Der Widerstand endete unter dem Fallbeil

Die Flugblätter der »Weißen Rose« prangerten das NS-Regime an

19.02.18
Münchner Ostbahnhof 1942: Mitglieder der Weißen Rose, kurz vor ihrer Abkommandierung als Sanitäter für die Ostfront Bild: akg images

Die sechste Flugblattaktion wurde der Weißen Rose zum Verhängnis. Am 18. Februar vor 75 Jahren verhafteten die Nationalsozialisten Sophie und Hans Scholl.

Die Gestapo hatte bei den Verhören leichtes Spiel. Das Geschwisterpaar gestand alles und bereute nichts. Nur eines: „die Dummheit“, wie Sophie Scholl sagte, die Flugblätter aus dem zweiten Stock der Ludwig-Maximilian-Universität in den Lichthof herabgeworfen zu haben. Dabei wurde sie vom Hausmeister beobachtet. Die Widerstandskämpfer der Weißen Rose waren enttarnt.
Aus den Protokollen der Vernehmung geht hervor, wie mutig und charakterfest die Geschwister alle Fragen beantworteten, die Biologie- und Philosophiestudentin Sophie, 21 Jahre alt, und der Medizinstudent Hans, 24 Jahre. „Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte … Ich will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“ Mit diesen Worten der Sophie Scholl schließt das Protokoll. Fast wortgleich äußerte sich ihr Bruder.
Ihre sechste und letzte Flugblattaktion richtete sich an die Studenten der Münchner Universität: „Kommilitoninnen! Kommilitonen! Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir! Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigsten Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest unserer deutschen Jugend opfern? Nimmermehr!“
Die jungen Widerstandskämpfer, geboren in Forchtenberg, stammten aus einer liberalen, christlichen Familie mit fünf Kindern. Ihr Vater Robert war überzeugter Pazifist und Demokrat. Im Gegensatz zu der Einstellung ihrer Eltern begeisterten sich Sophie und Hans Scholl anfangs für die Ideen des Nationalsozialismus. Beide waren Mitglieder der Jugendorganisationen Bund Deutscher Mädel (BDM) und Hitlerjugend. Hans nahm als HJ-Fahnenträger 1935 am Reichsparteitag in Nürnberg teil. Er kehrte ernüchtert zurück. Die NS-Parolen erschienen ihm als hohle Phrasen, die mit seinem Traum von einer freien, humanistisch geprägten Welt nichts gemein hatten. Er und seine Schwester kehrten der Hitlerjugend den Rücken und traten in die verbotene Bündische Jugendbewegung ein. 1937 wurde Hans Scholl deswegen verhaftet und angeklagt. Eine Strafe erhielt er nicht. Mit Ausbruch des Krieges arbeitete er in Lazaretten an der West- und Ostfront. Die schreck­lichen Folgen des Krieges verfestigten die Abscheu der Familie gegen das NS-Regime. Vater Robert bezeichnete in seinem Steuerbüro vor Mitarbeitern Adolf Hitler als „Geißel Gottes“. Er wurde denunziert und zu Haft mit anschließendem Berufsverbot verurteilt. Im August 1942 trat er seine Strafe an.
Am 27. Juni 1942 erschien das erste Flugblatt der Weißen Rose, verfasst von Hans Scholl und seinem Freund Alexander Schmorell. Sie schickten es an ausgewählte Empfänger, an Professoren, Autoren, Buchhändler und Studenten. „Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‚regieren‘ zu lassen. Ist es nicht so, dass sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt …?“
Bis September 1942 tauchten weitere drei Flugblätter auf, nun in großer Zahl vervielfältigt auf Matrizen. Im Flugblatt Nummer 2 prangerte die Weiße Rose an, dass Juden auf „bestialischste Art“ ermordet wurden, und rief die Deutschen auf: „Leistet passiven Widerstand, wo immer Ihr seid. Es ist höchste Zeit, diese braune Horde auszurotten.“ Das Flugblatt Nummer 3 gibt konkrete Anweisungen zum aktiven Widerstand. „Sabotage in Rüstungs- und kriegswichtigen Betrieben, Sabotage in allen Versammlungen, Kundgebungen, Festlichkeiten, Organisationen, die durch die nationalsozialistische Partei ins Leben gerufen werden. Verhinderung des reibungslosen Ablaufs der Kriegsmaschine …“
Im Flugblatt Nummer 4 stellt sich die Weiße Rose vor: „Wir schweigen nicht. Wir sind Euer böses Gewissen.“ Im fünften Flugblatt „An alle Deutschen“, erschienen im Januar 1943, entwirft sie ein Bild vom vereinten Europa mit dem föderalistischen Staat Deutschland. „Der imperialistische Machtgedanke muß, von welcher Seite er auch kommen möge, für alle Zeit unschädlich gemacht werden.“
Tausende Flugblätter tauchten in München und Umgebung auf. Sie steckten in Briefkästen, Telefonzellen und an den Frontscheiben von geparkten Autos. Die Gestapo vermutete längst, dass hinter der Weißen Rose Studenten ständen. Die Diktion, philosophische Betrachtungen über das Recht auf freie Rede und gegen staatliche Willkür, deuteten darauf hin.
Nach der Schlacht von Stalingrad bereitet die Weiße Rose die sechste Flugblattaktion vor. In einem Koffer und einer Tasche tragen Sophie und Hans Scholl Stapel in die Eingangshalle der Universität. Um 11.15 Uhr wird Sophie festgenommen, gleich danach ihr Bruder. In seiner Tasche steckt der Entwurf für ein siebtes Flugblatt, verfasst von Christoph Probst.
Sophie Scholl hätte möglicherweise ihr Leben retten können. Der Leiter des Verhörs soll in der jungen Frau eine Mitläuferin gesehen haben, die von ihrem Bruder, dem Kopf der Weißen Rose, verführt wurde. Sophie Scholl wies das zurück. Vier Tage nach der Verhaftung fand der Prozess unter Vorsitz des Präsidenten am Volksgerichtshof, Roland Freisler, statt. Noch am selben Tag wurden die Geschwister und Christoph Probst durch das Fallbeil enthauptet. Alexander Schmorell wurde später gefasst und hingerichtet.
Nach Kriegsende stellten die Amerikaner den Hausmeister der Universität vor Gericht. Er gab an, nur seine Pflicht getan zu haben. Es sei verboten gewesen, Gegenstände in den Lichthof zu werfen. Der Inhalt der Flugblätter habe ihn nicht interessiert. Der Angeklagte erhielt eine Freiheitsstrafe von vier Jahren.    Klaus J. Groth


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Kommentare

Doris Schmidt:
23.02.2018, 23:26 Uhr

„Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‚regieren‘ zu lassen. Ist es nicht so, dass sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt …?“ Dieser Satz könnte durchaus auch aus der heutigen Zeit stammen.


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