Frauen als Opfer des Krieges

Arno Surminski schrieb einen Roman über das Massaker von Palmnicken – Gespräch mit dem Autor

22.09.10
Geboren wurde Arno Surminski am 20. August 1934 in Jäglack, Kreis Rastenburg. Durch die Wirren des Krieges verlor er seine Eltern, die in die Sowjetunion verschleppt wurden und dort starben. Erst 1947 gelang es Arno Surminski – nach der Flucht und verschiedenen Aufenthalten in Lagern – in den Westen zu kommen, wo er bei einer kinderreichen Familie im schleswig-holsteinischen Trittau aufwuchs. Nach einer Lehre als Rechtsanwaltsgehilfe ging er für einige Zeit nach Kanada, wo er sich als Tellerwäscher, Kellner und Holzfäller seinen Lebensunterhalt verdiente. Nach Deutschland zurückgekehrt („Ich hatte Heimweh“), arbeitete er zunächst in der Rechtsabteilung einer Versicherung, bis er sich 1972 als freier Journalist in Hamburg niederließ. os
Arno Surminski im Gespräch Bild: ddp

Die Tragödie der Frauen von Palmnicken, weibliche Häftlinge des KZs Stutthoff, wurde jahrzehntelang vergessen und verdrängt. Der Schriftsteller Arno Surminski hat ihnen mit seinem neuen Buch ein Denkmal gesetzt.

Über 20 Romane, Erzählbände, Sach- und Kinderbücher hat Arno Surminski seit 1974 veröffentlicht. Angefangen hatte es mit „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“, einem Roman, der auf den Erlebnissen des Autors in der Nachkriegszeit beruht. Während 2002 die Öffentlichkeit auf die Novelle „Im Krebsgang“ von Günther Grass begeistert reagierte – „Endlich einmal ein Roman über Flucht und Vertreibung!“ –, übersah sie ganz, dass Surminski mit „Jokehnen“ dieses Thema bereits knapp 30 Jahre zuvor aufgegriffen hatte. Jetzt hat er sich mit „Winter fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“ an ein Kapitel deutscher Geschichte gewagt, das lange verschwiegen wurde.
Im Winter 1945 war die große Welle des Krieges auch über Ostpreußen geschwappt. Millionen Menschen spülte sie nach Westen. Wer zu schwach war, musste bleiben und die Willkür der Sieger über sich ergehen lassen. Zu den Flüchtlingen im Roman gehört auch Lisa Kretschmann mit ihren kleinen Kindern. Ursprünglich wollte sie ihren Hof bei Schippenbeil nicht verlassen, das Schicksal wollte es anders und trieb sie über das Eis des Haffs bis zur Insel Usedom. Levine Gedeitis war mit ihrer Tochter Olga bereits aus Memel vor der Roten Armee bis nach Palmnicken geflohen, wurde aber dort von der Welle der Willkür eingeholt.
Im Mittelpunkt der glänzend erzählten Geschichte stehen jedoch vier junge Frauen aus Lodsch, Dorota, Gesa, Celina und Sarah. Als Jüdinnen mussten sie alles erdenklich Schreckliche über sich ergehen lassen, bis sie schließlich im KZ Stutthof landeten. Als die Front näher rückte, sollten sie auf keinen Fall in die Hände des Gegners fallen und wurden bei Nacht und Nebel in Außenlager auf ostpreußischem Boden getrieben. In Palmnicken fand dann das entsetzliche Fanal statt.
Surminski berichtet von dem Geschehen vor dem Hintergrund einer Vater-Sohn-Geschichte. War der Vater tatsächlich einer der Täter? Nüchtern und schnörkellos erzählt der Schriftsteller, glaubwürdig und in atmosphärischer Dichte. Er nennt die Schrecken beim Namen. Doch nie rechnet er Leid gegen Leid auf, dafür lieben ihn seine Leser, denen er derzeit auf vielen Auftritten auch bei landsmannschaftlichen Gruppen landauf, landab seinen neuen Roman vorstellt.
PAZ-Redakteurin Silke Osman sprach mit Arno Surminski über sein neues Buch:
PAZ: Mit Sarah, Gesa, Celina und Dorota haben Sie dem Grauen Namen gegeben. Welche Fakten standen Ihnen zur Verfügung?
Arno Surminski: Zu Beginn der 90er Jahre hörte ich gerüchteweise von dem Geschehen in Palmnicken. Ich las danach das Buch „Todesmarsch zur Bern-steinküste“ von Martin Bergau. Von New York aus rief mich dann eines Tages ein Mann an, der seine Kindheit in Ostpreußen verlebt und darüber Aufzeichnungen gemacht hatte. Die schickte er mir, und ich las darin, dass sein Großvater im Juni 1945 mit anderen Deutschen in Palmnicken von der Roten Armee gezwungen wurde, am Strand mit bloßen Händen Frauenleichen auszugraben. Danach fasste ich den Entschluss, diese Geschichte zu schreiben.

