Die Sprach-Rempler

Die vor 400 Jahren gegründete »Fruchtbringende Gesellschaft« und ihre späten Früchte in der heutigen Welt

30.08.17
Fremdwörterbuch? Im Zeitalter, das weniger von Fakten als von Emotionen lebt, ist „postfaktisch“ als neuer Eintrag in die 27. Auflage des Rechtschreibdudens aufgenommen worden Bild: Imago

Seit 400 Jahren gibt es so etwas wie eine Sprachpolizei. Am 24. Au­gust 1617 wurde mit der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ in Weimar eine Akademie zur Pflege der deutschen Sprache ge­gründet. Am Vorabend des Dreißigjährigen Krieg erkannte man, dass man das Volk mit sprachlichen Regeln „anstupsen“ müsse, damit es im Land zu Veränderungen kommt. So läuft das bis heute.

Jüngst ist die 27. Auflage des Dudens erschienen. Ge­genüber der früheren Auflage des Rechtschreibwörterbuchs der deutschen Sprache sind 5000 neue Wörter aufgenommen, darunter Anglizismen und Fremdwörter wie Selfie (Selbstporträt per „Smartphone“), Undercut (ein Frisurenschnitt), facebooken (Verbform von: sich mit „Facebook“ beschäftigen), Hygge (Dänisch für Gemütlichkeit), queer (alles andere als heterosexuell) oder Fake News (Falschnachrichten).
Hätten die Mitglieder der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ heute noch das Sagen, dann wären Sie gegen diese Sprachverhunzung wohl Sturm gelaufen. Als Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen vor 400 Jahren die Sprachgesellschaft ins Leben rief, ging es ihm und seinen Mitstreitern, darunter Herzog Wilhelm IV. von Sachsen-Weimar, gerade da­rum, alles Fremdsprachliche aus Wissenschaft und Dichtung zu verbannen. Denn die Gelehrten- und die Dichtersprache war größtenteils noch Latein. Daran änderte auch Luthers Bibelübersetzung nicht sehr viel, die zunächst nur dafür sorgte, dass die deutsche Sprache in den reformierten Kirchen einzog.
Da die Gründungsväter der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ dem protestantischen Glauben nahestanden, ging es ihnen da­rum, dass Deutsch zur Standardsprache in allen gesellschaftlichen Bereichen wird. Ziel sei es, so hieß es 1622: „Fürs ander / daß man die Hochdeutsche Sprache in ihren rechten wesen und
standt / ohne einmischung frembder außländischer wort / auffs möglichste und thunlichste erhalte / uñ sich so wohl der besten außsprache im reden / alß der reinesten art im schreiben uñ Reimen-dichten befleißige.“ In ihrer Blütezeit bis 1680 hatte die Gesellschaft über 500 Mitglieder, darunter die Barockdichter Gryphius, Opitz, Zesen, und Harsdörffer.
Die Brüder Grimm mit ihrem „Deutschen Wörterbuch“ und schließlich Konrad Duden mit dem nach ihm benannten Lexikon setzten die Anstrengungen nach einer einheitlichen Nationalsprache fort. Dabei diente die Sprache auch einer politischen Willensbildung. Im Kampf um die Einheit einer deutschen Nation im
19. Jahrhundert suchte man in der Sprache einen gemeinsamen Nenner, unter dem sich alle Volksgruppen – Ostpreußen, Schlesier, Bayern, Rheinländer, Hanseaten – vereinen ließen.
Sprache diente seit jeher politischen Zwecken. So verfolgte schon die „Fruchtbringende Gesellschaft“ die Absicht, eine deutsche Hochsprache durchzusetzen, damit sich auf diese Weise der Protestantismus durchsetzt. Dichter wie Gryphius oder Opitz, die zu Beginn ihrer Karriere auf Latein dichteten, sorgten mit ihren deutschen Sonetten dafür, dass andere nachzogen. Sie „stupsten“ ihre Kollegen praktisch an, es ihnen gleichzutun.
„Nudging“ heißt dieses vom US-Verfassungsrechtler Cass Sunstein und dem Verhaltensökonomen Richard Thaler in ihrem Buch „Nudge – wie man kluge Entscheidungen anstößt“ propagierte „An­stupsen“ auf Englisch, und das hat sich unter diesem Fremdbegriff inzwischen längst in die Politik eingeschlichen. Dort herrscht inzwischen ein elitärer Politsprech, der sich wenig von den Zeiten der Fruchtbringenden Gesellschaft unterscheidet. Hat der Gelehrten- und Dichterzirkel damals mit dem Latein sein Herrschaftswissen gegenüber dem un­gebildeten und größtenteils analphabetischen Volk im Verborgenen gehalten, so zieht die politische Klasse heutzutage sprachlich eine Trennlinie zu den einfachen Leuten durch Anglizismen oder Neologismen, also Wortneuschöpfungen. Weil Zuwanderer keine Flüchtlinge sind, man mit ihnen aber trotzdem Mitleid ha­ben soll, heißen sie jetzt „Geflüchtete“. Und die „Willkommenskultur“ ersetzt die deutsche „Gastfreundschaft“ für „Gastarbeiter“, ein Begriff, der jetzt vermieden wird, weil „Gäste“ wieder gehen.
Nichts verdeutlicht stärker die politische Scheidewand zwischend der Politik und der Gesellschaft als der Versuch, uns die Leichte Sprache und die Gendersprache schmackhaft zu machen. Als „Nudges“, „Anstupser“, lässt man ganz offizielle Testballons fliegen. Zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein Anfang Mai erhielten alle „WählerInnen“ eine „Wahl-Benachrichtigung für die Wahl zum Land-Tag“, die in Leichter Sprache erklärte: „Sie können am Wahl-Tag zur Wahl gehen.“
Eine Sprache, die für geistig Behinderte oder Immigranten verständlich sein soll, wird so zum neuen Hochdeutsch für alle. Manche Medien geben den willigen Helfer dieser neuen fruchtbringenden Gesellschaft. Die „Augsburger Allgemeine“ veröffentlicht bereits seit einiger Zeit Nachrichten auch in Leichter Sprache.
Nicht erst seit dem „Neusprech“ in George Orwells „1984“ wissen wir, dass Sprache ein ideales Mittel für politische Manipulation ist. Ein „Euro-Rettungsfonds“, den die Politiker gerne im Munde führen, ist praktisch dasselbe wie ein „Euro-Krisenfonds“, letzterer ist aber näher an der Wahrheit dran.
Eine „Krise“ bewirkt eine Abwehrhaltung, eine „Rettung“ aber setzt auf Emotionen. Und genau das ist es, was solche sprachlichen Mogeleien anstupsen sollen: das solidarische Verhalten der Masse mit den politischen Entscheidungsträgern.
Im Kanzleramt beschäftigt sich eine auch linguistisch geschulte Projektgruppe mit diesen sanften Propagandamethoden des „Nudgings“. Die Projektleiterin heißt Eva Christiansen und steht auch dem Referat „Medienberatung“ vor. Hier ist eine Fruchtbringende Gesellschaft am Werk, die ihre neuen sprachlichen Früchte über die Medien direkt zu verbreiten weiß. Und das Gute für die Regierenden: Der Bürger merkt noch nicht einmal, wie er sprachlich ausgetrickst wird und Ausdrücke wie „Verpartnerung“, „Hasskriminalität“ oder „postfaktisch“ kritiklos übernimmt.    Harald Tews


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