Feuer und Flamme für die Freiheit

200 Jahre Wartburgfest: Selbst Minister Wolfgang von Goethe begeisterte sich für die Ziele der Burschenschaft

23.10.17
„Die Burschenfahrt auf die Wartburg am 18ten Octobr. 1817“: neukolorierte zeitgenössische Radierung Bild: akg images

Sie hatten vorgegeben, ein Fest zum 300. Jahrestag des Thesenanschlages von Martin Luther und zum vierten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig feiern zu wollen. 500 Studenten kamen am 18. Oktober 1817 auf der Wartburg zusammen. Die Feier war ein Vorwand, es ging vor 200 Jahren um viel mehr, um nationale Einheit und Freiheitsrechte.

Es ging um all die Themen, die 1815 zur Gründung der Burschenschaft geführt hatten: ein vereintes, demokratisches Deutschland, Gleichstellung aller vor dem Gesetz, Abschaffung der Geburtsvorrechte und der Leibeigenschaft, Rede- und Pressefreiheit. Alles Forderungen, die der Obrigkeit zuwider waren. Eine derartige Demonstration hätten sie niemals zugelassen. Da war das Gedenken an den Thesenanschlag ein geschickter Vorwand.
Anfangs gab es auch nichts, was die Fürsten hätte beunruhigen können. Die Studenten, und mit ihnen etliche Professoren, feierten, tranken, sangen und hörten patriotische Reden. Der Student Ludwig Roediger heizte die Situation an: „Wer bluten darf für das Vaterland, der darf auch davon reden, wie er ihm am besten diene im Frieden … Denn die Zeit ist gottlob gekommen, wo sich der Deutsche nicht mehr fürchten soll vor den Schlangenzungen der Lauscher und dem Henkerbeil der Tyrannen …“
Ludwig Roediger wurde zum vielfach zitierten Mann, seine Ansprache wurde gedruckt unter dem Titel „Ein deutsches Wort an Deutschland’s Burschen gesprochen vor dem Feuer auf dem Wartenberg bei Eisenach“. Roediger brachte das ein Stipendium ein.
Abschließend sang man den Choral „Nun danket alle Gott“, die preußische Hymne seit der Schlacht von Leuthen.
Wahrscheinlich wäre das Wartburgfest inzwischen kaum mehr als eine historische Fußnote, hätte es mit dem Choral geendet. Es war empfindlich kühl an diesem Abend, nach dem Choral sollte endgültig Schluss sein. Viele Studenten verließen das Fest. Die Feier war eigentlich schon beendet, als die Studenten nach dem Festessen unter Fackeln zum Wartenberg zogen.
Der Weimarer Großherzog Carl August hatte den Studenten Holz für ein Siegesfeuer zum Gedenken an die Völkerschlacht spendiert. An diesem Feuer geriet die Sache außer Kontrolle. Der Eisenacher Landsturm hatte einige Feuer zwischen Buden, Verkaufsständen und Lauben entzündet. Es war ein allgemeines Gedränge mit Spiel, Tanz, Feuerwerk und Gesang. Die Studenten mischten sich unter die Leute. Sie machten das fröhlich-harmlose Fest zu ihrer Sache.
Mitglieder der Bewegung des Turnvaters Jahn schleppten einen Korb voller Fehldrucke ans Feuer. Ein Buchhändler hatte das Altpapier zur Verfügung gestellt. Die Studenten hatten die Makulaturpakete mit ihnen missliebigen Buchtiteln beschriftet. Wie Luther 1520 die Päpstliche Bulle „Exsurge Domine“ und Schriften des kanonischen Rechts verbrannte, so wollten sie die schändlichen Schriften ins Feuer werfen. Es war ein symbolischer Akt, was da in Flammen aufging, war Altpapier. Die Studenten verbrannten vorgeblich Schriften von Autoren, die sie als antinational empfanden. Das war ebenso sinnbildlich wie das Verbrennen von Zeichen der Unterdrückung. Dazu gehörte der Schnürleib eines preußischen Ulanen, der unter allgemeiner Empörung in die Flammen geworfen wurde: „Es hat der Held und Kraft-Ulan sich einen Schnürleib umgetan, damit das Herz dem braven Mann nicht in die Hose fallen kann.“ Auch ein hessischer Soldatenzopf und ein österreichischer Korporalstock gingen in Flammen auf. Mit einer Heugabel warfen die Studenten die Papierballen ins Feuer, rufend: „So wollen auch wir durch die Flamme verzehren lassen das Angedenken derer, so das Vaterland geschändet haben, durch ihre Rede und That, und die Freiheit geknechtet und die Wahrheit und Tugend verleugnet haben …“
Zu den nach Ankündigung angeblich verbrannten Schriften gehörte auch das Buch „Geschichte des deutschen Reiches“ von August von Kotzebue, jenem später, im März 1819, von einem Burschenschaftler erstochenen russischen Generalkonsul und Schriftsteller, dem Verrat an Deutschland vorgeworfen wurde.
Die Reaktion auf die wilden Reden war erstaunlich. Deutlichen Beifall spendete Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe. Er habe, sagte Goethe später, bei einer Begegnung mit Roediger sich zügeln müssen, „dem lieben Jungen nicht um den Hals zu fallen“. Auch mit der symbolischen Verbrennung der Bücher hatte Goethe offenbar kein Problem. Auf die Verbrennung der Schrift seines Konkurrenten Kotzebue reagierte er mit einem gar nicht politisch korrekten Spottgedicht: „Daß du dein eignes Volk gescholten. / Die Jugend hat es dir vergolten: / Aller End’ her kamen sie zusammen, / Dich haufenweise zu verdammen; / St. Peter freut sich deiner Flammen.“
Das war gehässig und stand dem Dichterfürsten nicht gut an. Wohl unter politischem Druck schrieb er später von dem „garstigem Wartburger Feuersgestank, den ganz Deutschland übel empfindet“. Dennoch stand er mit seiner wohlwollenden Beurteilung nicht allein. Der Staatsminister von Sachsen-Eisenach nannte die Verbrennung unliebsamer Schriften einen „Seitensprung“, sein Kollege Christian Gottlob von Voigt bescheinigte, es sei „alles ernstlich zugegangen, vielleicht die Späße bei dem Feuer auf dem Berge ausgenommen“, letztere seien ein Ausrutscher durch „Studentenlustigkeit“.
Der Student Hans Ferdinand Maßmann, der sich bei der Verbrennung der Bücher besonders hervorgetan hatte, wurde zu einer Karzerhaft von acht Tagen verurteilt. Er verteidigte sich: „Wir wollten verbrennen … die Grundsätze und Irrlehren der Zwingherrschaft, Knechtschaft, Unfreiheit, Unmännlichkeit und Unjugendlichkeit, der Geheimniskrämerei und Blindschleicherei, des Kastengeistes und der Drillerei, die Machwerke des Schergen-, Hof-, Zopf-, Schnür- und Perückenteufels …“
2017, im sogenannten Lutherjahr, ist man auf der Wartburg ganz weit weg von diesen Ereignissen einer erwachenden Nation. Im Veranstaltungsprogramm der Wartburg finden sich zeitnah zur 500-Jahrfeier Luthers Veranstaltungen wie „Lutherisches Jubelgeschrey“ oder das Duo Camillo mit „Luther bei die Fische“.    Klaus J. Groth


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