»Eine Schule ohne Drogen gibt es nicht«

Prostitution, Gewalt und Rauschmittel scheinen an vielen Bildungseinrichtungen zum Alltag zu gehören

16.10.17
An Deutschlands Schulen mittlerweile Alltag: Mobbing Bild: Imago

Berlins Lokalzeitung mit der derzeit höchsten Auflage, die „B.Z.“, hat den Sperrzaun, der um das Französische Gymnasium in Tiergarten gezogen wurde, als „Keuschheitsgürtel“ bezeichnet. „125 Meter lackierte Stahlstäbe, bis zu 1,80 Meter hoch: Berlins erster Liebestöter vor einer Schule“, heißt es weiter. Der Zaun solle Freier, Frauen und Fixer aus dem nahen Rotlichtviertel vom Gymnasium fernhalten. Die „B.Z.“ hatte mit ihrer Wortwahl die Lacher auf ihrer Seite, aber das Problem ist ernst – und nicht nur von lokaler Bedeutung.

In zahlreichen deutschen Städten geht die Angst um. Prostitution, Gewalt und Drogen scheinen an vielen Schulen zum Alltag zu gehören. Und die Behörden geben sich mehr oder weniger machtlos. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart schlug nun eine Elterninitiative Alarm. Um die Brisanz deutlich zu machen, dokumentierten sie die Geschehnisse rund um eine Schule in der Innenstadt. Sie machten Fotos von Spritzen und drehten Videos von Abhängigen, die vor den Beeten der Schule mutmaßlich nach Drogen suchen. Mit dramatischen Appellen forderte der Bezirksbeirat Stuttgart-Mitte Schutz vor der Drogenszene. Sonst sei auch eine Schließung der Jakobschule nicht auszuschließen. Die Elternvertretung spricht von einem „Behördenversagen“ und einer Bankrotterklärung. Die Problematik bestehe seit 2011 und werde immer schlimmer.
Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass der eigene Nachwuchs in der Schule mit Gewalt-Videos auf Mobiltelefonen oder mit Drogen konfrontiert wird. Irgendwie, irgendwann. Das zeigen Aussagen von Experten und die Ergebnisse zahlreicher Studien. „Eine Schule ohne Drogen gibt es nicht“, weiß Regina Pötke, ehemalige Schulleiterin, heute Ministerialrätin im Bayerischen Ministerium für Unterricht und Kultus. Ob Cannabis oder Heroin: Auf Deutschlands Schulhöfen hat die Rauschgiftkriminalität in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Das geht aus Zahlen der Landeskriminalämter und der Innenministerien hervor.
In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bun­desland, konstatierte das Landeskriminalamt (LKA) 2015 eine Verdoppelung der Fälle gegenüber 2011. Waren es vor sechs Jahren noch 443, registrierte die Polizei vier Jahre später bereits 897 Fälle von Drogenkonsum an Schulen. Laut dem LKA wurden 2015 am häufigsten Schüler mit Cannabisprodukten erwischt – in 620 Fällen. Zweithäufigste Droge, welche die Polizei auf Schulhöfen registrierte, waren Ecstasy und Amphetamine – zuletzt insgesamt in 118 Fällen. Hier verdoppelte sich der Gebrauch im Vergleich zum Vorjahr. Sechsmal ging es um Kokain oder Crack, einmal um Heroin.
Nach einer Hamburger Befragung ist etwa jeder sechste Schüler der Hansestadt im Alter zwischen 14 und 18 Jahren als aktueller Cannabis-Konsument einzustufen, Tendenz steigend. Ähnliche Ergebnisse brachte eine Studie in Bremen: Ein Drittel der 14-jährigen Jungen und Mädchen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, tun dies auch in der Schule.
Ein ähnliches Bild gibt es in fast allen Bundesländern. Nun wird über die Legalisierung von sogenannten weichen Drogen wie Cannabis seit Jahren heftig gerungen. Experten halten sie aber immer noch für Einstiegsdrogen. Jemand, der diese Sachen verkaufe, könne auch härteren Stoff besorgen. „Cannabis ist deutlich gefährlicher geworden“, heißt es in einem Leidfaden, den Kultusministerien an besorgte Eltern und Lehrer herausgeben. Besonders für junge Menschen gelte das, deren Gehirnentwicklung noch nicht abgeschlossen ist.
Drogen und Prostitution sind nicht die einzigen Probleme an deutschen Schulen. Jeder vierte Lehrer sagt, er sei in der Schule bereits gemobbt, beschimpft, belästigt oder gar bedroht worden. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Forsa-Umfrage. Als häufigste Form der Gewalt nannte mit 55 Prozent mehr als die Hälfte der Befragten psychische Gewalt an ihrer Schule. 23 Prozent der Lehrkräfte gaben an, dass sie selbst an ihrer Schule schon einmal Ziel von Beschimpfungen, Diffamierungen, Mobbing, Drohungen oder Belästigungen waren. Dabei zeigen sich signifikante Unterschiede in den Schulformen: 45 Prozent der Hauptschullehrer sowie 49 Prozent der Sonder- und Förderschullehrer bejahten diese Aussage. An Gymnasien waren es nur 13 Prozent.
Im unteren Bildungssegment sind die Probleme am größten. „Der Anteil sehr leistungsschwacher Schüler ist von Jahr zu Jahr gestiegen. Viele schwänzen. Wenn ein Viertel der Schüler fehlt, ist es ein ganz normaler Tag. Wenn die Kinder nach der sechsten Klasse aus der Grundschule zu uns kommen, beherrschen viele nicht mal den Stoff einer vierten Klasse“, zitierte die Tageszeitung „Die Welt“ einen Lehrer, der an einer Berliner Gesamtschule unterrichtet. Am schlimmsten sei die Situation in den sogenannten Segregationsschulen. Segregation bezeichnet den Prozess der Entmischung in einer Gesellschaft, man könnte auch von einer Ghettoisierung sprechen. Lehrer in Berlin, aber auch aus dem Ruhrgebiet berichten von einer ausgeprägten Deutschenfeindlichkeit. Mitglieder der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft schlugen vor wenigen Monaten in einem Artikel für die „Berliner Lehrerzeitung“ Alarm. In den zunehmend segregierten Schulen verstärke sich das Mobbing gegen deutsche Schüler. Ein Schimpfwort nannten sie auch. „Schweinefresser“ seien die wenigen Schüler ohne Immigrationshintergrund.    Peter Entinger


