Energiewende durch die Hintertür

EU sagt der Braunkohle den Kampf an – Berliner Senat will den Ausstieg bis Ende des Jahres

18.05.17
Dreckschleudern, gegen die die Windkraft aber nicht ankommt: Anders als manche Landespolitiker will die EU-Administration Braunkohlekraftwerke wie das hier von Jänschwalde abschalten lassen, damit die Erneuerbaren Energieträger gefördert werden Bild: ddp

Die Landesregierungen in Potsdam und Dresden wollten der Braunkohlewirtschaft in der Lausitz eigentlich noch eine längere Perspektive geben. Eine neue EU-Regelung macht nun allerdings einen vorzeitigen Ausstieg immer wahrscheinlicher.

Bereits am 9. Mai hat der Berliner Senat den Entwurf für eine Novelle des Berliner Energiewendegesetzes beschlossen. Nach dem Willen der rot-rot-grünen Koalition soll in der deutschen Hauptstadt bereits bis Ende dieses Jahres der Ausstieg aus der Braunkohleverstromung erfolgen. Bis 2030 will der Senat zudem auch auf Steinkohle als Energieträger verzichten.  Bislang nutzen sechs Berliner Kraftwerke Kohle zur Erzeugung von Strom oder zur Fernwärmeversorgung.
Eine andere Entwicklung könnte für die Braunkohletagebaue in der Lausitz noch stärkere Folgen haben. Ende April hat die EU gegen die Stimmen Deutschlands, Polens und Tschechiens eine Verschärfung der Emissionswerte von Kraftwerken auf den Weg gebracht. Bis 2021 müssen die EU-Mitgliedsstaaten nun die strengeren Grenzwerte für Stickoxide, Schwefeldioxid, Feinstaub und Quecksilber in nationales Recht umsetzen. Das Bun­desumweltministerium begrüßte zwar den Großteil des Beschlusses, auf Ablehnung stößt allerdings die neue Obergrenze von 175 Gramm Stickoxid pro Kubikmeter für Braunkohlekraftwerke, die als „nicht sachgerecht“ bezeichnet wird.
Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) kritisiert die Verschärfung der Grenzwerte im Ton deutlich schärfer. Der Bundesregierung warf Tillich fehlendes Engagement zur Verhinderung der Neuregelung vor und warnte vor einem Braunkohleausstieg durch die Hintertür. Gegenüber dem Sender MDR sagte Tillich, dass Sachsen gegenüber der Bundesregierung deutlich gemacht habe, „dass nicht nur die Braunkohleför­derländer, sondern auch die deutsche Industrie diese Werte beim Stand der Technik weltweit durch keines der Kohlekraftwerke einhalten kann und dies eine Belastung der Kohleverstromung bedeuten würde“.
Aus Sicht des sächsischen Ministerpräsidenten könnten die Betreiber der Kohlekraftwerke in der Lausitz nun zu einer Stilllegung bis 2030 gezwungen sein. Der genannte Zeitrahmen hat einen ganz konkreten Hintergrund. Zum einen kommen auf die Kraftwerksbetreiber beträchtliche Kosten zu, wenn sie ältere Anlagen mit Katalysatoren nachrüsten müssen. Eine Sonderregelung sieht wiederum vor, dass Kraftwerke als Ausnahme behandelt werden, wenn sie bis zum Jahr 2030 stillgelegt werden. Beide Faktoren könnten den Ausstieg aus der Braunkohleverstromung tatsächlich beschleunigen.
Die Verschärfung der Grenzwerte droht allerdings nicht nur für die Tagebaue im Nordosten Sachsens Folgen zu haben. Laut einer Untersuchung des Institute for Energy Economics and Financial Analysis werden die verschärften EU-Grenzwerte dazu führen, dass das bereits 1981 in Betrieb genommenen brandenburgische Kohlekraftwerk Jänschwalde nach 2021 wahrscheinlich keine wirtschaftliche Zukunft mehr hat.
Der Betreiber des Kraftwerks, die Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG), hatte erst im März ein neues Revierkonzept vorgelegt, das ohnehin bereits von deutlicher Skepsis geprägt war. Im Papier enthalten war ein Verzicht auf eine Erweiterung des Tagebaus Jänschwalde und auch die Erklärung, vorerst keine neuen Tagebaue erschließen zu wollen. Erst in zirka drei Jahren will die LEAG über ein weiteres Vorgehen entscheiden, wenn mehr Klarheit über die weiteren Rahmenbedingungen herrscht. Mit dieser Entwicklung ist fraglich, ob die Braunkohleverstromung in der Lausitz als „Brückentechnologie“ tatsächlich noch eine jahrzehntelange Perspektive hat.
Dessen ungeachtet hat Brandenburgs Landesregierung vor Kurzem ein politisches Signal gesetzt. Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) erklärte am 10. Mai, die Landesregierung wolle an der Braunkohle festhalten. Gerber kündigte zudem an, noch bis zum Herbst eine Energiestrategie bis zum Jahr 2030 vorzulegen, in der die Braunkohle eine zentrale Rolle spielen soll.
Tatsächlich hätte ein baldiges Aus für die Kohleverstromung weitreichende Folgen: Mehrere Zehntausend Arbeitsplätze und Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung hängen in Brandenburg und Sachsen direkt und indirekt von der Braunkohle ab. Trotz des Ausbaus der Erneuerbaren Energien wird zudem auch immer noch gut ein Viertel des Stroms in Deutschland über den Energieträger Braunkohle erzeugt. Damit nicht genug. Deutschlands Kohlekraftwerke leisten mit ihrer Grundlastfähigkeit bislang einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit. Im Gegensatz zu den Windenergie- und Photovoltaikanlagen liefern sie nämlich mit konstanter Zuverlässigkeit Strom und sorgen für eine Frequenz­sstabilität im Stromnetz.
Der Bundesverband Braunkohle hat zudem auf Prognosen hingewiesen, wonach in den nächsten drei Jahrzehnten noch einmal mit einem deutlichen Anstieg der Stromnachfrage zu rechnen sein soll.    Norman Hanert


