Ein Herz für Preußen

Zum Tod des Unternehmers und Mäzens Werner Otto

04.01.12
Werner Otto: 2003 besichtigte er das damals renovierte Belvedere in Potsdam. Bild: M. Kappeler/dapd

Kaiserwetter in Potsdam: Vom glasklar blauen Himmel strahlt die Sonne auf die durchaus illustren Gäste, die das Wiedererstehen des Belvedere feiern. Unter ihnen ein eher unauffällig wirkender freundlicher älterer Herr. Erst als der Bundespräsident ihn in seiner Festrede lobend erwähnt, richten sich für einen Moment alle Blicke auf ihn. Und er genießt diesen Moment, erkennbar voller Freude, dass dieses Werk so gut gelungen ist.
Bei aller preußischen Bescheidenheit – ein wenig Stolz auf seinen Anteil an diesem Gelingen war wohl auch dabei. Völlig zu Recht. Denn ohne die finanzielle Unterstützung des Versandhausgründers Werner Otto wäre dem Bauwerk auf dem Potsdamer Pfingstberg wohl das Schicksal beschieden, das ihm die DDR-Oberen zugedacht hatten: eine still vor sich hin verfallende Ruine, aus dem öffentlichen Bewusstsein und schließlich sogar aus dem Stadtplan gelöscht.
Das Ende der DDR kam gerade noch rechtzeitig, um das Belvedere vor dem Ende zu bewahren. 1994 konnte die neue Eigentümerin, die „Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg“, mit der behutsamen Renovierung beginnen. Sie suchte Mäzene und fand sie in Hamburg: Werner Otto und die Hermann-Reetsma-Stiftung spendeten siebenstellig. Gemeinsam mit tausenden Kleinspendern ermöglichten sie, dass der Prunkbau so wiedererstehen konnte, wie 1861 unter Wilhelm I. vollendet.
Werner Otto, 1909 im brandenburgischen Seelow geboren, nach dem Krieg aus Westpreußen nach Hamburg vertrieben, hatte dort 1949 einen Versandhandel für Schuhe gegründet. Daraus erwuchs der Otto-Versand, heute mit über 15 Milliarden Euro Jahresumsatz in der Weltspitze. Die Familie zählt zu den reichsten in Deutschland.
Erfolg und Reichtum aber hinderten Werner Otto nicht, preußischen Tugenden treu zu bleiben. Sein Motto war: Reichtum verpflichtet! Der erfolgreiche Unternehmer, so sein Credo, hat Verantwortung nicht nur für die bei ihm Beschäftigten, sondern für die Gesellschaft insgesamt zu tragen.
Schon 1969 hatte er eine Stiftung gegründet, die bis heute mit 20 Millionen Euro medizinische Forschungsprojekte unterstützte, darunter ein Behandlungszentrum für krebskranke Kinder. Eine weitere, zum 100. Geburtstag gegründete Stiftung hilft armen älteren Menschen in Berlin und Brandenburg.
Neben zahlreichen sozialen Projekten hat sich Werner Otto vor allem in der Pflege des kulturellen Erbes Preußens engagiert. Neben dem Belvedere in Potsdam ist hier vor allem das Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt zu nennen. Hier ließ der Hamburger Versandhauschef sich die Gestaltung eines neuen Veranstaltungssaales 4,5 Millionen Euro kosten.
Wenige Tage vor Weihnachten ist Werner Otto im Alter von 102 Jahren verstorben. Es bleibt die Erinnerung an einen Menschen, der große unternehmerische Visionen mit gesundem Menschenverstand und Verantwortungsbewusstsein im preußischen Sinne zu paaren verstand.  H.-J. Mahlitz


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