Die demografische Uhr tickt

Hier zu viele, dort zu wenige Wohnungen: Brandenburg muss dringend umsteuern

02.07.17
Im Berliner Speckgürtel sind Wohnungen nach wie vor knapp: Neubaugebiet im begehrten Kleinmachnow, südwestlich der Hauptstadt Bild: pa

Berlin gewinnt zwar jedes Jahr neue Anwohner hinzu, viele Alteingesessene aber kehren der Stadt gleichzeitig den Rücken und ziehen ins Umland. Die Probleme Brandenburgs werden durch diese Entwicklung allerdings nur teilweise entschärft.

Forscher des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) warnen in einer Untersuchung davor, dass der Bauboom in Brandenburg in weiten Teilen am wirklichen Bedarf vorbeigehe, gleichzeitig werde an Orten, an denen tatsächlich Bedarf bestehe, zu wenig investiert. Laut der Studie besteht in Potsdam, Cottbus, Frankfurt (Oder) und den Regionen Oberhavel und Teltow-Fläming Wohnungsmangel.
In vielen ländlichen Regionen der Mark werden in den Augen des IW gemessen an der Bevölkerungsentwick­lung dagegen zu viele Einfamilienhäuser neu errichtet. Als ein besonders drastisches Beispiel führt das Institut den Landkreis Ostprignitz-Ruppin an: Dort seien von 2011 bis 2015 202 Einfamilienhäuser entstanden, der tatsächliche Bedarf liegt nach der IW-Untersuchung bei nur 69 Wohnungen.
Die Forscher sehen damit neue Schwierigkeiten auf die betroffenen Regionen zukommen. Aus Sicht des IW verstärken die über den langfristigen Bedarf hinaus gebauten Häuser die Zersiedelung der Landschaften  und die Verödung der Dorfkerne. Zu befürchten ist sogar eine Verstärkung der von den IW-Forschern aufgezeigten Fehlentwicklung. Die extreme Niedrigzinspolitik der EZB hat Baugeld sehr preiswert gemacht und forciert damit eine Fehllenkung von Kapital. Dazu kommt die Motivation von Kommunalpolitikern, durch das Ausweisen von Bauland neue Einwohner hinzuzugewinnen. Zudem scheint oftmals auch das Bewusstsein darüber schwach entwickelt zu sein, was an demografischen Problemen auf Brandenburg, aber auch auf ganz Deutschland zukommt.
Die östlichen Bun­desländer haben durch Abwanderung seit der politischen Wende 1989/90 unterm Strich insgesamt rund 1,8 Millionen Einwohner verloren. Die Umbruchsituation in den 1990er Jahren hat in Brandenburg zudem die Geburtenzahlen massiv einbrechen lassen. Zeitweilig fiel die Reproduktionsrate der Bevölkerung auf einen Tiefstwert von 0,7 Kindern pro Frau zwischen 16 und 45 Jahren (1993).
Die Effekte von Abwanderung und Geburtenknick werden noch durch eine Entwicklung verschärft, die Deutschland in den kommenden Jahren insgesamt prägen wird. Von 2020 an bis Mitte der 2030er Jahre werden fast alle Angehörigen der geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge in Rente gehen. Für Brandenburg heißt dies, dass bereits um das Jahr 2030 jeder dritte Bewohner älter als 65 Jahre sein wird. Damit wird der Bedarf an altersgerechten Wohnungen massiv steigen, allerdings auch das Überangebot an Einfamilienhäusern für Familien. Brandenburg wird allerdings nicht nur das Überaltern der Bevölkerung zu meistern haben. Auch die Entwicklung im sogenannten Speckgürtel rund um Berlin bietet für das Land zwar eine Chance, sie wirft aber auch Probleme auf.
Aus gutem Grund geht das Institut der Deutschen Wirtschaft von einem Investitionsbedarf in einigen Berliner Umlandkreisen aus. Die drastisch gestiegenen Mieten in Berlin würden weiterhin dafür sorgen, dass sich viele Berliner nach Wohnmöglichkeiten in Brandenburg umsähen.
Für einen Teil der Bevölkerung dürfte sich die Neigung zum Umzug noch durch die demografische Entwicklung in Berlin verstärken. Schon jetzt hat fast jeder dritte Bewohner der Hauptstadt einen Immigrationshintergrund. Nach Daten des Amtes für Statistik Berlin/Brandenburg aus dem Jahr 2015 beträgt der Immigrantenanteil in der Gruppe der Kinder unter 15 Jahren bereits 48 Prozent. Große Teile von Berlin werden Jahr für Jahr den Cha­rakter einer deutsche Stadt weiter verlieren.
Wegen der Arbeitsmöglichkeiten wirkt der Speckgürtel um Berlin zudem auch als ein Magnet für die Bewohner von Brandenburgs Randregionen. Bei der Gestaltung dieser Ent­wicklung hat das Land allerdings wertvolle Zeit verschenkt. Die Planer unter Manfred Stolpe (SPD), Ministerpräsident von 1990 bis 2002, hatten zunächst das Konzept der dezentralen Konzentration verfolgt. Zu diesem Zweck hat die Politik gezielt Strukturen in den berlinfernen Randregionen gefördert.
Dabei hat sich zwar die Gründung der Universitäten in Cottbus und Frankfurt (Oder) als Glücksgriff erwiesen. Insgesamt blieb der erhoffte Wirtschaftsaufschwung in den Randregionen Brandenburgs aber aus. Mehr noch: Die Politik hat sich mehrmals in spektakuläre Großprojekte wie etwa den Lausitzring verrannt, die sich am Ende als veritable Fehlschläge entpuppten.
Wesentlich effektiver wäre es stattdessen gewesen, bereits in den 90er Jahren massiv in die Verkehrsanbindung der Berliner Umlandregionen durch S-Bahn und Regionalzugverbindungen zu investieren. Ein Umdenken der Landesregierung auf diesem Gebiet zeichnet sich erst jetzt ab, nach gut 25 Jahren.     Norman Hanert


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