»Die Hochstimmung verfliegt«

Die Konjunktur in Deutschland scheint auf hohem Niveau zu schwächeln

08.05.18
Eine erfreuliche Ausnahme bildet die Baubranche, in der die Unternehmen auch im April ihre Lage als unverändert gut einschätzten und ihre Erwartungen merklich nach oben korrigiert haben:Großbaustelle für neue Eigentums- und Sozialwohnungen in Freiburg Bild: Imago

Jahrelang segelte die deutsche Wirtschaft auf einer Euphoriewelle. Doch nun meldet das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in seinem aktuellen Report: „Die Hochstimmung in den deutschen Chef­etagen verfliegt.“ Der Ifo-Geschäftsklimaindex Deutschland ist von 103,3 Punkten im März auf 102,1 Punkte im April gesunken. Der Indikator zur aktuellen Lage und die Erwartungen seien gesunken. Die deutsche Wirtschaft nehme Tempo raus.

Schon seit fast 70 Jahren macht das Ifo-Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München regelmäßig Konjunkturumfragen. Für die aktuelle Ausgabe des Geschäftsreports wurden rund 9000 Manager befragt. Demnach beurteilten die Manager sowohl ihre Geschäftslage als auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate weniger optimistisch als zuletzt. Ifo-Präsident Clemens Fuest warnte allerdings vor Panikmache. „Wir sind weit entfernt von einer Rezession.“ Es sei vielmehr eine Normalisierung.
Im verarbeitenden Gewerbe verschlechterte sich das Geschäftsklima. Die Erwartungen lagen auf dem niedrigsten Wert seit August 2016. Auch bei den Dienstleistern und im Handel trübte sich die Stimmung ein. Am Bau hingegen stieg der Index auf ein Rekordhoch. Die Baufirmen korrigierten ihre Erwartungen merklich nach oben, während sie ihre aktuelle Lage nahezu unverändert einschätzten, heißt es in einer Mitteilung.
Wenn die deutschen Unternehmen ihre Lage auch weiterhin sehr positiv einschätzen, so gibt es doch auch mahnende Stimmen. „Der erneute Indexrückgang ist ein klares konjunkturelles Wendesignal. Dieses stellt die Fortsetzung des Aufschwungs zwar nicht infrage. Dass die Bäume aber nicht in den Himmel wachsen, haben gleich mehrere Konjunkturdaten im ersten Quartal gezeigt. Der Stimmungszenit ist überschritten, und der Wachstumshöhepunkt auch“, erklärte Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe gegenüber dem Nachrichtensender NTV.
Der monatlich erstellte Geschäftsklimaindex des Münchner Instituts wird an den Finanzmärkten aufmerksam verfolgt, gilt er doch als wichtigster Frühindikator für die konjunkturelle Entwick­lung in Deutschland. Seit April wird seine Berechnung auf eine breitere Grundlage gestellt. Neuerdings werden neben dem verarbeitenden Gewerbe, dem Handel und der Bauwirtschaft auch die Dienstleister von dem monatlichen Stimmungsbarometer für Europas größte Volkswirtschaft berücksichtigt. Als Vergleichsjahr wird zudem 2015 statt wie bisher 2005 zugrunde gelegt. Ferner werden die Antworten der befragten Unternehmen anders zusammengerechnet.
„Das Ifo-Geschäftsklima befindet sich formal auf einem Abwärtstrend, doch damit ist weder klar, wie lange dieser anhält, noch wie tief es bergab geht“, sagte der Ökonom Andreas Scheuerle von der Dekabank gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Zwar ging jeder Rezession ein Abwärtstrend des Ifo-Geschäftsklimas voraus, aber nicht jeder Abwärtstrend endete in einer Rezession.“ Scheuerle interpretiert diese Entwicklung der Unternehmensstimmung als eine Renaissance des Realismus nach deutlichen Übertreibungen  und bleibt daher gelassen: „Die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind trotz der Konjunkturdelle zu Jahresbeginn weiterhin robust.“
Der Fondsmanager Thomas Altmann von der Investmentbank QC-Partners erklärte allerdings gegenüber NTV, die vorliegenden Zahlen seien durchaus ein Signal zur Skepsis. Ein ermutigendes Konjunktursignal sehe anders aus. Der aktuelle Aufschwung sei definitiv in der späten Phase angekommen: „Der konjunkturelle Höhepunkt dürfte erreicht oder bereits überschritten sein. Der noch immer drohende Handelskonflikt zwischen den USA und China stimmt die Firmenchefs deutlich skeptischer.“
Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser hatte bei der Vorlage des Frühjahrsgutachtens in Berlin in der vergangenen Woche ebenfalls vor Risiken der Handelsauseinandersetzungen gewarnt. Zwar gehe der Boom noch ein bisschen weiter, allerdings werde die Luft dünner, da die noch verfügbaren gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten knapper würden. Eine Gefahr der „Überhitzung“ – also eines Kippens der wirtschaftlichen Entwicklung – sei aktuelle noch nicht zu befürchten. „Die Inflationsrate steigt zwar, aber moderat“, sagte Wollmershäuser: „Allerdings wird viel auch von der außenpolitischen Entwicklung abhängen.“
Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) teilt in seinem aktuellen Stimmungsbarometer diese Einschätzung. „Der Rückgang der Erwartungen ist vor allem auf den internationalen Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten sowie die aktuelle Situation im Syrienkrieg zurückzuführen“, sagte ZEW-Präsident Armin Wambach dem Portal Businessinsider. Die deutlichen Rückgänge bei Produktion, Exporten und Einzelhandelsumsätzen in Deutschland im ersten Quartal 2018 hätten sich ebenfalls negativ auf die erwartete zukünftige Konjunkturentwick­lung ausgewirkt.
Vertreter der Wirtschaftsverbände erklärten allerdings, dass die generell noch gute Lage auch durch innenpolitische Hemmnisse gebremst werden könne. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Joachim Lang, sagte der Wochenzeitung „Die Zeit“, trotz aktuell guter Zahlen machten „Wachstumsbremsen“ den Firmen zu schaffen. Dazu zählten neben dem Fachkräftemangel auch ein schleppender Breitbandausbau sowie ausbleibende Anreize für private Investitionen.    
    Peter Entinger


