Ein gerechter Kampf gegen die Sklaverei?

Warum es im Sezessionskrieg zwischen den Vereinigten und den Konföderierten Staaten von Amerika wirklich ging

04.09.17
Noch steht sie in Charlottesville: Robert-E.-Lee-Statue Bild: CF

Die Tötung einer linken Gegendemonstrantin durch einen rechten Demonstranten in Charlottesville hat den derzeit in den Südstaaten tobenden Machtkampf um den Umgang mit der eigenen Vergangenheit und die Deutungshoheit über den Sezessionskrieg ins Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit gestellt. Wie in Deutschland gibt es derzeit auch in den Südstaaten der USA einen verstärkten Versuch des Linksliberalismus, die die Souveränität kostendende eigene Niederlage gegen die USA zu beschönigen und damit die heutige Fremdbestimmung durch Wa­shing­ton zu legitimieren und zu verfestigen. Dazu gehört, dass die eigene, unterlegene Kriegsseite kriminalisiert und moralisch diskreditiert wird. Dabei wird ähnlich polemisch und geschichtswissenschaftlich unzulässig wie der Kampf der USA gegen das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg zu einem Krieg gegen die Tyrannei der Kampf der USA gegen die Konföderierten im sogenannten Amerikanischen Bürgerkrieg zu einem Krieg gegen die Sklaverei herunter gebrochen.
Dabei trieft schon der Begriff „Amerikanischer Bürgerkrieg“ von Geschichtspolitik. Wenn die EU den Brexit nicht akzeptiert hätte, in Großbritannien einmarschiert wäre und das Land annektiert hätte, würden wir dann von einem „Europäischen Bürgerkrieg“ sprechen? Wenn die
Sowjetunion 1990/91 den Austritt der baltischen Staaten nicht akzeptiert hätte, ins Baltikum einmarschiert wäre und es annektiert hätte, würden wir dann von einem „Sowjetischen Bürgerkrieg“ sprechen? Aber wie selbstverständlich sprechen wir vom „Amerikanischen Bürgerkrieg“, wenn die USA den Austritt der Südstaaten nicht akzeptieren, in die Südstaaten einmarschieren und sie dann annektieren.
Und damit sind wir beim springenden Punkt. Der Sezessionskrieg brach aus, weil die USA nicht bereit waren zu akzeptieren, was die EU und die UdSSR, wenn auch zähneknirschend akzeptiert haben: den Austritt aus der Union. Wie wenig sich die USA an der Sklaverei störten, zeigen allein schon die beiden Tatsachen, dass es im Sezessionskrieg nicht nur auf Seiten der Konföderierten, sondern auch auf jener der Union Sklavenhalterstaaten gab und dass die von Präsident Abraham Lincoln geführte Regierung der Union am 22. September 1862 mit der berühmten Emanzipationsproklamation die Sklaverei in den Staaten des Kriegsgegners, nicht aber in den auf der eigenen Seite kämpfenden Sklavenhalterstaaten abschaffte.
Dass es überhaupt zu der Austrittswelle aus der Union kam, die dann zum Sezessionskrieg führte, lag an einer Meinungsverschiedenheit, die überraschend aktuell ist. Genauso wie heute in der EU war damals in den USA umstritten, ob es sich bei der Union um einen Staatenbund oder einen Bundesstaat handele und ob demzufolge das Recht der Bundesstaaten oder das des Bundes entscheidend sei. Als die Nordstaaten einen Bundesstaat mit dem dazugehörigen Primat des Bundesrechts durchzusetzen versuchten, traten die Südstaaten aus.
Letztere argumentierten, dass sie weiland freiwillig und aus eigener Souveränität in einen Staatenbund eingetreten seien und dass, wenn nun dieser Staatenbund unter dem Einfluss der Nordstaaten in einen Bundesstaat umgewandelt werde, sie das Recht hätten, auch wieder auszutreten. Seitens der Nordstaaten wurde hingegen argumentiert, dass in einem Bundesstaat eine Minderheit nicht einfach austreten könne, wenn ihr die Mehrheitsmeinung nicht passt. Folglich ging Washington gegen den Austritt der Südstaaten mit Waffengewalt vor und erzwang dessen Revision.
Wenn aus der EU derzeit ein Land austritt, muss es, wie das Beispiel Großbritannien zeigt, zwar die Entfesselung eines Wirtschaftskrieges durch Brüssel befürchten, aber doch keinen blutigen Widerstand. Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika zeigt allerdings, dass sich das bei der von vielen europäischen Politikern unter dem Schlagwort „Vereinigte Staaten von Europa“ oder „vertiefte Integration“ mehr oder weniger offen geforderten weiteren Entwick­lung der EU von einem Staatenbund zu einem Bundesstaat irgendwann durchaus ändern könnte.
Schließlich gibt es noch einen wichtigen wirtschaftlichen Interessensgegensatz zwischen Nord- und Südstaaten, der zum Krieg führte. Die Südstaaten hatten eine stark agrarisch geprägte Volkswirtschaft mit einem auf dem Weltmarkt sehr erfolgreichen Exportprodukt, nämlich der Baumwolle, und waren an günstigen Importen von Industrieprodukten interessiert. Die Nordstaaten hingegen hatten eine aufstrebende, aber noch nicht konkurrenzfähige Industrie und war deshalb an Schutzzöllen interessiert, welche die Südstaaten zwangen, ihre Industrieprodukte denen auf dem internationalen Markt vorzuziehen. Der Süden war demzufolge für Freihandel und der Norden für Protektionismus.
Statt auf einen Kampf zwischen einem Sklaverei betreibenden Süden und einem diese ablehnenden Norden ließe sich der Sezessionskrieg mit nicht weniger Recht auf einen Kampf eines Protektionismus betreibenden Norden gegen einen diesen ablehnenden Süden herunterbrechen. Das wird das die Geschichtspolitik dominierende linksliberale, yankeefreundliche Establishment jedoch kaum tun, schon gar nicht gegen­über einer auf freie Märkte angewiesenen Exportnation wie der deutschen.    Manuel Ruoff

