Ein Mensch in seinem Widerspruch

Jubiläumsschau »Friederisiko« zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen in Potsdam eröffnet

01.01.70

Sie ist eröffnet: Die zentrale Son-derausstellung zum Friedrich-Jahr 2012 im Neuen Palais zu Potsdam. Am authentischen Ort seines Wirkens wolle die Schau „Friederisiko“ eine Begegnung mit „Friedrich dem Anderen“ bieten, ohne den ideologischen Ballast, der ihm in Kaiserzeit, Weimarer Republik und Nationalsozialismus sowie im geteilten Deutschland angehängt worden sei, wie das Begleitmaterial erklärt. Die Person des Königs, sein Denken und Handeln stehen im Mittelpunkt. Die Besucher erwartet eine politisch-menschliche Zeitreise in das Europa des 18. Jahrhunderts und zugleich eine Annäherung an Charakter und Persönlichkeit einer der prägendsten Herrscherpersönlichkeiten der deutschen Geschichte. Der „private“ Friedrich, wie er wirklich war?

„Das Schönste ist die Zeit des Aufbaus, wenn die Exponate kommen“, schwärmte der leitende Kurator der Ausstellung, Jürgen Luh, der sichtlich Freude hatte bei der Eröffnung am letzten Sonnabend im April: „Was Sie hier sehen werden, wird es nur einmal geben und zu unseren Lebzeiten sicher nicht wieder“. „Es ist das anspruchsvollste, größte Ausstellungsvorhaben im größten Schloss für den ,Großen‘“, erläuterte Generaldirektor Hartmut Dorgerloh, dessen Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg die Schau der Superlative präsentiert.
Das nach dem Siebenjährigen Krieg errichtete Neue Palais im Park von Sanssouci verkörpert wie kein zweites Bauwerk die materialisierten Gedanken Fried­richs und bildet den Ausgangspunkt der aufwendigen Ausstellungsgestaltung. Seine „Fanfaronade“, eine „Angeberei“ und sein Manifest zugleich, steht genauso im Mittelpunkt der Schau wie der Monarch selbst. Es ist Ausstellungsherberge und Schlüsselexponat zugleich. Die Schau will das Schloss für den heutigen Besucher dechiffrieren und die Kunst und Stein gewordenen Hinweise auf Vorstellungswelt und Selbstverständnis Friedrichs, auf das, was ihm politisch und kulturell wichtig war, aufzeigen.
Auf zwei ganzen Etagen mit 6000 Quadratmetern in 72 Räumen des riesigen dreiflügeligen Spätbarockschlosses werden fast 500 zusätzlich eingebrachte hochrangige Exponate gezeigt, die indes, das wird bald deutlich, beileibe nicht immer mit dem Leitmotiv des Projekts korrespondieren. Ein Drittel der Kabinette, Wohnungen und Säle ist überhaupt erstmalig oder aber nach jahrelangen Schließzeiten für die Öffentlichkeit zugänglich.
„Friedrich war ein genialer PR-Stratege, ein Machtmensch, Manipulator und Selbstdarsteller“, so Dorgerloh. Die Schau bedient sich keiner biografischen Chronologie, um ein Charakterbild des Herrschers, Feldherren, Philosophen, Künstlers, Freundes und Privatmenschen zu erarbeiten. Ihre feinsinnige Ordnung besteht vielmehr aus zwölf Abteilungen, die den Preußenkönig und seine Zeit unter thema­tischen Blick­winkeln vermitteln; elf davon im Schloss, die zwölfte ist der friderizianische Park selber.
Auf der Suche nach einem Leitmotiv für die Jubiläumsschau sei man bald zu „Risiko“ gekommen, erklärte der Stiftungsgeneraldirektor. „Das Kunstwort regt zu Nachfragen an. Nur wer Neues wagt, ohne Erfolgsgarantie, kann neue Entwicklungen anstoßen, im Guten wie im Schlechten.“ „Fried­richs Risiko“ ist daher Unterton in vielen Bereichen. Bekannte Beispiele für riskante Unternehmungen sind bereits sein Fluchtversuch als junger Kronprinz, der – strategisch notwendige – Angriff auf Sachsen, aber auch Provokationen und Ehrverletzungen, mit denen er politische Beziehungen und persönliche Freundschaften aufs Spiel setzte, und die öffentlichen Demütigungen seines Thronfolgers und Neffen Fried­rich Wilhelm schwächten dessen Ansehen und riskierten somit Preußens Zukunft.
