Empfindsamer Netzwerker

Auszug aus dem Privatbereich – Der Autobiograf Jung-Stilling und seine Entdeckung der Öffentlichkeit

12.04.17
Seelischer Exhibitionist: Johann Heinrich Jung-Stilling Bild: CF

Autobiografien werden in der Regel von Personen verfasst, die Bedeutendes geleistet haben. Als 1777 „Henrich Stillings Jugend“ erschien, kannte kaum einer den Verfasser. Trotzdem wurde das Buch ein Bestseller und setzte eine ganze Lawine von Selbstbekenntnissen in Gang.

Heutzutage genügt ein Knopfdruck, um der ganzen Welt die privaten Geheimnisse preiszugeben. Per Twitter oder Facebook können wir Urlaubsfotos oder „Likes“ senden, mit denen wir unsere persönlichen Vorlieben auch all jenen aufdrängen, die sich gar nicht dafür interessieren. Das Bedürfnis nach Selbstentblößung scheint in dem Maße zuzunehmen je technisch einfacher es wird, das Private öffentlich zu machen. Kaum jemand kann noch ein Geheimnis lange für sich be­halten, nicht einmal die Geheimdienste, wie die Snowden-Enthüllungen bewiesen haben.
Hätte der vor 200 Jahren in Karlsruhe gestorbene Johann Heinrich Jung die Möglichkeit ge­habt zu „twittern“ und zu „posten“, dann hätte man ihm wohl das Smartphone mit Gewalt entreißen müssen, um mit ihm Auge in Auge sprechen zu können. Da es aber noch keine mo­dernen sozialen Netzwerke gab, nutzte er exzessiv die Schreibfeder, um für die Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts die Tür in seine kleine private Welt zu öffnen.
Jung-Stilling, wie der Autor später genannt wurde, geriet während seiner Studienzeit in Straßburg an die größten Netzwerker, welche die damalige Zeit kannte: Goethe und Herder. Beide waren der Nabel großer Freundeskreise, zu denen auch bald Jung-Stilling gehörte. Doch anders als die gutsituierten, wenn nicht gar adeligen Kommilitonen stammte Jung-Stilling aus einfachen Verhältnissen. Der Vater war Schneider in einem Dorf im Fürstentum Nassau-Siegen, der sein einziges Kind im strengen pietistischen Glauben erzog. Der 1740 geborene Sohn tat sich aber als guter Lateinschüler hervor, wurde Dorfschullehrer und Hauslehrer bei einem Fabrikanten und erlangte durch glück­liche Um­stände, nachdem er sich als Laienarzt versucht hatte, die Zulassung zur Universität.
Dieser Aufstieg musste geadelt werden – durch eine Autobiografie. Die ganze Welt sollte vor Neid erblassen, wenn sie er­fährt, was dieser kleine Schneiderjunge alles er­reicht hat. Statt mit Ur­laubsfotos oder Selfies mit dem Neuwagen zu protzen, wie es heutzutage viele tun, imponierte Jung-Stilling mit seiner Lebensgeschichte.
Einer, der ein „Like“, ein virtuelles „Mögen“, an diese Geschichte geheftet hatte, war Goethe. Er nahm Jung-Stillings Manu­skript an sich, strich ein paar allzu religiös verquaste Passagen und veröffentlichte die Autobiografie als „wahrhafte Geschichte“ ohne Namensnennung des Autors.
Das Buch sorgte sofort für Furore. Die Zeit der Empfindsamkeit war hereingebrochen, und Helden, deren Gefühls- und Seelenleben literarisch ausgelotet wurden, standen hoch im Kurs. Hinzu kam, dass Jung-Stilling die pastorale Welt seiner Herkunft lebensnah und ohne die gewohnten auf-
klärerisch-belehrenden Absichten darstellte. Tatsächlich weist die mit Fabeln und Märchen im­mer wieder unterbrochene Ju­gendgeschichte bereits auf die Formsprengungen in der romantischen Literatur hin. Das von Jung-Stilling erzählte Märchen von „Jorinde und Joringel“ nahmen die Brüder Grimm später in ihre Märchensammlung auf.
Die damaligen Leser konnten allerdings noch nicht wissen, wer hinter der Autobiografie steckte. Jung-Stilling erzählt in der dritten Person. Sein Held heißt bei ihm Henrich (ohne „ei“) Stilling, weil er brav und „still“ war. Und statt realer be­nutzt er verschlüsselte Ortsnamen wie etwa Schönenthal für das heute zu Wuppertal gehörende Elberfeld, wo er sich nach seinem Medizinstudium als Augenarzt nie­derließ.
Bald ließ sich die Autorschaft nicht mehr leugnen, und Autor Heinrich (mit „ei“) Jung wurde so be­kannt, dass er nur noch Jung-Stilling ge­nannt wurde. Während das Multitalent als Starstecher – während seines Lebens soll er 3000 Augenoperationen durchgeführt haben –, Ökonom, Landwirtschaftsprofessor, Autor von heute vergessenen Romanen sowie Lehr- und religiösen Erbauungsbüchern tä­tig war, verfasste er mit „Henrich Stillings Jünglingsjahre“, „Wanderschaft“, „häusliches Le­ben“, „Lehrjahre“ sowie dem posthumen Werk „Alter“ weitere autobiografische Teile, die aber abgesehen vom den „Jünglingsjahren“ nicht mehr die Frische des ersten Bandes erreichten.
Trotzdem war mit diesen Biografien ein Bann gebrochen. Das Private blieb nicht mehr geheim, sondern wurde öffentlich. Karl Philipp Moritz (mit dem autobiografischen Roman „Anton Reiser“), Johann Gottfried Seume (mit „Spaziergang nach Syrakus“ und „Mein Leben“), Goethe (mit „Dichtung und Wahrheit“) und viele andere legten mit Biografien ihr Innerstes offen. Später sollten Brief- (Rahel Varnhagen von Ense, Bettine von Arnim) und Tagebuch-Veröffentlichungen (Fried­rich Hebbel, Thomas Mann, Ernst Jünger, Max Frisch) diesem Trend nach seelischer Exhibition folgen.
Jung-Stilling war mit geschätzt 25000 Briefen, die er bis zu seinem Tod am 2. April 1817 verfasst hatte, selbst ein eifriger Kommunikator. Der Drang, die Neugier der Nachbarn und Freunde zu be­friedigen, wie wir es heute über die sogenannten Messaging-Dienste wie Facebook, Twitter oder WhatsApp vollziehen, nahm also schon bei Jung-Stilling und seinen Zeitgenossen seinen An­fang.
Nicht mehr das Werk, sondern der Autor ist der Star. Er verlässt seine passive Rolle des Un­bekannten, über den die Öffentlichkeit spekuliert, und „füttert“ diese jetzt selbst aktiv und nach eigenem Gusto mit mehr oder weniger sinnlosen Informationen über sein Privatleben. Und Jung-Stilling war ein erster Meister darin.    Harald Tews


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