Facettenreiches Werk zum Thema Reformation

01.11.17

Mehr oder weniger gelungen, mehr oder weniger ahistorisch-politisch vereinnahmend wird zur Zeit der Reformation gedacht. In seiner Bedeutung ist dieses komplexe Geschehen kaum zu überschätzen. Neben anderen Entwick­lungslinien stellt es den wohl am meisten im allgemeinen Gedächtnis verankerten Ausgangspunkt für die bis heute anhaltende Spaltung des Christentums dar. Fixpunkt ist der 31. Oktober 1517, der sich nun zum 500. Mal jährt. Es handelt sich um das Datum des legendären Thesenanschlags Martin Luthers am Portal der Wittenberger Schlosskirche. Neu aufgelegte oder erarbeitete, oft dick­leibige und das – nicht selten allzu moderne – Deutungsinstrumentarium voll ausschöpfende Biografien über den Reformator sind Legion.
Mitunter gibt es allerdings ein Lesepublikum, welches nicht vom Fach ist und vorhandene Vorkenntnisse erweitern, jedoch kein Zusatzstudium absolvieren möchte. Ohne die Schwere, welche Wissensberge mitunter unverdaulich macht, wird eine solche Vermittlung bezüglich Luthers beziehungsweise der Reformation mit dem von Dietmar Pieper und Eva Maria Schnurr herausgegebenen Buch, das mit Blick auf das Zielpublikum vielleicht etwas spärlich illustriert ist.
Die Einleitung betont, wie stark die Reformationsgeschichtsschreibung früher interessengebunden war. Verschiedene Autoren, überwiegend auf historische Themen spezialisierte Journalisten, präsentieren in kurzen Einzelbeiträgen, welche bereits in Form eines „Spiegel-Geschichte“-Heftes erschienen sind, wesentliche Aspekte der Reformation. Ob in unseren Tagen wirklich „ein unverstellter Blick auf die Ereignisse nach 1517“ möglich ist, so die These der Herausgeber, sei dahingestellt. In jedem Fall gelungen ist eine gut lesbare Darstellung, die auch Grundlegendes wie „Kernpunkte des reformatorischen Denkens“ prägnant zusammenfasst und durch Interviews mit namhaften Reformationsforschern, etwa Thomas Kaufmann und Heinz Schilling, die Brücke zur Wissenschaft schlägt.
Am Beginn steht, eingebettet in die großen Veränderungen der Zeit um 1500, die Biografie des Hauptprotagonisten Martin Luther. Die Reformationsproblematik wird aus der machtpolitischen Sicht Kaiser Karls V. in Augenschein genommen. In Form einer kurzen chronologischen „Reportage“ werden die Ereignisse des Wormser Reichstages von 1521 nachgezeichnet, auf welchem Luther der Aufforderung widerstand, die Inhalte seiner Schriften zu widerrufen. Wichtiger Wegbereiter der Reformation war Friedrich der Weise von Sachsen, der seine Hand über Luther hielt, zugleich aber, nicht so ganz mit dessen Lehren vereinbar, eine der größten Reliquiensammlungen dieser Zeit zusammengetragen hatte. Neben dem Schutz des Kurfürsten waren weitere Umstände für die Verbreitung von Luthers Lehren von großer Bedeutung – etwa die gar nicht so lange zuvor erfolgte „Erfindung“ des Buch-
drucks oder der Einsatz des Luther gewogenen Malers Lucas Cranach. In einem neuen Buch über die Reformation dürfen natürlich Frauen wie Katharina von Bora und Elisabeth von Rochlitz, welche entsprechend auftraten, nicht fehlen.
Über das Wirken weiterer Reformatoren wie Martin Bucer und Huldrych Zwingli, die Wiedertäufer von Münster, die Gegenreformation und vieles mehr ist Grundlegendes zu erfahren. Das Ganze erstreckt sich bis zum  Augsburger Religionsfrieden von 1555, hier als „politischer Handel“ apostrophiert. Und nicht zuletzt informiert das facettenreiche Buch über eine Variante, die Frage nach der Historizität des Thesenanschlags  zugleich mit „ja“ und „nein“ zu beantworten.
     Erik Lommatzsch

Dietmar Pieper/ Eva-Maria Schnurr (Hrsg.): „Die Reformation. Aufstand gegen Kaiser und Papst“, Deutsche Verlagsanstalt, München 2016, gebunden, 256 Seiten, 19,99 Euro


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