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Kommentare

Akira Ozawa:
10.06.2017, 11:30 Uhr

Donald Trump:
"" . . . zerstört die Mythen in der Migrations-, Sicherheits- und Handelspolitik, in deren wohliger Umarmung sich das Establishment von den realen Bedürfnissen der Menschen abkoppeln konnte und deckt nun auch noch die Täuschung auf, die dem Wort vom „Klimaschutz“ innewohnt.
Der schnelle und konzertierte Versuch der europäischen Nomenklatura, ihre Deutungshoheit zu bewahren, wird nicht helfen.""

Hier dazu etwas Zahlenmaterial für eine fundierte Diskussion:

Berlin / 20170320:
""Vertreter von 93 Nationen diskutieren in Berlin die Chancen einer weltweiten Energiewende.
Allerdings muss die Bundesregierung gleich zu Beginn zugeben, dass der deutsche CO2-Ausstoß weiter steigt.""

Die Atmosphäre der Erde ist ein OFFENES System.
Jedes Land leistet mit seinem CO2-Ausstoß einen (immer noch einen wissenschaftlich diskussionswürdigen) Beitrag zum Gesamtergebnis.

Deutschland nimmt in diesem offenen Atmosphären-System einen mehr als nahezu zu vernachlässigbaren Wert an CO2- Ausstoß im Weltmaßstab im Jahre 2015 ein:

- 2,36 % (IN WORTEN: ZWEI - Komma - sechsunddreißig)

am Gesamtweltausstoß.

"Deutschlands Ziel, den CO2-Ausstoß bis zur Mitte des Jahrhunderts um 80 bis 95 Prozent zu senken, steht zwar bereits fest."
Wozu der Hype?
Um welchen gesellschaftlichen und ökonomisch-finanziellen Preis eigentlich?
Gibt es nichts Dringenderes (Wie etwa Flüchtlingskrise, Innere staatliche Sicherheit bzgl. Parallelgesellschaften, Einbruchsdelikte, illegale Grenzübertritte, etc.) für die "Eliten der Repräsentativen Demokratie" zu tun?
Oder will man wie zu Honeckers Regime nur vom ominösen "Klassenkampf" ablenken?

