Ein später Versuch, die Eltern zu verstehen

13.06.18

Zwei alte Menschen, Eheleute Ende 80, werden pflegebedürftig und müssen sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass sie nicht länger im eigenen Heim in einer Kleinstadt bei München wohnen bleiben können. Nach ihrem Umzug in ein Pflegeheim laufen bei ihrem Sohn fortan alle Fäden zusammen, was Krankhausaufenthalte, Pflegedienste, Heime, Ärzte und so weiter betrifft. Sebastian Schoepp, geboren 1964 und von Beruf außenpolitischer Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, hat ein ebenso berührendes wie nachdenkliches Buch über seine Eltern geschrieben, über sein Verhältnis zu ihnen und den psychosozialen Wandel der Generationen. Der Buchtitel „Seht zu, wie ihr zurechtkommt. Abschied von der Kriegsgeneration“ hätte passender kaum gewählt werden können.
Es ist dieser kühle Umgangston, den die Generation der Kriegskinder noch von den eigenen Eltern kannte und der ihnen dabei half, sich in den Wirtschaftswunderjahren zu behaupten und eine Existenz aufzubauen. Sie hatten den Krieg mit mehr oder minder schweren Blessuren überstanden und schauten nicht zurück, sondern nach vorn. Die Grundannahme der Kriegskinder sei, „immer alles mit sich selbst ausmachen zu müssen“, zitiert der Autor Matthias Lohre („Das Erbe der Kriegsenkel“). Nur kam dadurch oft die Zärtlichkeit im Umgang mit den eigenen Kindern zu kurz. Das Resultat war nicht selten ein distanziertes Verhältnis, was auch dem Autor nicht fremd war. Den unüberwindlichen Graben zwischen sich und den hinfällig gewordenen Eltern nimmt er wieder deutlich wahr, als er beginnt, sich intensiv um sie zu kümmern.
Als seine Eltern pflegebedürftig wurden, verzichtete Schoepp darauf, eine gute  Gelegenheit für sein berufliches Fortkommen zu nutzen. Dabei handelte er aus Pflichtgefühl, wie er bekennt. Die Wiederbegegnung mit seiner Kindheit und Jugend beginnt für ihn, als er die mit „Tand aus den 50ern“ übervolle Doppelhaushälfte seiner Eltern ausräumt. Anstatt die alten Briefe wegzuwerfen, was er ursprünglich vorhatte, beginnt er, sie zu lesen, kramt Fotos heraus, von denen er etliche in seinem Buch veröffentlicht hat, und begibt sich auf die spannende Reise durch seine familiäre Vergangenheit.
Womöglich hat ihn der internationale Bestseller „Rückkehr nach Reims“ des französischen Soziologen Didier Eribon zu dem Wagnis inspiriert, die Lebensgeschichte seiner Eltern mit einer autobiografischen Selbsterkundung zu verbinden. Wie Eribon zitiert er Autoren, die auf vergleichbarem Feld geforscht haben wie Baer und Frick-Baer („Kriegserbe in der Seele“) sowie Alexander und Margarethe Mitscherlich, deren tiefgründige Analysen zu Alter und Krankheit, Heimat und Familie zur Standardliteratur gehören.
Die Menschen der Generation seiner Eltern hatten es kaum gelernt, sich selbst infrage zu stellen. Mit den Verhältnissen im Wohlfahrtsstaat konnten die abhängig Beschäftigten ebenfalls zufrieden sein – vielleicht ein weiterer Grund dafür, dass so viele, wie auch seine Eltern, nur karge Sozialkontakte pflegten. Die Kriegsenkel waren die ersten, welche sich in der Nachfolge des Rheinischen Kapitalismus Ludwig Erhards seit den 1990er Jahren dem Trend ausgesetzt sahen, dass das staatliche Wohlfahrtsversprechen der Nachkriegszeit als Leistungshemmnis verteufelt wurde, so Schoepp. „Zehn Jahre später war das System sturmreif geschossen für Gerhard Schröders Agenda 2010, die Existenzangst zur Grundlage der Daseinsvorsorge erhob.“
Schoepps Eltern hatten noch die Chance der Vermögensbildung durch Lebensversicherung und Zinsen, weshalb der gewaltige Finanzbedarf durch ihre Pflege zumindest für eine gewisse Zeit gedeckt war.
Für den Autor war die Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte nicht nur der Versuch, die Eltern und ihre Ambivalenz zu verstehen, sondern auch den gesellschaftlichen Wandel „vom Aufstiegsversprechen zur Exklusionsdrohung“ (Heinz Bude). Sein Buch ist auch eine Fundgrube für Themen der Gegenwart und eines von wenigen, die man am liebsten gleich noch einmal lesen möchte.
    Dagmar Jestrzemski

Sebastian Schoepp: „Seht zu, wie ihr zurechtkommt. Abschied von der Kriegsgeneration“, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2018, gebunden,
288 Seiten, 22 Euro


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