nicht nur dazu, dem Islamischen Staat Schaden zuzufügen und die Entschlossenheit Teherans zu unterstreichen, sondern auch als Rache für den kurz zuvor erfolgten Anschlag auf das Parlament in Teheran.    Florian Stumfall


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

seppel Hinterlechner:
15.07.2017, 13:42 Uhr

Der Westen soll sich holen, was er braucht!
Die Scheichs haben lange genug unser Eröl abkassiert.
Fegt sie doch einfach weg.


Ulrich Bohl:
12.07.2017, 09:38 Uhr

Hatten die USA jemals andere Ziele?
Es ging immer um Öl oder Gas. Das
Hegemoniestreben wurde nur mit den
Worthülsen Demokratie und Befreiung kaschiert.
Bezeichnend war die Aussage einer
US-Amerikanerin zum Irakkrieg.
"Wir brauchen doch das Öl".


Annegret Kümpel:
11.07.2017, 17:31 Uhr

Sehr geehrter, lieber Herr Stumfall,
wissbegierig und mit großem Vergnügen lese ich Ihre Artikel in der "Preußischen". Sie haben eine seltene Gabe und das Vermögen, komplexe Vorgänge verständlich darzustellen, ohne das übliche "Geschwurbel". Einfach nur "auf den Punkt" gebracht.
Danke, ich freue mich über jeden neuen Beitrag.
Freundliche Grüße
Annegret Kümpel


Marcus Junge:
11.07.2017, 10:25 Uhr

"Ebenso wie damals ist der Plan, eine Pipeline zu bauen, der Grund für den Versuch eines „Regime Change“ (Regimewechsels) mit Gewalt durch die USA. Nur sollte diesmal die bewusste Öltrasse durch Syrien führen, und es ist jetzt Assad, der seine Zustimmung verweigert."

Kleiner Fehler, da steht "Öltrasse", es geht aber um Erdgas.


Heinrich Zollholzer:
11.07.2017, 09:37 Uhr

Mag sein, das es so ist, wie im Artikel beschrieben. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, die immerhin eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat. Die USA haben eine sehr teure und sehr große Armee. Die Legitimation dafür gabs im Kalten Krieg umsonst, das war der Sowjet, der angeblich sofort Westberlin, Paris und New York einnehmen würde, wäre da nicht diese sehr teure und sehr große Armee der USA. Nach Ende des Kalten Krieg war mit dem Verschwinden der Sowjets die Legitimation dieser riesigen US-Armee, zum Beispiel vor dem US-Bürger, verlorengegangen. Denn Tatsache war ja nun leider: Niemand konnte die USA militärisch bedrohen, die USA und damit die US-Armee hatten militärisch einfach keinen Gegner mehr. Es musste also eine neue Legitimation her, denn freiwillig schrumpfen tut so ein Apparat genau so wenig wie ein aufgeblasenes Katasteramt in Olpe. Die Chinesen taugten aber leider nicht zum Popanz, die sind ja militärisch-außenpolitisch so seltsam passiv, man konnte den US-Bürgern unmöglich verkaufen, das die Chinesen gerne in die USA einmarschieren würden. Also wie die ungeheure US-Armeestärke und damit wie die ungeheuren Gewinne der US-Rüstungsindustrie aufrecht erhalten, die bis dato so schön flossen? Denn so eine Armee ist ja umso lukrativer, je mehr sie sich verbraucht. Sie verbraucht sich zwar schon im Ruhezustand, denn die Technik wird ja marode, muss ausgetauscht werden usw., aber so ein Irakkrieg (nur als Beispiel) war tausendmal lukrativer - was da alles an US-Militärgerät verbraucht wurde, herrlich. Und all das musste Tag für Tag ersetzt werden. Also: Ich vermute, das einer der Hauptursachen für die scheinbar sinnlosen weltweiten Aktivitäten der US-Armee einfach darin liegt, das der politisch-militärische Komplex die gegebene Armeestärke und damit die ungeheuren Gewinne der US-Rüstungsindustrie aufrechterhalten will. Und dafür braucht er Legitimationen, ob das nun Saddam war oder nun Assad, ist eigentlich egal. Der Orient ist einfach ein gutes Feld, um dort diese Abnützungskriege veranstalten zu können, die so sehr ins Geld gehen und das auch sollen. Den zahlen tut das alles ja der US-Bürger mit seinen Steuern, das ist ja das Schöne daran. Und letztlich ist der Gegner der Abnützungsschlachten egal, er sollte freilich nicht über Atomraketen verfügen, das ist ja klar.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.