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Kommentare

Jens Bartelt:
17.10.2017, 10:59 Uhr

Das deutsche Bildungswesen galt für 1 1/2 Jahrhunderte als vorbildlich in der Welt, wovon wir heute nur träumen können. Es fand weltweite Nachahmung. Der Kindergarten war der
Einstieg und das Gymnasien stand im Zentrum. Die großen Amerikanischen Universitäten
haben sich am Bildungsideal von Wilhelm Humboldt orientiert. An dem Mann der im Jahre
1809 die Leitung der „Sektion des Kultus und öffentlichen Unterrichts“ antrat. Er führte das
durchgängige Schuljahr, den Stundenplan und das Abitur ein.
Dann kamen die 68er. Erst waren sie Referendare, dann Studienräte und schließlich begannen
sie die bildungspolitischen Ausschüsse der Parteien zu besetzen. Wenig später bekamen sie
dann die entsprechenden Posten in der Schulverwaltung. Für revolutionäre Bewegungen war
das Bildungswesen schon immer von besonderem Interesse. Wer den neuen Menschen will,
kann nicht früh genug damit anfangen, ihn zu formen. Denn sie wussten, wer festlegt was die
junge Generation zu lernen hat, hält die Zukunft der Gesellschaft in seinen Händen. „Neben
der Pflanzen und Tierzucht muss es eine weiterer Wissenschaft dieser Art geben. Die
Menschenzucht.“ heißt es zum Beispiel in einem sowjetischen Lehrbuch für Pädagogik, das
vom Kommissariat für Volksaufklärung herausgegeben wurde. Es handelt sich hier um eine
ziemlich direkte Formulierung, wie sie heute eher selten zu finden ist, aber es trifft den Kern
der Sache. Eine Generation später, nachdem die Reformer sich auf den Weg machten das
humboldtsche Bildungssystem umzugestalten, wird das Land als bildungspolitischer Sanierungsfall
betrachtet.
Die Verfassung legt ausdrücklich fest, dass der Staat für die Bildung der nächsten Generation
zu sorgen hat. Seit es die OECD gibt, kann man jetzt auch schwarz auf weiß in den
sogenannten PISA-Tests nachlesen, dass der Staat bei dieser wichtigen Aufgabe komplett
versagt hat. So ist dort zu lesen, dass 25 % der Schüler auch nach 9 Jahren Schulunterricht
nicht ausreichend Lesen, Rechnen und Schreiben können. Somit verfügt jeder 4.
Schulabgänger nicht über die elementaren Grundvorrausetzungen eine Berufsbildung
durchzustehen. Acht Prozent der Schulabgänger verließen die Schule ohne Abschluss. Für
eine Bildungsnation wie die unsere ist das eine Katastrophe.
Die OECD hat die ersten Ergebnisse der PISA-Studien vor 16 Jahren veröffentlicht. Das hat
das Land aus seinem selbstzufriedenen Überlegenheitsgefühl gerissen. Seit dem spricht man
in diesem Zusammenhang auch vom PISA-Schock. Man sollte ja glauben, das die Reformer
jetzt kleinlaut den Rückzug antreten würden, aber weit gefehlt. Sie wissen wieder ganz genau,
wie der Bildungsmisere, die sie selbst angerichtet haben, bei zu kommen sei.
Die Schüler würden zu früh in begabt, weniger begabt und nicht begabt eingeteilt. Die
skandinavischen Länder haben uns gezeigt, welcher Schultyp der erfolgreichste sei, die
Einheitsschule. Auch gebe Deutschland zu wenig Geld für sein Bildungswesen aus. Es
bräuchte nur mehr Lehrer und die Schüler müssten so lange wie möglich zusammen bleiben
und alles würde besser.


Jan Hus:
16.10.2017, 21:23 Uhr

87% der Wähler scheinen mit dieser Bildungspolitik zufrieden zu sein. 87% scheinen kein Problem damit zu haben, daß Deutsche an einer deutschen Schule sich de facto im Ausland befinden - einem Ausland in dem sie als Schweinefresser diskriminiert werden.
Da kann ich nur sagen: Wie bestellt so geliefert!
Der damals irre Satz, der im Mai 45 im Führerbunker gestammelt wurde, daß die Deutschen untergehen müßten, wenn sie sich nicht ihrer Feinde erwehren können, wird so heute beklemmend mit wahrem Inhalt aufgefüllt.


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