Die vergessene Tragödie

Hungerkatastrophe im Jemen hat nicht nur etwas mit Trockenheit zu tun – USA und Saudis mischen mit

17.04.17
Unschuldige Opfer: Die Seeblockade bringt Hunger und Leid über die Jemeniter Bild: pa

Im deutschen Fernsehen wurde vor Kurzem auf die traurige Tatsache des Hungers in Afrika hingewiesen. Neben einigen anderen Ländern war die Rede von dem Afrika benachbarten Jemen, und der geographische Ausgriff war nicht die einzige Abweichung von dem Thema. Denn dass im Jemen Hunger herrscht, ist zwar leider richtig, falsch dagegen ist, wenn dieser, wie im TV geschehen, ausschließlich auf die Trockenheit zurückgeführt wird. Der Hunger im Jemen ist vor allem die Folge einer Seeblockade, die vor zwei Jahren von Kriegsschiffen aus Saudi-Arabien und den USA verhängt wurde und seither anhält.

Diese Seeblockade ist Teil eines Stellvertreterkrieges zwischen den USA und dem Iran. Für die USA kämpfen im Wesentlichen die dem Jemen benachbarten Saudis und sie erhalten vom Auftraggeber reichlich Unterstützung. Der Iran hingegen stärkt die Sache der Huthi, die ebenso wie der Iran Anhänger der Schia, der zweitgrößen konfessionellen Gruppe des Islam, sind und somit geborene Gegner der Saudis, der Bannerträger der Sunna. Diese Verteilung hat zudem den Vorteil, dass sie erlaubt, die geostrategischen Interessen der USA als innermoslemischen Streit zu tarnen.
Ohne Zweifel ist die Seeblockade ein Kriegsverbrechen, weil ihr hauptsächlich am Kriege Unbeteiligte zum Opfer fallen, nämlich Frauen, Kinder, Kranke und Alte. Es ist auch nicht nur Hunger, den die Blockade hervorruft, gleichzeitig verursacht sie einen schmerzlichen Mangel an Medikamenten und medizinischen Versorgungsgütern sowie Brennstoff. Schon vor dem Krieg war der Jemen in hohem Maße von Importen abhängig und bezog 90 Prozent seiner Grundnahrungsmittel aus dem Ausland. Daran kann man ermessen, wie stark es sich auswirken muss, wenn diese Zufuhr abgeschnitten wird. Dazu kommt, dass die Saudis keineswegs nur militärische Ziele bombardieren, sondern ebenso Lebensmittelfabriken, Hühnerfarmen und Hafenanlagen. Alle größeren Brücken sind zerstört; es gibt kaum eine Möglichkeit, Hilfsgüter in abgelegene Landesteile zu bringen. Diese wenigen Güter gelangen über den Hafen von Hodeida insoweit ins Land, als einige Schiffe die Blockade durchbrechen können oder zu den wenigen zugelassenen offiziellen Hilfsschiffen gehören. Doch diese haben, auch wenn sie anlanden können, Probleme mit dem Löschen der Fracht, denn auch alle Kräne sind zerbombt.
Jedenfalls planen die Saudis und die mit ihnen verbündeten Vereinigten Arabischen Emirate, Hodeida zu erobern. Wäre der Hafen geschlossen, so könnten sie abwarten, bis in Sanaa niemand mehr lebt. Das Pentagon verlangt nun von der Regierung in Wa­shington freie Hand, um der Saudi-Koalition bei der Eroberung von Hodeida zu helfen. Die Begründung: „Wenn nicht bald Entscheidungen getroffen werden, dann fürchten wir, dass die Lage im Jemen eskalieren könnte und unsere Partner ihre Aktion trotzdem durchführen.“ Mit anderen Worten: Die USA wollen das Heft in der Hand behalten und dabei weiterhin die Saudis als den hauptsächlichen Kriegsherrn gelten lassen. Die Initiative geht von ganz oben aus: US-Verteidigungsminister James Mattis drängt den nationalen Sicherheitsberater im Weißen Haus, Herbert R. McMaster, alle Einschränkungen hinsichtlich einer US-Invasion im Jemen aufzuheben. Das würde helfen, die „gemeinsame Bedrohung“ zu bekämpfen, als welche eine schiitische Autonomie im Norden des Jemen angesehen wird. Wenn dann und wann die Nachricht nach Europa gelangt, ein saudisches oder ein US-Schiff sei mit Raketen angegriffen worden, so ist dies Zeugnis des  verzweifelten Versuchs der Huthi, sich und ihren Leuten ein wenig Luft zu verschaffen.
Europa erfährt wenig von diesem Krieg. Zu genau derselben Zeit, als die westlichen Nachrichten über­quollen von Bildern einiger tausend Menschen, die in Russland protestierten, wurde eine Demonstration in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa völlig unterschlagen. Dabei waren es dort rund eine Million, die auf die Straßen gingen. Wie in Europa, so in den USA: Weder die „New York Times“ noch die „Washington Post“, die sich ansonsten anmaßen, das Geschehen der Welt zu reflektieren, brachten auch nur eine Zeile.
Dabei zeigen allein einige Zahlen, wie schwer es sein muss, die Kämpfe im Jemen zu übersehen: Die Saudis rühmen sich, während der bislang zwei Jahre, die der Krieg andauert, 90000 Bomben abgeworfen zu haben. Das macht pro Tag 123 Bomben. Die Huthi behaupten, sie hätten 176 gepanzerte Fahrzeuge, 643 minensichere Fahrzeuge, zwölf Apache-Kampfhubschrauber, 20 Drohnen und vier Hubschrauber abgeschossen. Die Zahl ihrer Raketenangriffe beziffern sie auf 109. Was die Drohnen-Angriffe der USA angeht, denen überwiegend Zivilisten zum Opfer fallen, so spielt der Militärstützpunkt im deutschen Ramstein eine ebenso wesentliche wie unrühmlich Rolle, von der Bundesregierung teils geleugnet, teils totgeschwiegen.
Beschämend ist auch die Rolle der Vereinten Nationen. Sie beziffern die Zahl der Toten auf lediglich 5000. Das aber erscheint angesichts der Tatsache sehr wenig, da allein der Schlag auf eine Begräbnis-Halle in Sanaa über 800 Opfer gekostet hat. Außerdem haben die Saudis eingestanden, Streubomben zu verwenden, eine Munition, die international geächtet ist und verheerende Wirkung ausübt. Vor allem kann sie nicht gezielt eingesetzt werden, sondern vernichtet flächenweise alles Leben. So kann nicht erstaunen, dass andere Quellen von 100000 Toten sprechen. Um wenigstens seitens der UN keine weiteren Mäkeleien mehr hören zu müssen, haben die Saudis gedroht, alle Zahlungen für Hilfsprojekte einzustellen, wenn weiterhin von Kriegstoten im Jemen die Rede sein sollte. Die UN fügten sich.    
    Florian Stumfall


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