Es spritzt der Dreck

Debatte um Grass-Gedicht verrät viel über deutsche Befindlichkeiten

11.04.12
Grass hat mit einem israelkritischen Gedicht für Aufsehen gesorgt: Grass-Anhänger bei einem der Ostermärsche. Bild: pa

Bis vor kurzem gehörte Günter Grass selbst zu jenen, die vor lauter Hypermoral die deutsche Vergangenheit auf zwölf Jahre NS-Herrschaft reduzierten. Diese Heuchelei prägte die deutsche Gesellschaft.

Laut einer Umfrage der „Financial Times Deutschland“ finden 56 Prozent der Teilnehmer Günter Grass’ Kritik an Israel „richtig“, weitere 28 Prozent „diskutabel“. Nur 16 Prozent wenden sich gegen den Autor.
Was sind die Motive? Geht es allein ums Pochen auf das „Recht, Israel kritisieren zu dürfen“? Ist es bloß die Furcht um den Frieden? Oder verbirgt sich dahinter der Fortsatz eines nie überwundenen Antisemitismus, der seit 1945 nur oberflächlich besiegt worden sei, wie manche Grass-Kritiker behaupten?
Vermutlich nichts von alldem. Eher darf man den Grass-Kritikern glauben, die da meinen, dass sich hier die Deutschen heimlich darüber freuten, dass jemand „den Israelis“, oder gar „den Juden mal ordentlich Bescheid gesagt hat“. Und dieses trübe Gefühl hat kaum etwas mit Nahost zu tun, es entspringt allein deutschen Befindlichkeiten, die  einen Schluss zulassen: Die deutsche Debatte um Vergangenheitsbewältigung, Reue und „Lernen aus der Geschichte“ hat sich festgefahren im Morast ihrer Heuchelei und Hypermoral. Nun spritzt der Dreck.
Bizarrerweise sind es gerade die Akteure vom Schlage Grass’, die jene Debatte über Jahrzehnte prägten und steuerten. Von Trauer und Scham über die vor allem jüdischen NS-Opfer lenkten sie die Richtung mehr und mehr zu einer pauschalen Verdammung aller Deutschen. Die finstersten Blüten treten seit Jahren in Dresden auf, wo die Notablen der Stadt gegen ein paar Neonazis marschieren, Hand in Hand mit deutschen Deutschenhassern unter dem Plakat „Do it again, Harris!“ (Mach’s nochmal, Harris). Aufschrei? Empörung? Fehlanzeige. Mit der gleichen brachialen Eiseskälte, dem gleichen Hass begegnen sie deutschen Bomben- und Vertreibungsopfern oder den Frauen, die als Mädchen in den Gulag verschleppt wurden, weil sie Deutsche waren, und heute als alte Frauen noch immer auf Entschädigung warten.
In diesem Eis der Selbstverdammung konnte kein echtes Mitgefühl mehr gedeihen, auch kein wirkliches Einfühlungsvermögen in die Nöte anderer. Wer die eigenen Toten, auch öffentlich als Nation, nicht betrauern soll (oder, bei den Nachgeborenen, gar nicht mehr kann), dem bleibt nur das hohle, anbiedernde Ritual oder die hypermoralische Belehrung anderer, meist „Mahnung“ genannt.
Hass und Verachtung werden aus Selbsthass und Selbstverachtung geboren, auch menschliche Kälte kommt von innen. Wer nun am Beispiel von Günter Grass beklagt, wie wenig Einfühlungsvermögen die Deutschen für Israel und die Juden allgemein aufbringen, der sollte bei der Ursachenforschung zuerst betrachten, wie diese Deutschen mit sich selbst umgehen. Dort wird er die Antwort finden. Hans Heckel


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Kommentare

Heike Körner:
16.04.2012, 06:41 Uhr

Das tut meinem Herzen so weh was zu unser Nation und unseren Leuten passiert ist. Ich hoffe und glaube fest dran das wir uns nicht abschaffen werden.


Peter Siemens, Dr. med.:
15.04.2012, 13:56 Uhr

Seltsamerweise kann man nicht genau datieren, wann dieses Lemmingsyndrom angefangen hat. Sicher hat es mit den 68ern zu tun, aber das allein kann es nicht sein.

Ein weiteres Buch, daß dies Thema in verschiedenen Facetten beleuchtet ist Broders "Kritik der reinen Toleranz".
Es fängt beim Multikultikram an und hört in anderen Bereichen nicht auf.
Broder endet sein Buch mit einem Zitat des heutigen Pabstes, als er noch Kardinal Ratzinger hieß:
"Es scheint hier ein Selbsthass des Westens auf, der nur als etwas Pathologisches begriffen werden kann. Der Westen versucht sich in lobenswerter Weise ganz und gar dem Verständnis fremder Werte zu öffnen, aber er liebt sich selbst nicht mehr."

So ist es - leider.


Axel Kopsch:
12.04.2012, 20:35 Uhr

"Wer die eigenen Toten, auch öffentlich als Nation,nicht betrauern soll...dem bleibt nur das hohle, anbiedernde Ritual oder die hypermoralische Belehrung anderer, meist 'Mahnung' genannt." Dem möchte ich hunzufügen; der ist als Nation psychisch kollektiv traumatisiert und krank und bedarf einer Therapie. Man lese in genau diesem Zusammenhang das hochaktuelle Buch von Gabriele Baring "Die geheimen Ängste der Deutschen", erschienen 2011, ISBN-10: 3942166461, und es werden einem die Schuppen von den Augen fallen. Wir sind wahrscheinlich eine todkranke Nation; wenn es so weitergeht, werden wir uns auch aus dem Grund abschaffen, die anderen Gründe sind Brandbeschleuniger, und wir kennen sie.


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