Wenn Indien, China, Russland und/oder die USA nur geringfügig an einer fossilen Schraube drehen, kann Deutschland noch so viele Kosten einsetzen, der geringfügige CO2-Beitrag gemessen am finanziellen Einsatz ist nahezu eine Inkarnation des Unvermögens eines prosperierenden Handeln eines deutschen Klimaschutz-Beitrages, es ist einfach nicht mehr logisch erklärbar.

Danke, Grüne Partei!
Danke, Fr. Merkel!


Arnold Schacht:
18.05.2017, 18:55 Uhr

Das Gejammere unser Politiker ist unglaubwürdig. Dann hätten sie eben nicht so viele Kompetenzen an die EU abtreten sollen. Was sie wirklich denken, zeigt sich in ihrem Umgang mit Kritikern der EU - nicht Europas. Das verwechseln Medien und Politiker immer.


Dietmar Fürste:
18.05.2017, 14:34 Uhr

Dem harmlosen Wasserdampf aus den Kühltürmen absichtsvoll die Eigenschaft von Dreckschleudern zuzuschreiben, ist schlicht falsch. Bezweckt wird mit solcher ideologiegetriebenen Polemik folgendes:

Das im Artikel geschilderte Aus der fossilen Kraftwerke ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu instabiler, mittelalterlicher Stromversorgung wie in den ersten Jahren nach dem Krieg.

Die EU kümmert das nicht, mit ihren maßlosen Verschärfungen der Abgas-Grenzwerte sind nach den Dieselfahrzeugen nun auch die einzig grundlastfähigen Erzeuger dran, die man ohne Rücksicht ausschalten will. Preisfrage: Auf wessen Betreiben?

Aber jeder Waldbrand, jeder Vulkanausbruch und jede Fahrt mit einem der gigantischen, mit Schweröl statt mit Marine-Diesel fahrenden Container- oder Kreuzfahrtschiffe rund um den Globus hat im Vergleich zu einem Kohlekraftwerk mit modernen Filtern den Ausstoß vom Zehntausendfachen an Abgasen zur Folge, wie die Grünen und die Verantwortlichen der unsäglichen EU natürlich wissen.

Ein Faktum zur Energiewende: Ohne effiziente und leistungsfähige Großspeicher für Elektroenergie bleibt eine stabile Grundversorgung allein mit volatiler Windkraft, Photovoltaik und Biomasse-Stromerzeugern eine Utopie.

(Daran können auch die milliardenschweren 400kV-Gleichstromtrassen quer durchs Land mit ihren aufwändigen Umspannstationen an jedem Einspeise- und Abnahmepunkt nichts ändern, wenn sie an einen Flatterstrom-Erzeuger angeschlossen werden.)

Diese unerläßlichen Speicher sind aber auch in der Zukunft nicht herzustellen, weil es den dafür in Frage kommenden physikalisch/chemisch/technischen Prinzipien an der viel zu geringen Energiedichte der zur Speicherung verwendbaren Stoffe mangelt.

Alternativen, wie z.B. Power-to-Gas und ähnliche Verfahren, mit denen man das Speicherproblem wider alle Vernunft trotzdem lösen will, sind wegen ihres schlechten Gesamtwirkungsgrades nicht wirtschaftlich zu betreiben und würden angesichts ihrer darum flächendeckend notwendigen Massen-Installation die Strompreise unbezahlbar machen.

Zum Verständnis der Grundlastfähigkeit der Stromerzeuger:
Anders als bei der Wasserversorgung muss in ein Stromversorgungsnetz in jeder Millisekunde exakt soviel ElektroEnergie eingespeist werden, wie von den Abnehmern gerade verbraucht wird. Sonst bricht das Netz zusammen und es kommt zum Blackout. Um das zu verhindern, sind Regel-Eingriffe ins Netz notwendig. Früher einige Dutzend im Jahr, heute wegen der unvorhersehbaren Flatter-Einspeisung der "Erneuerbaren" bisweilen etliche Hundert pro Tag!!

Fazit: Wir leben hinsichtlich der Energievesorgung wie in einem Irrenhaus, in welchem die Insassen die Leitung der Anstalt übernommen haben.

Dipl.-Ing. D. Fürste


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