Eine große Stärke der Ausstellung ist, dass der König selbst zu Wort kommt. Auf großen Transparentfahnen in jedem Raum stehen thematisch passende Zitate Fried­richs oder eines seiner Zeitgenossen. So wird die Behauptung, Friedrich habe zeit seines Lebens ein negatives Polenbild vertreten, durch den Originalton des Rheinsbergers belegt: „Nach meiner Ansicht steht es unter den Völkern Europas am tiefsten“ (Politisches Testament 1768). Die Polen seien „eitel, leichtfertig, der größten Niedertracht fähig“ und planlos agierend. Anders seine Haltung in direkten Beziehungen: Mit der polnischen Aufklärerin Marianna Skórzewska verkehrt er freundschaftlich. Bemerkenswert: Als Verehrerin Friedrichs bittet sie diesen ausdrücklich, ihre 1772 noch außerhalb Preußens liegenden Güter zu besetzen. Der greift umgehend zu.
Ambivalenzen im Charakter werden auch an anderer Stelle deutlich. Sich Denkmäler errichten zu lassen, lehnte der „Große“ bescheiden ab, Portrait zu sitzen, mied er. Ganz unbescheiden war er indessen beim Genießen: Wie die Analyse seiner Schatullenrechungen jüngst erbachte (siehe PAZ Nr. 25/2011), ließ er sich im Winter für 400 Taler seine heißgeliebten Kirschen kommen – das Jahresgehalt seines Gärtners betrug 20 Taler. Der preußischen Schulreform brachte er wenig Interesse entgegen – verwunderlich vor dem Hintergrund seines eigenen Bildungshungers. Fried­richs angebliche Toleranz in Religionsdingen ist zum „Jeder nach seiner Fasson“-Sprichwort verdichtet, ganz groß hebt die Ausstellung eine seiner Randverfügungen von 1740 heraus: „Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peuplieren, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen“; andererseits beschimpfte er die heilige Messe als „lächerlichen Mummenschanz“, behandelte Katholiken als Menschen zweiter Klasse; „halbe Menschen“ nannte er sie. Dem zum Tode verurteilten Kaplan Andreas Faulhaber aus Glatz wurde auf seinen höchstpersönlichen Befehl jeglicher geistlicher Beistand verweigert. Und wenn Friedrich in seinem ersten Politischen Testament von 1752 alle Religionen „mehr oder weniger absurd“ fand, belegt das, wie er vom Wesen des Numinosen rein gar nichts verstanden hat.
So macht die Jahrhundertschau en passant auch bewusst, wie unser gegenwärtiges Erkennen zeitbedingt ist, wie wir vor dem Hintergrund der Prägungen und Denkgewohnheiten unserer Epoche die Vergangenheit fokussieren, sortieren und bewerten. Die Ausstellung spürt dem Menschen im großen König nach, leuchtet mit Schlaglichtern auf dessen Wunden und Traumata, seziert unbarmherzig dessen Schwächen, Schrullen, Defizite und Gemeinheiten, stellt Intimstes ins Licht der Sonne. Zeigt mit dem Finger auf ihn und sagt: Seht her, der Große, so war er, ecce homo! Und lenkt doch, ob gewollt oder ungewollt, in jedem Fall unvermeidlich, den Blick zurück auf uns Heutige. Sind wir, Regierende oder Regierte, Präsident oder Kanzlerin, ob Bürger repräsentativer Demokratien oder Beherrschte autokratischer Regime, charakterlich, moralisch-sittlich so viel besser und höherstehender als unsere Altvorderen? Finden, modern gewandet, Prahl- und Ruhmsucht, Dünkel und Gier, Schnippchenschlagenwollen und Unversöhnlichkeit nicht immer wieder zielsicher den Weg zu unserem Herzen? Ist nicht in uns allen der alte Adam frisch-lebendig?
Wer seinen Wissenshorizont über Friedrich erweitern und eine radikal neue, zeitgemäß-zeitgeistige Sicht auf das Menschlich-Allzumenschliche hinter dem „Großen“ kennenlernen will, fundiert durch hunderterlei aus den Archiven zu Tage geförderte Details, der muss nach Potsdam eilen. Der wissenschaftliche Erkenntniswille wie das gestalterische Können der Ausstellungsmacher verdienen einen ganz großen Tusch – allein, etwas mehr Respekt vor der Person Friedrichs des Großen wie seinem schweren Amt hätten gut getan.
 Christian Rudolf

„Friederisiko. Friedrich der Große“ – bis 28. Oktober im Neuen Palais und im Park Sanssouci, Potsdam. Geöffnet täglich außer dienstags von 10 bis 19 Uhr, freitags und sonnabends bis 20 Uhr, Eintritt 14 / 10 Euro einschließlich Begleitheft und Audioführer. Wegen des großen Andrangs wird empfohlen, sich Eintrittskarten im Vorverkauf zu beschaffen (Vorverkaufskassen bundesweit oder im Internet www.friederisiko.de).


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