Eseleien im Sturm und Drang

Nur ein »vorübergehender Meteor«? – Der deutsch-baltische Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz

14.06.17
Grillenhafter Dichter: Lenz in einer Zeichnung von 1777 Bild: CF

Die deutsche Literatur kennt drei Autoren mit Namen „Lenz“: den Ostpreußen Siegfried Lenz, den schwäbischen Dichter Hermann Lenz und den livländischen Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Mi­chael Reinhold Lenz. Goethe nannte ihn einen „vorübergehenden Meteor“. Tatsächlich aber zieht er bis heute an uns vorbei.

Am 4. Juni 1792 fand man die Leiche eines unbekannten Mannes auf einer Moskauer Straße. Schnell stellte sich heraus, dass es sich dabei um den deutschen Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz handelt, doch die Todesursache wurde nie ermittelt. War es Mord, Selbstmord oder einfach nur Herzversagen des erst 41-Jährigen? Klar ist nur, dass einer der großen Sonderlinge der deutschen Literatur der Nachwelt ein weiteres Rätsel hinterließ.
Um ein anderes Geheimnis rätselt man bis heute. Was geschah am Weimarer Hof im Herbst 1776? Auf Goethes Betreiben hin ließ der Herzog damals Lenz aus Weimar vertreiben. Der Grund dafür ist bis heute unklar. Goethe notierte in seinem Tagebuch unter dem Eintrag vom 26. November 1776 nur die beiden Worte: „Lenzens Eseley“. Der launische Lenz schien wieder einmal gegen die Etikette verstoßen zu haben. Wo­möglich kam er Goethes Brieffreundin Charlotte von Stein beim Englischunterricht zu nahe.
Zuvor schon hatte sich Lenz an Frauen herangemacht, die Goethe nahestanden: Er flirtete mit Friederike Brion, die Goethe in den „Sesenheimer Liedern“ verherrlichte – Lenz ergänzte die Sammlung mit eigenen Beiträgen –, und der verheirateten Goethe-Schwester Cornelia. Er blitzte jedesmal ab. Glück bei den Frauen hatte der kleine Mann aus Livland nie.
Wieso aber machte er sich dauernd zum Esel? Die Frage stellt sich die Nachwelt immer wieder. Es fing schon mit Goethe selbst an, dessen Drama „Tasso“ an den wahnsinnig gewordenen Lenz erinnert und wo der wirre Held und Dichterkönig wie Lenz selbst nach Liebeshändeln vom Hof des Gönners vertrieben wird. Später versuchte „Woyzeck“-Autor Georg Büchner in seiner einzigen Novelle „Lenz“ eine Ehrenrettung des Sturm-und-Drang-Kollegen, in­dem er dessen Wahnsinn als Spiegelbild einer ebenso verkorksten Lebenswirklichkeit sah. Später nahmen sich der Komponist Wolfgang Rihm in seiner Oper „Jakob Lenz“ und mehrere TV-Filme desselben Stoffes an.
Das Leben des lebensuntüchtigen Lenz scheint interessanter zu sein als sein Werk. Dabei gilt er neben Goethe, Schiller und Herder als wichtigster Sturm-und-Drang-Autor. Seine Dramen „Der Hofmeister“ und „Die Soldaten“ finden sich noch heute hin und wieder auf den Spielplänen der Theater. Es sind skurrile Stücke mit absurden Zügen: Im „Hofmeister“ entmannt sich der Titelheld, weil er die standeshöhere Schülerin ge­schwängert hat, und in den „Soldaten“, die Büchner zu seinem „Woyzeck“ inspiriert haben dürfte, empfiehlt Lenz Soldatenehen, damit die Vergewaltigungsrate abnehme. Aber in ihnen geht es auch um Aufbegehren gegen Autoritäten und Standesdünkel.
Lenz selbst hatte unter einem autoritären Vater zu leiden. Aufgewachsen in der historischen Region Livland, die politisch zu Russland gehörte, die volkssprachlich lettisch, aber kulturell deutsch war, sollte der am 12. Ja­nuar 1751 in Seßwegen geborene Lenz wie der Vater Theologe werden. Sein Studium unter anderem bei Kant in Königsberg, wo auch das Drama „Der Hofmeister“ zu großen Teilen spielt, schmiss er hin und reiste als Bediensteter der Barone Friedrich Georg und Ernst Nikolaus von Kleist nach Straßburg, wo er Goethe traf. Es war seine fruchtbarste Zeit. Im Alter zwischen 21 und 26 Jahren schuf er sein nahezu vollständiges literarisches Werk. Dazu kamen noch Übersetzungen des Plautus und Shakespeares sowie theoretische Schriften.
In seinen „Anmerkungen übers Theater“ gibt er den Bilderstürmer, der die vorherrschende französische Kultur mit ihrem festen Regelwerk fürs Theater angreift. Wie schon Goethe in „Götz von Berlichingen“ verzichtet Lenz in seinen Dramen konsequent auf die Einheit von Zeit und Ort. Dafür lesen sich seine Dramen wie moderne Filmdrehbücher. An der Vielzahl von Szenen, den rasanten Schnitten sowie abrupten Orts- und Zeitwechseln hätte ein Kinoregisseur seine Freude.
Wie ein früher 68er wollte Lenz die erstarrte Kulturwelt aus den An­geln heben. Dabei verhob er sich, weil er sich weder weiterentwickeln noch Anspruch und Wirklichkeit in Einklang bringen konnte. Während der Stürmer und Dränger Goethe zum Klassiker reifte, blieb Lenz zeitlebens ein Stürmer und Dränger – quasi ein Alt-68er. Ob er nun daran verzweifelte oder er sich in der Rolle des Esels und Possenspielers ge­fiel, lässt sich per Ferndiagnose schwer sagen. Klar ist, dass sich manisch depressive, wenn nicht gar schizophrene Zü­ge bei ihm abzeichneten, bei de­nen sich geistig helle Augenblicke neben verwirrten, von Verfolgungswahn und Suizidgedanken geprägten Zuständen abwechselten. Ein Aufenthalt in den Vogesen bei dem Wegbereiter der Kindergärten, dem Pädagogen Johann Friedrich Oberlin, brachte keine Besserung.
Der inzwischen zum Superintendant aufgestiegene Vater ließ seinen verlorenen Sohn zurück­holen, der aber schnell weiter Richtung Moskau entfloh. Dort schnorrte er sich in damals von der Zarin gewaltsam po­litisch verfolgten Freimaurerzirkeln elf Jahre lang durch, fertigte noch belanglose Geschichts-Übersetzungen aus dem Russischen an, ohne auch nur einmal wieder dichterisch in Erscheinung zu treten, ehe er vor 225 Jahren in Moskau tot aufgefunden wurde.
Obwohl Büchner in seiner No­velle das negative Lenz-Bild revidierte, indem er den Aufenthalt seines Helden bei Oberlin mit seinem eigenen Schicksal als Sozialrevolutionär gleichsetzte, bleibt doch Goethes Verdikt über Lenz tonangebend. In seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ rechnete er mit Lenz ab: „Für seine Sinnesart wüsste ich nur das englische Wort whimsical, welches, wie das Wörterbuch ausweist, gar manche Seltsamkeiten in einem Begriff zusammenfasst.“
Wunderlich und drollig soll Lenz also gewesen sein. Nimmt man seine Dramen hinzu, dann trifft die Bezeichung von Genie und Wahnsinn nirgends besser zu als auf Lenz.    Harald Tews


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