Europa soll liefern

Henry Kissinger mahnt zu einem neuen Ordnungskonzept

15.03.17

Das Thema „Weltordnung“ ist hochaktuell, wie auch die Wahlkampf-Äußerung des neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump belegt, dass die USA aufhören müssten, anderen Ländern ihre Werte aufzudrängen.
Einer, der sich um die veränderte Lage in der Welt sorgt, ist der ehemalige US-Außenminister und Sicherheitsberater vieler US-Präsidenten Henry Kissinger. Als erfahrener und hochgeschätzter Staatsmann gestaltete der heute 91-jahrige Harvard-Professor und Friedensnobelpreisträger lange Zeit persönlich die Weltläufe mit.
In seinem Buch mit dem einfachen Titel „Weltordnung“ gibt er eine Übersicht über die geschichtliche Entwicklung der Bemühungen von Staaten um eine allgemein verbindliche und vor allem friedliche Ordnung. Die aktuelle Entwicklung zeige aber, dass die bisherige Weltordnung überholt sei und eine neue gefunden werden müsse.
Was unsere Zeit als Ordnung verstehe, sei vor fast 400 Jahren auf einer Friedenskonferenz in Westfalen entstanden. Vorausgegangen war ein Jahrhundert religiöser Konflikte und Umwälzungen in Europa, die im Dreißigjährigen Krieg gipfelten.
An der Konferenz nahmen damals nicht alle Kontinente oder Zivilisationen teil, und dennoch wurden die getroffenen Vereinbarungen Grundlage neutraler Verhaltensregeln und für die Schlichtung von Konflikten. Jeder Herrscher hatte nach den Regeln des Westfälischen Friedens dieselben Rechte. Daneben existierte in einem großen Teil der zwischen Europa und China liegenden Gebiete das „andersartige universale Weltordnungskonzept des Islam“.
Henry Kissinger spannt einen interessanten Bogen der Geschichte von hohem Informationswert. Er geht auf Großreiche ein, die neben Europa und den USA den Lauf der Geschichte beeinflussten wie der Iran, China und Russland. Interessant sind seine Betrachtungen zum Iran, der sich dem westlichen Wertesystem nie verpflichtet gefühlt habe. Oder auch China, das sich bis zum heutigen Tage als Reich der Mitte sieht und sich nie wirklich in die Karten schauen ließ.
Im Aufstieg Preußens sieht Kissinger eine Zäsur, welche die Machtbalance in Europa verschoben habe. Otto v. Bismarck habe nach seiner Berufung zum preußischen Ministerpräsidenten 1862 mit der Umsetzung seiner Gedanken die europäische Ordnung verändert, indem er zwischen 1862 und 1870 Preußen an die Spitze eines geeinten Deutschlands setzte und diesen Staat ins Zentrum eines neuen Ordnungssystems rück-te: „Mit der Vereinigung Deutschlands war ein dominanter Staat entstanden, der stark genug war, um alle Nachbarn einzeln und vielleicht sogar alle Kontinentalmächte zusammen zu besiegen.“
Die USA beschreibt er als Nation, die sich selbst als friedliebend empfindet und sich auf Demokratie und Gleichberechtigung beruft. Er schildert ihren Aufstieg zur Weltmacht, bei dem die Vereinigten Staaten eine Schutzfunktion für Bündnispartner, aber auch für schwache Staaten übernommen hätten. Heute seien sie eine ambivalente Weltmacht, schwankend zwischen idealistischen und isolationistischen Tendenzen. „Ein Land, das bei der Suche nach einer Weltordnung eine unverzichtbare Rolle spielen muss, sollte sich zuerst einmal die Aufgabe stellen, mit dieser Rolle und sich selbst ins Reine zu kommen.“ Angesichts der Gefahr eines neuen Kriegs „Aller gegen Alle“ durch die weltweiten Krisen blieben die USA als Weltmacht unverzichtbar.
Kissinger sieht den Machtausgleich durch Veränderungen in der modernen Welt bedroht. Ein Austausch von Informationen sei zwar jederzeit möglich, es fehle aber das Verständnis füreinander. Er geht auch auf die Rolle Amerikas als Weltgewissen ein, setzt sich aber wenig kritisch mit den Verstößen gegen die eigenen Prinzipien dieser Weltmacht und ihrer Verantwortung an den Kriegen der Neuzeit auseinander. Bei der Analyse der Hybris und dem Verkennen der Realität, welche dazu geführt haben, dass die USA ihre Rolle als Weltherrscher nicht länger aufrecht erhalten können, bleibt er recht vage.
Von Europa erwartet er stattdessen konstruktive Beiträge wie beim Westfälischen Frieden von 1648. Europa müsse sich entscheiden, wie es seine Einheit erlange. Er hofft, dass das transatlantische Bündnis fortbesteht und nicht einzelne nationale Interessen überwiegen.
Kissinger hat eine umfangreiche und sehr lesenswerte geschichtliche Betrachtung geliefert, aus der heraus sich die Konflikte der Gegenwart erklären, einen Lösungsansatz bleibt er allerdings schuldig. Er weiß lediglich, dass eine neue Weltordnung her muss.
    Manuela Rosenthal-Kappi

Henry Kissinger: „Weltordnung“, Pantheon Verlag, München 2016, broschiert, 478 Seiten, 14,99 Euro


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