PAZ: Sie haben oft über Flucht und Vertreibung geschrieben. Ihr erster Roman „Jokehnen oder wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland“ spiegelt ihr eigenes Schicksal wider. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, den Todesmarsch nach Palmnicken zu thematisieren?
Surminski: Man muss sich vom eigenen Erleben innerlich frei machen, um ein solches Buch glaubhaft schreiben zu können. Mein eigenes Erleben habe ich insofern eingebracht, als ich die Zustände auf den ostpreußischen Landstraßen im Januar 45 und die Stimmung jener Endzeit selbst erfahren habe.

PAZ: „Winter fünfundvierzig“ ist ja auch ein Roman über die Vätergeneration, die nicht reden konnte oder wollte über das, was damals geschah. Sie klagen nicht an, sondern wünschen Aufklärung.
Surminski: Mit „anklagenden“ Büchern erreicht man gar nichts. Es genügen objektive Schilderungen, aus denen jeder Leser, wenn er denn will, sich seine Anklagen heraussuchen mag. Um diese Unvoreingenommenheit zu bewahren, musste ich auch einen „Täter“ einführen, der seine Sicht der Schreckenstat darlegen durfte, ohne dass ich mich mit dieser Sicht identifizierte.

PAZ: Mit „Winter fünfundvierzig“ setzen Sie nicht zuletzt allen Menschen ein Denkmal, die ihr Leben in der Ostsee lassen mussten, den Flüchtlingen und verletzten Soldaten auf der „Gustloff“, der „Goya“, den Häftlingen auf der „Kap Arkona“, der „Thielbek“ und der „Deutschland“. Die Ostsee − ein Massengrab – kann man jemals wieder unbeschwert dort Ferien machen?
Surminski: Der Gedanke, das ganze Ostseedrama von 1945 zu thematisieren, kam mir während des Schreibens. Ich habe die Frauen von Palmnicken in ein Gemeinschaftsgrab mit den Opfern der Lübecker Bucht, des Swinemünder Hafens und der vielen untergegangenen Schiffe gegeben. Das ist meines Erachtens das Besondere an diesem Buch, dass es die vielen Opfer der Ostsee als Menschen vereint. Nur gedanklich können wir die Ostsee zu einem Friedhof machen. In der Realität muss es ein Meer wie jedes andere bleiben mit Strandurlaubern und Bernsteinsuchern.

PAZ: Erst 1999 ist mit einem Gedenkstein der toten Frauen von Palmnicken gedacht worden. Zu lange hat man geschwiegen und verleugnet, was damals geschah. Reichen Gedenksteine aus, um in den Köpfen der Menschen eine Wandlung zu bewirken?
Surminski: Das war für mich die größte Überraschung, dass dieser unerhörte Vorgang so lange unbeachtet geblieben war. Es war mein Anliegen, den „vergessenen“ Frauen ein Denkmal zu setzen. Im Übrigen glaube ich, dass Bücher eine größere Wirkung haben als Granitsteine am Strand.

Arno Surminski: „Winter fünfundvierzig oder Die Frauen von Palmnicken“, Ellert & Richter, Hamburg 2010, 336 Seiten, gebunden, 19,95 Euro


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