Flucht in die Inszenierung
Autobiografie von Vera von Lehndorff: Erst vor der Kamera fand Deutschlands erstes Topmodell Bestätigung
Die Tochter des am Hitler-Attentat 1944 beteiligten Heinrich Graf von Lehndorff leidet noch heute unter der Entwurzelung aus ihrer ostpreußischen Heimat und der Zerstörung ihrer Familie.
„Veruschka ist die schönste Frau der ganzen Welt. Eine wie sie gibt es nur einmal“, schrieb Richard Avedon, einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts, der zu dem Zeitpunkt bereits Schönheiten wie Marylin Monroe und Brigitte Bardot fotografiert hatte, 1972 in der weltweit den Ton angebenden Modezeitschrift „Vogue“ über Vera Gräfin von Lehndorff. Doch kurz danach konnte seine Ikone nicht das liefern, was die „Vogue“, mit der sie schon so oft zusammengearbeitet hatte, wünschte: ein „happy face“.
Nein, ein glückliches Gesicht, das Leser der Zeitschrift zum Konsum ermuntern würde, das konnte Deutschlands erstes weltweit erfolgreiches Topmodell nicht machen, wie auch. Spukte doch im Kopf der 1939 in Königsberg geborenen Tochter des am Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligten Heinrich Graf von Lehndorff eine traumatisierende Vergangenheit. So unter anderem die Worte „Mama rück, Hunger, Angst“, die ihre jüngere Schwester Gabriele in den Monaten, in denen der Vater im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartete und die Mutter mit der gerade geborenen Tochter Catharina in einem NS-Arbeitslager war, in Endlosschleife wiederholte. Zusammen mit den Kindern anderer am Hitler-Attentat Beteiligter waren die drei größeren Lehndorff-Töchter Nona, Vera und Gabriele in ein Heim in Bad Sachsa gebracht worden, ohne dass die Kinder ahnten, was geschehen war. Selbst als sie zu ihrer Großmutter mütterlicherseits durften, erzählte man ihnen nichts. In ihrer als Interview verfassten Autobiografie „Veruschka. Mein Leben“ klagt Vera von Lehndorff jedoch nicht, sondern äußert die Vermutung, dass die fehlende Kommunikation über das Erlebte nicht ungewöhnlich war: „Deutschland nach dem Krieg war eine emotionale Wüste. Jeder war mit sich beschäftigt. Zum Trauern war keine Zeit.“
Also flüchtete man in den Alltag, was im Falle der Lehndorff-Frauen nicht einfach war, schließlich war ihr Zuhause, das Schloss Steinort in Ostpreußen, in einem Teil Deutschlands, der nach dem Krieg eben nicht mehr zu Deutschland gehören durfte. Lehndorff: „Ich bin davon überzeugt, dass ein Ort einen Menschen prägt. Wird man aus einer Umgebung, in der man heranwachsen soll, herausgerissen und in eine andere hineingeworfen, grenzt es an ein Wunder, wenn man überhaupt wieder ,anwächst‘.“
Bei verschiedenen Freunden und Verwandten fanden Mutter und Töchter Unterschlupf. Doch wer ständig umzieht, kann erst recht keine Wurzeln schlagen. Auch wurden die Lehndorff-Töchter immer wieder bezichtigt, dass sie die Kinder eines Vaterlandsverräters seien. In der Schule meinte eine Lehrerin Veras sogar, sie sei die Tochter eines Mörders. Hinzu kommt, dass Vera oft kränkelte und auf Kur geschickt wurde. Und wieder war sie fort von ihrer Mutter: „Ich wache in einem Kinderbett auf, um mich herum nur Gitter … Ich denke nur eines: Mutter hat mich verstoßen.“ Dieses Gefühl, von der Mutter verstoßen worden zu sein, verfolgte Vera von Lehndorff lange. Jahre später, bereits das erste deutsche Topmodell und berühmt, wurde sie erneut von der schon als Kind gehabten fixen Idee, sie trage ein böses Mal und sei schuld am Tod des Vaters, überwältigt. Selbst zahlreiche Therapeuten konnten ihr diese Idee nicht völlig nehmen.
