Die lauernde Bestie

Zeiten der Unsicherheit und Angst – Schauspielerin Anja Kling über ihre Rolle als Stalking-Opfer

25.10.17
Die Angst ins Gesicht geschrieben: Anja Kling mit Heino Ferch (hinten) in „Angst“ Bild: ZDF/Stefan Erhard

„Stalking“ – Das ist das obsessive Belästigen und Verfolgen einer Person durch einen krankhaft in Liebe oder auch Rachsucht verfallenen Menschen. Und es ist The­ma eines Films, in dem Anja Kling als Opfer zur Höchstform aufläuft. Anlässlich der Premiere traf sich die PAZ mit der Darstellerin.

In den USA hat fast jeder Prominente seinen Stalker. Nahezu im Wochentakt gibt es Gerichtsurteile, wonach sich manche Personen nur auf eine bestimmte Entfernung einem Star annähern dürfen. Frei nach dem Motto, ohne einen besessenen Fan, der dich auf Schritt und Tritt verfolgt, bist du nichts, brüsten sich Zyniker sogar damit, gestalkt zu werden – gilt es doch als Ausweis eigener sozialer Bedeutsamkeit. Welche Perfidie das erreichen kann, konnte man an der TV-Serie „Two and a Half Men“ erkennen, wo der Komponist Charlie seine Nachbarin und Stalkerin Rose als Teil seines Hausinventars hegte und pflegte.
Schauspielerin Anja Kling hat die schwere Aufgabe übernommen, jetzt selbst in einem TV-Streifen ein Stalkingopfer zu spielen. Eigene Erfahrungen damit hat sie im Privaten glücklicherweise noch nicht machen müssen. Das ist aber auch für sie kein Grund, das Thema auf die leichte Schulter zu ziehen oder gar zu verharmlosen, nur um damit ihren eigenen Promi-Status zu untermauern. Wer aber einen Freund hat, der über eine gewisse Zeit gestalkt wurde, der weiß, wie sehr der Gestalkte darunter leidet. Das klingt nämlich nach außen hin immer sehr viel harmloser, als es in Wirklichkeit ist.
Wie ernst vor allem die psychische Belastung auf dem Opfer lastet, das von einem Fremden andauernd beobachtet und bedrängt wird, zeigt der Film „Angst – Der Feind in meinem Haus“, der am 16. Oktober um 20.15 Uhr mit Kling in der Hauptrolle im ZDF ausgestrahlt wird. In dem Drama geht es um ein Paar namens Tiefenthaler (Kling und Heino Ferch), das eine Stadtvilla aus der Gründerzeit erwirbt und mit seinen beiden Kindern darin einzieht. Einzige Bedingung für den Kauf war, dass der von Udo Samel gespielte Herr Tiberius weiterhin im Souterrain des Hauses wohnen bleiben darf. Doch in dem netten Nachbarn schlummert eine Bestie, der die neuen Mitbewohner nicht nur belästigt, sondern auch üble Gerüchte über sie in die Welt setzt.
Letztlich enthüllt der Film, der auf einen Roman des derzeitigen stellvertretenden „Spiegel“-Chefredakteurs Dirk Kurbjuweit be­ruht, die Hilflosigkeit von Stalking-Opfern und die Ohnmacht des Staates: Wie soll man sich gegen diesen Terror wehren, wenn man keine Beweise vorlegen kann?
Anja Kling kann selbst nicht behaupten, dass die Gesetze gegen Stalking zu lasch seien, auch wenn das in der Romanvorlage wie im Film be­hauptet wird. Es sei auch wirklich schwierig für den Staat und für die Justiz, sich anders zu verhalten, denn behauptet ist ja wirklich schnell mal was. Jedes Opfer muss leider die Zeit mitbringen, die es braucht, um zu prüfen, ob jemand wirklich ein Stalker oder nur neugierig, ob jemand bedrohlich ist oder nicht.
Um des Problems Herr werden zu können, komme erschwerend hinzu, dass jeder auch die Psyche des Täters verstehen muss. Ist es ein Hilferuf der Einsamkeit oder das Ergebnis eines Nachbarschaftskrieges, an dem man vielleicht selbst mit Schuld trägt? Im Film wird auch erzählt, dass die Methoden des Stalkers ein Hilfeschrei sind, ein Sich-Wehren gegen Vorwürfe. Und die gestalkte Familie wird ja auch nicht nur als Opferfamilie hingestellt.
Im Film ist der gebürtigen Potsdamerin die Angst förmlich ins Gesicht geschrieben. Dabei fühlt sie sich in komischen Rollen wohler. Im Kino hat sie gerade mit ihrer Sprechrolle in dem Animationsfilm „Emoji“ ihr Können als Smiler (Lächler) bewiesen. Kinofans bleibt sie in Erinnerung als Königin Metapha in Bully Herbigs „Enterprise“-Parodie „(T)Raumschiff Surprise“ von 2004. Sie selbst habe tausende Filmideen mit urkomischen Themen, nur verfilmen wolle die keiner.
Dafür bekommt sie genug TV-Angebote mit ernsten Rollen. Pro Jahr dreht sie rund vier Filme, demnächst ist sie auch in einem „Tatort“ zu sehen, der ebenso wie ihr Stalking-Film „Angst“ kürzlich auf dem Hamburger Filmfest vorgestellt wurde.
Sie hofft, noch lange so gut im Geschäft zu sein, denn mit ihren 47 Jahren nähert sie sich der magischen 50er-Marke, die laut einer Studie, die unlängst ihre Kollegin Maria Furtwängler vorgelegt hat, für TV-Darstellerinnen einen dramatischen Karriere­knick bedeutet. Ab Mitte 40 kommen auf drei männliche eine weibliche Hauptrolle. Und das wird vielleicht auch einmal auf Kling zukommen.
Die Diskussion, die Furtwängler über die Unterpräsentation älterer Schauspielerinnen im Fernsehen angeregt hat, findet Kling daher richtig. Tatsächlich würden Schauspielerinnen über 50 Jahre weitgehend unsichtbar. Man falle als Liebhaberin oder als junge Mutter weg, und man ist auch nicht mehr die Tochter. Man hat dann höchstens noch die Nebenrolle als Polizistin, Anwältin oder Putzfrau.
Oder als Flüchtling: 1989 floh Kling wenige Tage vor dem Mauerfall über die Tschechoslowakei in den Westen. Inzwischen lebt sie wie auch ihre fünf Jahre ältere Schwester Gerit, die es ebenfalls als Schauspielerin nach ganz oben geschafft hat, in der Nähe von Potsdam. Brandenburg-Preußen ist ihre Heimat. Aber zu Hause fühlt sie sich überall da, wo ihre Familie ist.    Harald Tews


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