Feiner Pinselstrich

Die erstaunliche Wiederentdeckung der Jane Austen – Die britische Romanautorin starb vor 200 Jahren

26.07.17
Das einzige authentische Porträt von Jane Austen stammt von ihrer Schwester Cassandra (zirka 1810) Bild: National Portrait Gallery, London

Seit Mitte der 1990er Jahren erlebt die britische Autorin Jane Austen eine unerwartete Renaissance im Kino. Dabei widersetzen sich ihre handlungsarmen Romane dem von Sex, Drogen und Rock geprägten modernen Zeitgeist.

Als Startschuss der Jane-Austen-Renaissance gilt das Jahr 1995. Damals kamen nahezu zeitgleich drei Verfilmungen von Austen-Klassikern heraus: „Jane Austens Verführung“ nach ihrem Roman „Persuasion“ (zu Deutsch eigentlich: Überredung), die BBC-Miniserie „Stolz und Vorurteil“ mit Colin Firth – sowie „Sinn und Sinnlichkeit“. Letztere schlug ein wie eine Bombe, gewann einen Oscar und war auch hierzulande dank eines brillanten Ensembles um Hugh Grant, Kate Winslet, Emma Thompson und Alan Rick­man einer der Kinohöhepunkte des Jahres.
Jetzt gab es kein Halten mehr. Die Wiederbelebung setzte sich auf allen Ebenen fort. 1996 schrieb die englische Autorin Helen Fielding mit „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ eine Art moderne Fortsetzung von „Stolz und Vorurteil“. In der Kinofassung von 2001 trat erneut Colin Firth als Mr. Darcy auf wie zuvor schon in dem Austen-Film von 1995. Es folgten bis heute eine ganze Reihe von Austen-Filmen, Biografien, Neuübersetzungen der Romane (siehe Kasten) und irrwitzige Randprodukte, die den Austen-Schub kommerziell für sich nutzten wie zum Beispiel der Horrorfilm „Stolz und Vorurteil und Zombies“ von 2016.
Und nicht genug damit: Zum 200. Todestag verdrängt das einzig erhaltene Konterfei Jane Austens, das ihre Schwester Cassandra mit künstlerisch recht unbeholfener Hand angefertigt hat, das des Evolutionisten Charles Darwin auf der neuen Zehn-Pfund-Banknote, welche die Bank of England im September herausgibt. Ein nicht authentischer Scherenschnitt der Romantikerin wird außerdem eine Zwei-Pfund-Münze zieren.
In Zeiten der Frauenbewegung kann man diese Idealisierung einer vorviktorianischen Autorin als Zugeständnis an den Feminismus deuten. Auch wenn eines der Meisterwerke Jane Austens
– genau wie Alice Schwarzers Zeitschrift – „Emma“ heißt, wäre es jedoch fatal, sie auf die Rolle einer Vorkämpferin der Em(m)an­zipation zu reduzieren.
Als sie zu schreiben anfing, gab es bereits eine reichhaltige Er­zähltradition britischer Autorinnen. Ende des 18. Jahrhunderts schrieb Anne Radcliffe Gothic Novels wie „Udolpho“, Maria Edgeworth den historischen Roman „Castle Rackrent“ und Fanny Burney Sittenromane wie „Camilla“. Vor allem letztere bereitete als Vorbild den Weg vor für Austen Romane, auch wenn diese zunächst keinen Verleger fanden. Erst 1811, rund 20 Jahre nachdem Austen ihr Jugendwerk umgeschrieben hatte, erschien anonym ihr erster Roman „Sinn und Sinnlichkeit“ mit dem Zusatz „By a Lady“ (von einer Dame).
In der Zwischenzeit hatte die in Südengland als Pfarrerstochter aufgewachsene Austen erzählerische Fortschritte gemacht. Ihre Jugendwerke waren meist Briefromane in der Nachfolge des englischen Schriftstellers Samuel Richardsons. Das ermöglichte zwar Perspektivwechsel je nach Sicht des Briefautors, aber eben keinen Blick aufs Ganze aus der Distanz heraus. Das wiederum hätte nur ein allwissender Erzähler erreicht, so wie Fielding seinen Roman „Tom Jones“ aus der Objektive erzählt, was allerdings auf Kosten der Subjektivität geht.
Jane Austen hat nun einen wichtigen Beitrag zur Erzählkunst dadurch geleistet, dass sie beide Erzählebenen miteinander kombiniert hat. Sie erfindet die Rolle des ironisch distanzierten Erzählers und lässt das Geschehen abwechselnd aus der Sicht ihrer Protagonisten berichten.
Ihre Liebesromane sind daher so etwas wie Rosamunde Pilcher in subtiler Ironie statt in Rosarot. Auch wenn ihre Werke meist mit einer Heirat enden, lässt Austen, die bis zu ihrem Tod mit 41 Jahren unverheiratet und kinderlos blieb, leise Zweifel an der Institution der Ehe.
Auch an der Tugendhaftigkeit ihres weiblichen Personals zweifelt sie ironisch. Sie bricht das gewohnte Rollenschema vom naiven Opferlamm und dem ruchlosen Verführer auf. In „Stolz und Vorurteil“ sind Elizabeth Bennet und in „Emma“ die Titelheldin die Blamierten, die wegen ihres blinden Stolzes den Anstand der ihnen anfangs unsympathisch er­scheinenden Männer (Mr. Darcy, Mr. Knightley) nicht erkennen.
„Waverley“-Autor Sir Walter Scott beneidete Jane Austen um ihren „feinen Pinselstrich“. In unserer hektischen, grobschlächtigen Zeit 200 Jahre nach dem Tod von Jane Austen – sie starb tuberkulosekrank am 18. Juli 1817 in Winchester – ist die Sehnsucht nach feinen, sanften und ironische Strichen offenbar wieder besonders groß.    Harald Tews

Lektüretipps: Jane Austens Werke sind bei dtv, Reclam und Manesse erschienen. Bei Manesse frisch auf dem Markt ist Andrea Otts Neuübersetzungen von Vernunft und Gefühl (416 Seiten, 26,95 Euro) und im (deutschen) Penguin Verlag Stolz und Vorurteil (640 Seiten, 24,90 Euro). Bei Lambert Schneider gibt es die neue Austen-Biografie By a Lady von Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke (224 Seiten, 24,95 Euro). Mit Jane Au­sten. Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt blickt Holly Ivins hinter die Romankulissen (DVA, 240 Seiten, 14,99 Euro), und Brigitte Ebersbach stellt Gäste und Feste bei Jane Austen anhand von Original-Texten und -Rezepten vor (ebersbach & simon, 144 Seiten, 16,80 Euro).


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