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Kommentare

Dietmar Fürste:
8.05.2018, 09:58 Uhr

"Handelskrieg mit den USA und Syrienkrieg" sind nur die halbe Wahrheit der Ursachen hiesiger Probleme.

Beispiel:
SIEMENS Kraftwerksparte und wegbrechende Aufträge: Hier sind vor allem zwei Fakten zu nennen:

Erstens wird - nicht nur hierzulande - durch den Irrwitz der "Klimarettungs"-Energiewende der Bau konventioneller Kraftwerke, und damit der Bedarf an entsprechender Ausrüstung, zu Gunsten von PV und WKA vorsätzlich runtergefahren.

Zweitens haben Länder wie z.B. Indien und China, in denen noch neue konventionelle Kraftwerke gebaut werden, von den Ausrüstungs-Herstellern wie SIEMENS u.a. inzwischen so viel technisches Know-How abgeschöpft, dass sie ihre Ausrüstung jetzt selber bauen können.

Konsequenz der SIEMENS-Führung: Zwangsurlaub und Werkschließungen. Damit wirft man den Hut in den Ring, fügt sich in die Rolle eines Verlierers und läßt es die Belegschaft ausbaden, die man rauswirft.

Was für ein Niedergang der einst weitsichtigen und ethisch verantwortbaren Unternehmenskultur. Aber typisch für einen Ultraliberalismus, der den Wert des schnellen Profits und den Shareholder-Value über den Menschen stellt.

Es ist eine Art von Wegwerf-Mentalität und 'hire and fire'-Taktik, die mit dem früheren Selbstbehauptungswillen deutscher Großunternehmen und deren klugen Management nur noch wenig mehr zu tun hat; alles gerechtfertigt mit der Phrase, das sei eben die Folge der "Globalisierung".


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