Eine Entscheidung gegen die Staatsräson

Vor 40 Jahren entführte die »Bewegung 2. Juni« den Berliner CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz

18.02.15
Lag am Tage nach der Entführung mit einem Bekennerschreiben im Postkasten der Deutsche Presse-Agentur: Polaroidfoto des noch halb betäubten Entführungsopfers Peter Lorenz Bild: pa

Die Entführung des Politikers Peter Lorenz (CDU) durch Linksterroristen vor 40 Jahren blieb bislang der einzige bekannte Fall, bei dem die Bundesregierung den Forderungen der Erpresser nachgegeben hat. Seitdem wird die Frage immer wieder gestellt, ob und wie weit der Staat auf Forderungen eingehen sollte, um Leben zu schonen.

Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus vom 2. März 1975 trat der CDU-Landesvorsitzende Peter Lorenz als Spitzenkandidat seiner Partei an. Drei Tage vor der Wahl hatte er sich um 8.45 Uhr zur Fahrt ins Büro von seinem Fahrer Werner Sowa abholen lassen. Sie starteten von Lorenz’ Haus in der Elvirastraße, unweit der Krummen Lanke. Etwas weiter als einen Kilometer waren sie gefahren, als an der Ecke Quermatenweg/Ithweg ein Lastwagen der Spedition „Karolewicz“ einbog. Sowa bremste, im gleichen Augenblick fuhr ein Fiat 124 Spezial auf den Dienst-Mercedes auf. Sowa stieg aus, um sich den Schaden an der Stoßstange zu besehen. Als es sich bückte, erhielt er einen Schlag auf den Kopf. Im Dienstwagen kam es zu einem heftigen Handgemenge mit Peter Lorenz, bei dem die Windschutzscheibe zu Bruch ging. Mit einer mehrfach in den Leib gerammten Spritze wurde Lorenz betäubt.
Vier Stunden später wurde der Wagen in einer Tiefgarage an der Neuen Kantstraße entdeckt. Die Täter hatten die Autos gewechselt und Lorenz in einen Keller gebracht, den sie zynisch „Volksgefängnis“ nannten. Erst sehr viel später wurde dieses Verlies gefunden. Es befand sich unter einem Trödlerladen in der Schenkendorfstraße in Kreuzberg, in unmittelbarer Nähe zum Polizeipräsidium.
Am folgenden Tag lagen ein Polaroidfoto und ein Bekennerschreiben im Postkasten der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Das Foto zeigte den noch halb betäubten Peter Lorenz mit einem Schild, auf dem stand: „Peter Lorenz, Gefangener der Bewegung 2. Juni“. In dem Brief wurde verlangt, sechs einsitzende Gesinnungsgenossen binnen 72 Stunden aus dem Gefängnis zu entlassen. Sie waren wegen versuchten Mordes oder Mitgliedschaft in der Rote Armee Fraktion (RAF) zu Haftstrafen zwischen sechs und zwölf Jahren verurteilt worden. Freigepresst werden sollten Verena Becker (22), Gabriele Kröcher-Tiedemann (28), Horst Mahler (39), Rolf Pohle (33), Ingrid Siepmann (30) und Rolf Heißler (26).
Das Opfer: Peter Lorenz wurde am 22. Dezember 1922 in Berlin geboren. Nach dem Abitur folgte der Einsatz beim Reichsarbeitsdienst und als Soldat an der Ostfront. Er gehörte zu den Überlebenden der Schlacht bei Stalingrad. Nach dem Krieg arbeitete er als freier Journalist, ehe er Rechtswissenschaft studierte.  
Der CDU gehörte Lorenz bereits ab 1945 an, 1969 wurde er deren Berliner Landesvorsitzender. In dem Amt blieb er bis 1981. Auf Drängen von Helmut Kohl verzichtete Lorenz 1978 darauf, noch einmal für das Amt des Berliner Bürgermeisters zu kandidieren. Statt seiner trat Richard von Weizsäcker an. 1982 wurde Lorenz Parlamentarischer Staatssekretär in Bonn. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder.
Die Täter: Auf das Konto der Bewegung 2. Juni gingen bis zur Entführung von Peter Lorenz die Ermordung des Präsidenten des Berliner Kammergerichts, Günter von Drenkmann, Anschläge mit Todesfolgen, Sprengstoff- und Brandanschläge. Die linksextremistische Terrororganisation war während der 70er Jahre in Berlin aktiv. Benannt wurde sie nach dem Datum, an dem der Student Benno Ohnesorg während einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs erschossen worden war. Die meisten Mitglieder tauchten später bei der RAF auf.
Die Entscheidung: In Bonn tagte erstmals der „Große Krisenstab“. Den Vorsitz hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt. Führende Politiker der Opposition waren beteiligt, darunter auch der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl. Es galt, eine Entscheidung von grundsätzlicher Bedeutung zu treffen: Darf ein Staat sich erpressen lassen? Oder muss er nachgeben, um ein Menschenleben zu retten? Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Schütz (SPD), mit Peter Lorenz seit dem gemeinsamen Studium befreundet, gab in der Runde den Ausschlag: Das Leben von Peter Lorenz gehe vor. „Alle an dieser schweren Entscheidung Beteiligten haben mit unterschiedlicher Abwägung die Rettung des Lebens von Peter Lorenz über Gesichtspunkte der Staatsräson gestellt“, sagte der damalige Innenminister Werner Maihofer.
Die Folgen: Wie von den Entführern verlangt, begleitete der Pastor und ehemalige Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz die freigepressten Terroristen am 3. März 1975 auf dem Flug nach Aden in dem damals kommunistischen Südjemen. Einer fehlte dabei allerdings. Horst Mahler hatte es abgelehnt, sich freipressen zu lassen. Nach der Landung übermittelte Albertz via „Tagesschau“ die vereinbarte Losung: „So ein Tag, so wunderschön wie heute.“ Mit zwei Groschen – zum Telefonieren – wurde Peter Lorenz in einem Park freigelassen.
Der Fall hatte – vordergründig – ein gutes Ende genommen und sollte sich so doch nicht wiederholen. Als zwei Monate später die RAF die deutsche Botschaft in Stockholm überfiel und versuchte, 26 in Gefängnissen sitzende Terroristen freizupressen, blieb die Regierung hart. Zwei Diplomaten bezahlten diese Weigerung mit ihrem Leben. Die handelnden Politiker hatten bald erkannt, dass das Nachgeben im Fall Lorenz ein Fehler gewesen war. „Der Staat war erpressbar geworden“, schrieb Kohl später in seinen Erinnerungen. So etwas sollte niemals wieder geschehen. Der Fall Lorenz markiert einen Wendepunkt.
Die durch die Lorenz-Entführung Freigepress­ten setzten ihre terroristischen Karrieren fort. Erpressung, Entführung, Raubüberfälle, mehrere erschossene oder lebensgefährlich verletzte Polizeibeamte und Zöllner sind ihre Spur nach der Rückkehr aus dem Jemen. Ebenso Beteiligungen an den Morden an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und Generalbundesanwalt Siegfried Buback.    Klaus J. Groth


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