Der Streit um das Robert-Edward-Lee-Denkmal in Charlottesville

In der Auseinandersetzung in Charlottesville ging es grundsätzlich um den Umgang mit den Konföderierten, aber konkret um den Plan der Stadtverwaltung von Charlottesville, nach der bereits im Juni erfolgten Umbenennung des Lee Park in Emancipation Park auch das in der Grünanlage stehende Denkmal für Robert Edward Lee zu entfernen.
Dieser Plan hat patriotisch empfindende Südstaatler umso mehr erbost, als der Oberbefehlshaber des konföderierten Heeres nicht nur wegen seiner militärischen Leistungen über die Grenzen seiner Heimat hinaus Verehrung genießt. Seine viel gerühmte Ritterlichkeit sticht umso mehr hervor angesichts von gegnerischen Nordstaatengenerälen wie William T. Sherman, welche die Totalisierung des Krieges betrieben.
Deshalb wurde in der Vergangenheit bei der moralischen Verurteilung der Konföderierten tunlichst darauf verzichtet, auf Lee zu sprechen zu kommen. Damit, dass nun selbst Lee ins Visier genommen wird, ist eine neue Stufe bei der Kriminalisierung der Südstaaten erreicht, die keine Tabus mehr zu kennen scheint.    M.R.


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Kommentare

Martin Kratz:
10.09.2017, 16:34 Uhr

Was für ein toller Artikel. Endlich mal jemand, der "The War of Northern Aggression" richtig analysiert.

Übrigens war Lincoln kein prinzipieller Gegner der Sklaverei.

Eines seiner Zitate ist: "Wenn wir die Sklaven befreien müssen, um diesen Krieg zu gewinnen, dann müssen wir das tun." Es waren Nützlichkeitserwägungen nicht Menschliebe, die ihn dazu bewogen haben.

Es diente der Destabilisierung der Wirtschaft des Gegners und der Propaganda. Es war aber keinesfalls der Grund für diesen Krieg.

Die Ururgroßmutter von Lee war übrigens die 1. First Lady der USA und Frau von George Washington, der wie Trump direkter Nachfahre des englischen Königshauses ist.

Grant ist ebenfalls ein direkter Nachkomme des englischen Königshauses.

Insofern dürfte auch der Amerikanisch/Englische Unabhängigkeitskrieg anders gelaufen sein, als uns das üblicherweise dargelegt wird.


Michael Vorleuter:
10.09.2017, 11:12 Uhr

Der Verfasser, M.R., stellt eine unorthodoxe Bewertung des Amerikanischen Bürgerkrieges auf, welche leider nicht zum besseren, sondern zum schlechteren historischen Verständnis beiträgt.

Tatsächlich kann der Civil War, wie jeder andere Konflikt, nicht in ein einfaches schwarz-Weiß oder Gut-Böse Schema gepresst werden. Was an der zu einseitigen Inschutznahme der Südstaaten jedoch keine Beachtung fand ist die Tatsache, dass die Konföderierten nach einer vernichtenden bundesweiten Wahlniederlage ihrer Kandidaten die Kriegshandlungen eröffneten.

Sinnvoller wäre die Frage, ob das wirtschaftlich wie auch politisch nicht lebensfähige Konglomerat der nicht mehr zeitgemäßen Sklavenhalterstaaten nicht auch ohne Krieg nach einer kurzen Phase des Niedergangs sich wieder freiwillig den prosperierenden Nordstaaten angeschlossen hätte.

M.V.


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