Die Geister, die sie riefen

Berlins selbstverleugnender Größenwahn schlägt auf Deutschland zurück

13.06.18
Die Fahne im Wind: Deutschland fehlt ein Konzept für nationale Außenpolitik Bild: Getty

Nach dem G7-Fiasko soll es nun „Europa“ richten, sagt Merkel. Damit wiederholt sie nur einen  alten Fehler in neuer Verpackung.

Die Ratlosigkeit der Bundesregierung nach dem Fiasko des G7-Gipfels legt die Kernschwäche der deutschen Weltpolitik schonungslos offen. Diese Schwäche besteht in der seit der Vereinigung 1990 fortgesetzten Weigerung, genuin deutsche Interessen zu formulieren.
Stattdessen versteiften sich Bonn und später Berlin darauf, lediglich „europäische“ Ziele verfolgen zu wollen, oder die des „Westens“, wenn nicht gleich der ganzen Menschheit. Die Bundesrepublik wollte zum „Wir“ gehören“, ohne „Ich“ zu sagen.
Entsprechend hilflos und ohne schlüssige Strategie steht die Bundesregierung nun dem ausdrücklich nationalen Vorgehen etlicher Akteure der Weltpolitik − die USA, Russland und China markieren den allgemeinen Kurs − gegenüber.
Berlins Reflex verstärkt noch den Eindruck dieser Hilflosigkeit: Nun müsse „Europa“ umso fester zusammenstehen, barmt die Kanzlerin. In der EU aber ist derselbe Trend zur Renationalisierung der Außenpolitik zu er- kennen wie global. Schlimmstenfalls macht Merkel Deutschland für Länder wie Italien sogar erpressbar, wenn diese erkennen, dass es den Deutschen an einem Plan B mangelt, falls es in „Europa“ zu keiner (für Deutschland erneut teuren) Einigung kommt. Das dürfte Rom zu nutzen wissen.
Zudem schlägt Berlin in der EU mehr Schadenfreude als Solidarität entgegen, falls die USA auf die deutsche Exportwirtschaft losgehen sollten. Die Schadenfreude hat ihre Wurzeln in Merkels Umgang mit etlichen Nachbarn und im Euro-System und seinen Folgen an sich.
Mit der „Energiewende“ von 2011 legte die Kanzlerin einen schockartigen Alleingang hin, ebenso mit ihrer Grenzöffnung von 2015. Kein Partner wurde gefragt. Stattdessen drohte Berlin mit Brüssels Hilfe den ostmitteleuropäischen Staaten sogar, falls sie nicht viel mehr Asylsucher aufnehmen sollten.
Dies hat für viel Verbitterung gesorgt, insbesondere in Ungarn, das durch seine Grenzschließung 2015 der deutschen Kanzlerin den Hals gerettet hat und dafür von ihr beschimpft oder, so sieht man es in Budapest, regelrecht erpresst wurde: Wenn ihr nicht mehr Asylsucher aufnehmt, kürzen wir eure EU-Zuschüsse.
Ebenfalls schlägt auf die Kanzlerin zurück, dass sie das Scheitern des Euro 2012 nicht wahrhaben wollte und will. Infolgedessen reißt eine nicht funktionierende Währung die Gräben immer tiefer auf. Der Euro (zu weich für Deutschland, zu hart für viele andere) hat die Ungleichgewichte im Außenhandel erst provoziert, welche jetzt auch zu dem Krach mit den USA führen.
Eine pragmatische nationale Interessenpolitik im Ausgleich mit den Partnern hätte all das vermeiden können. Deutschland zahlt den Preis für einen selbstverleugnenden Größenwahn.       Hans Heckel


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

James Ostenmoordorf:
13.06.2018, 14:03 Uhr

"Berlins selbstverleugnender Größenwahn"

Der Ausdruck impliziert, dass es sich hier um eigene deutsche Entscheidungen handelte und die BRD souverän wäre. Ist sie aber doch nicht: Art. 120 GG, Art. 139 GG, SHAEF-Gesetze gelten immer noch. Nach wie ein besetztes Land.
Merkels Grenzöffnung von 2015 war gerade KEIN Alleingang, die Anweisung kam aus den USA.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.