Allerdings ist von Lehndorff nicht die einzige, die regelmäßig von dunklen Gedanken überwältigt wurde. Auch ihre Mutter Gottliebe geborene Gräfin von Kalnein litt oft unter Depressionen und konnte sich deswegen nicht ihrer Töchter annehmen, sodass Kindermädchen, wohl von Freunden der nach dem Krieg weitgehend mittellosen Familie bezahlt, sich um die Mädchen kümmerten, bis diese in ein Internat kamen.
Vielleicht erklärt sich so eine Bemerkung, die Marion Gräfin Döhnhoff, Gründerin der Wochenzeitung „Die Zeit“ und Patentante von Vera von Lehndorff, anlässlich der Beerdigung von Gottliebe 1993 tätigte: So sagte sie, dass sie Gottliebe nicht gemocht habe, „weil sie schlechtes Blut in die Familie brachte“. Allerdings erwähnt Vera von Lehndorff nicht, dass in der Verwandtschaft der Mutter Depressionen vorkamen und vielleicht war Marion Gräfin Dönhoff auch der Stammbaum der Mutter nicht gut genug. Vera von Lehndorff kommentiert Döhnhoffs Äußerungen wie folgt: „Da verschlug es mir die Sprache. Gut dachte ich, hat sie meine Mutter wohl mit einem Pferd verwechselt. In ihrer Jugend hatte Marion viel mit Pferdezucht zu tun gehabt … Aber Marion war auch tief in ihrer Zeit und Tradition verhaftet, nicht frei von Vorurteilen.“
Vera von Lehndorff erinnert sich in ihrer Autobiografie an ihre Kindheit in Ostpreußen, an ihren Vater, die schwierige Nachkriegszeit mit ihrer orientierungslosen Mutter als Leitstern, an die gescheitere Ausbildung, erste Modellversuche, den Durchbruch nach der Erfindung der Kunstfigur „Veruschka“, Begegnungen mit Prominenten wie Andy Warhol, Salvador Dali, Peter Fonda, Warren Beatty, Julie Christie und Helmut Newton sowie zahlreiche Film- und Kunstprojekte. Aber sie schildert auch, dass immer wiederkehrende psychische Erkrankungen die Karriere durchbrachen. Wechselnde Liebschaften und Wohnorte verhinderten zudem, dass Vera von Lehndorff jemals wieder irgendwo Wurzeln schlug. Noch heute ist sie ein ruheloser Mensch.
„All das ist Vergangenheit, und doch ist es noch gegenwärtig und beschäftigt mich sehr. Meine Vorstellungen richten sich jetzt aber auf die Zukunft, auf das, was in Steinort entstehen kann“, so Lehndorff über ihre Kindheitserinnerungen an Ostpreußen. Das elterliche Schloss soll ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum werden, doch der Weg bis dahin ist noch weit, da das Gebäude stark renovierungsbedürftig ist. Immerhin regnet es jetzt nicht mehr hinein, denn Ende letzten Jahres erhielt das Gebäude ein Bitumendach, das die nächsten Jahre halten soll, bevor es wieder mit Ziegeln eingedeckt wird. Auch einige Fehlstellen im Mauerwerk wurden neu ausgefugt, zudem im Inneren stabilisierende Holzstützen eingefügt. Dann, wenn alles fertig ist, soll dort auch ein Teil der alten Möbel und Kunststücke ausgestellt werden, die die Nationalsozialisten nach der Verhaftung des Vaters enteignet hatten. 2010 hatten die Lehndorff-Töchter nach einem Rechtsstreit 430 Möbelstücke, Gemälde, Bücher und Porzellanfiguren unter anderem von dem Museum der Burg Kriebstein, wo die Familienstücke inzwischen hingelangt waren, zurückerhalten.
Wer die Fotos der jungen Veruschka sieht, ist hingerissen von ihrer ungewöhnlichen Schönheit, doch nach der Lektüre der Autobiografie weiß man, wie viel Dunkelheit, Schmerz und Orientierungslosigkeit hinter der schönen Fassade stecken. Und so ist auch Deutschlands erstes Topmodell ohne Zweifel als Opfer des Zweiten Weltkrieges zu bezeichnen, der in ihr Wunden schlug, die bis heute nicht verheilt sind. Rebecca Bellano
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