Erdogan auf hinduistisch

Indiens Premier und seine Partei gehen auf Distanz zum Laizismus

18.06.17

Im westindischen Rajasthan lynchte ein aufgebrachter Mob einen Muslim, weil dieser das Fleisch einer Kuh gegessen haben soll. Es war ein neuer Tiefpunkt in einem eskalierenden Kulturkampf um religiöse Speisevorschriften und ihre Interpretation. Radikale Hindu-Nationalisten machen sich immer häufiger mit klammheimlicher Duldung örtlicher Behörden auf die Jagd nach Angehörigen der muslimischen Minderheit oder Dalits, jenen Menschen ohne Kastenzugehörigkeit, die lange als „Unberühbare“ diffamiert wurden. Anders als für Hindus ist für diese Inder die Kuh ein normales Nutztier, Rindfleisch ein vergleichsweise günstiger Lieferant von Eiweiß. Muslime und Dalits spielen auch in Indiens boomender Fleischindustrie eine herausragende Rolle. Indien ist der weltweit größte Exporteur von Rind- und Büffelfleisch, noch vor Brasilien, Australien, den USA und Argentinien. Die indische Fleischindustrie garantiert mehreren Millionen Menschen einen Lebensunterhalt.
Die hinduistische Bharatiya Janata Party (BJP) von Premierminister Narendra Modi will ihre Macht in der größten Demokratie der Welt auf Dauer sichern. Der Einsatz für die Kuh, einem für Hindus heiligem Wesen, soll ein Element in dieser Langzeitstrategie sein. Die Partei Modis, der vor Kurzem Deutschland besucht hat, braucht, um Wahlen zu gewinnen, nicht die Stimmen der religiösen Minderheiten, da die Hindus eine Mehrheit von 80 Prozent in Indien ausmachen.
Bei den Parlamentswahlen in Uttar Pradesh, dem mit über 200 Millionen Bewohnern bevölkerungsreichsten Bundesstaat des Landes, errang die BJP einen Erd­rutschsieg und übertrug einem radikalen Hindu-Priester die Regierungsverantwortung. Der Politiker im Priestergewand ließ sofort 17 von 41 fleischverarbeitenden Betrieben schließen, 30000 Mitarbeiter verloren ihren Job. Die Mehrheit der Betroffenen waren Nicht-Hindus. Der ansonsten um das Ansehen des Investitionsstandortes Indien so bemühte Ministerpräsident hüllte sich in Schweigen. Modi ist nach außen nicht der Anführer des Kulturkampfes für die Kuh. Er und seine Berater sollen jedoch im Hintergrund die Fäden ziehen.
In allen Bundesstaaten, in denen die BJP regiert, ist der Schutz der Kuh ein wichtiges Thema. Im Bundesstaat Gujarat, in dem Modi lange regierte, muss, wer eine Kuh tötet, mit lebenslanger Haftstrafe rechnen. Die Mehrheit der indischen Bundesstaaten verbietet den Verzehr von Rindfleisch. So erließ Maharashtra 2015 ein generelles Rindfleischverbot für seine 110 Millionen Einwohner. Wer also in Mumbai, Indiens quirliger Wirtschaftsmetropole, Rindfleisch im Kühlschrank deponiert oder es gar verspeist, handelt laut Gesetz kriminell und könnte mit einer Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahren und einem Bußgeld bestraft werden. Das gilt auch für Nicht-Inder.
Mehrere Umfragen im Land ergaben jedoch, dass immerhin 80 Millionen Inder gelegentlich Rind essen, neben 63 Millionen Muslimen sind darunter auch Millionen Hindus. Insgesamt werden gut 400000 Tonnen Rindfleisch jährlich konsumiert. Den Hindus sind Rinder im Gegensatz zu Büffeln heilig. Und für die gut 180 Millionen Muslime im Land gilt wiederum das Schwein als unrein. Bleiben noch die Angehörigen der Jain-Religion, für die sämtliche Tiere schützenswert sind, selbst Mücken.    Bodo Bost


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Kommentare

Jürgen Umfahr:
18.06.2017, 18:46 Uhr

Wieder mal das Lied von den armen, stets zu unrecht verfolgten Muslims. Ich verstehe nicht, warum das traditionell deutschfreundliche(?) Indien auf einmal so übel beleumundet wird.

Soll etwa die nächste "Willkommenskultur" für Indien-Muslims und die schwarzen Dalits vorbereitet werden?

Ich bin kein Freimaurer, glaube daher nicht an "Weltverbrüderung" und gehe deshalb auch nicht überall auf der Welt für "Demokratie und Menschenrechte" missionieren.

Wie die Inder ihren Staat einrichten, ist wohl deren Sache. Wie die Russen mehrheitlich regiert werden wollen, ist auch die ihre. Die US-Amerikaner haben Trump gewählt. Die Philippinos haben Duterte gewählt, die Ungarn ihren Orbán, die Syrer ihren Assad, die Türken ihren Erdogan. Punkt. In allen diesen Ländern scheint weniger perfide Medien-Manipulation den Hausverstand der Menschen zu betören als bei uns. Dort hätten Gestalten, die ihr Volk hinters Licht führen, wie Merkel, Van der Bellen, Macron und Co. keine Chance.

Setzen wir uns lieber hier bei uns für Freiheit der Geschichtsbetrachtung und Hinterfragung aller Vorwürfe, Offenlegung und kritische Prüfung aller "Dokumente" und "Zeugenaussagen" ein, die uns alle kollektiv im Schuldturm gefangen halten. Da hätte so mancher Menschenrechts-Aktivist ein immens breites Betätigungsfeld.


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