FSB verhaftet »Hochverräter«

Russischer Geheimdienst entlarvt Agentennetzwerk mit Verbindungen zum FBI

14.02.17
Kaspersky-Stand bei einer Konferenz in Lille: In Moskau wurde derweil der Chef für Cybersicherheit des Unternehmens, Ruslan Stojanow, verhaftet Bild: pa

Erst vor wenigen Tagen sickerte durch, dass Ende Dezember der hochrangige FSB-Mitarbeiter Sergej Michajlow, sein Stellvertreter Dmitrij Dokutschajew sowie der Angestellte der bekannten IT-Sicherheitsfirma Kaspersky, Ruslan Stojanow, verhaftet wurden. Wegen Verbindungen zur US-Bundespolizei FBI werden sie des Hochverrats angeklagt.

Ein undurchsichtiger FSB-Oberst, sein halbseidener Stellvertreter, ein Geschäftsmann mit Geheimdienstvergangenheit, eine illegale Hackergruppe und die US-Bundespolizei FBI, die bei der Aufdeckung eines vermeintlich geplanten Cyberkriegs mitwirkt: Aus diesem Stoff werden Agententhriller gestrickt.
Was wie die Vorlage zu einem Spionageroman klingt, beschäftigt derzeit die russische Öffentlichkeit ganz real. Die Verhaftung von mindestens zwei FSB-Angehörigen und des Kaspersky-Mitarbeiters Ruslan Stojanow, als Chef der Abteilung für Zwischenfälle in Computersystemen zuständig für Cybersicherheit, sorgt derzeit in Mos-kau für Aufsehen. Würden nicht gleichzeitig Säuberungen in den Reihen hoher Beamter und beim Militär – Putin hat vergangene Woche 16 Generale wegen Vertrauensverlustes per Erlass ihres Amtes enthoben – stattfinden und gäbe es nicht die Vorwürfe der Manipulation des Präsidentenwahlkampfs in den USA durch russische Hackerangriffe, würde die Sache vermutlich wenig Beachtung finden.
Da es um den russischen Inlandsgeheimdienst FSB geht, der   die Angelegenheit bislang unter Verschluss gehalten hat, trieben zunächst Spekulationen Blüten. Nun dringen tröpfchenweise Informationen nach außen. Hieß es zunächst offiziell, die Verhaftung der Geheimdienstmitarbeiter stehe in keinem Zusammenhang mit den Hackerangriffen auf die Wähler-Datenbanken in den US-Staaten Arizona und Illinois und wurde bislang überhaupt jede russische Einflussnahme auf den US-Wahlkampf bestritten, so kommen nun Details ans Tageslicht, die zumindest neue Fragen aufwerfen.
Bekannt wurde, dass nicht nur  vier Personen verhaftet wurden, sondern acht weitere der Beihilfe verdächtig sind. Sergej Michajlow war FSB-Vizechef für Informationssicherheit, sein Stellvertreter Dmitrij Dokutschajew ein ehemaliger krimineller Hacker, den die Behörden bei seiner Verhaftung vor die Wahl gestellt hatten, entweder für den Geheimdienst zu arbeiten oder ins Gefängnis zu wandern. Er ist ein begabter Programmierer aus Jekaterinburg, der im Auftrag von Kunden Server knackte und Geld von Kreditkarten stahl.
Über Michajlows Vorleben ist nur soviel bekannt, dass er in Weißrussland geboren sein und Mitte der 90er Jahre die russische Staatsbürgerschaft erhalten haben soll. Von Dokumenten, die dies belegen, fehle allerdings jede Spur. Es scheint auch keine Zeugen wie Klassenkameraden, Freunde oder Verwandte zu geben, die ihn aus dieser Zeit kennen. Dies liefert Gerüchten Nahrung, dass Michajlow sich eine Legende zugelegt oder die Identität gewechselt hat, was im Agentenmilieu der Postsowjetära nicht unüblich sein soll. Dies führt aber zu dem Verdacht, dass Michajlow ein in den FSB eingeschleuster ausländischer Agent ist.
Was Ruslan Stojanow betrifft, leitete dieser vor seiner Arbeit bei
Kaspersky Lab beim FSB die Abteilung für die Aufdeckung von Cyberverbrechen. FSB und russische Polizei arbeiteten seit Jahren mit der IT-Firma zusammen. Auch Gründer und Firmenchef Jewgenij Kaspersky hat früher für den KGB gearbeitet.
Den drei Festgenommenen wird eine Verbindung zu einem russischen Hackernetzwerk unterstellt, das bislang im Verborgenen agierte. Eine Gruppe namens „Schaltaj Boltaj“ (russische Übersetzung für „Humpty Dumpty“, eine Figur aus Lewis Carrolls Buch „Alice hinter den Spiegeln“) sammelte unter Leitung des Ex-Journalisten Wladimir Anikejew (Deckname Lewis) kompromittierendes Material über hohe Politiker und Beamte, die er damit erpresste. Unter anderem hack-te er 2014 das E-Mail-Konto von Regierungschef Dmitrij Medwedjew. Nach seiner Verhaftung sagte Anikejew aus, Michajlow sei eine Zeitlang Schirmherr der Hackergruppe gewesen. Laut „Nowaja Gaseta“ gibt es eine Verbindung zwischen Michajlow und den amerikanischen Hackervorwürfen. Als FSB-Angehöriger hatte Michajlow gegen den russischen Geschäftsmann Pawel Wrubljewskij ermittelt, den Gründer des in den Niederlanden ansässigen Online-Bezahlsystems Chronopay. Diese Firma soll dem Unternehmen King Servers des Russen Wladimir Fomenko sechs Server vermietet haben. Über sie sollen die Attacken auf die amerikanischen Wahlsysteme erfolgt sein. Amerikanische Dienste ließen durchblicken, dass sie ihre Informationen über King Servers und Wrubljewskij von Michajlow erhalten haben.
Brian Krebs, Spezialist für Cyberkriminalität bei der „Washington Post“, bezeichnete Michajlow als Quelle, die ihm Tausende vertrauliche Dokumente über russische Internetkriminalität geliefert habe. Die Machenschaften Michajlows und Stojanows seien seit Jahren bekannt. Über eine eigene IT-Sicherheitsfirma namens „Indrik“ habe er enge Kontakte zu Kimberly Senz, einer amerikanischen Spezialistin für Cyberkriminalität, gehabt, die ihre Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geheimdienst nie verheimlichte.
Ein weiterer FSB-Mitarbeiter, Oleg Jerowikin, der kompromittierendes Material über Donald Trump an den Amerikaner Chris-topher Steele geliefert hatte, wurde von Kurzem in Moskau tot in seinem Auto aufgefunden.
Ob die Säuberungen innerhalb des FSB dazu dienen, US-Präsident Trump, der inzwischen behauptet, dass es Manipulationen aus Russland gegeben habe, zu beschwichtigen, indem einer Hackergruppe die Verantwortung zugeschoben wird, oder ob es sich – wie ebenfalls vermutet – um einen Verteilungskampf innerhalb der russischen Sicherheitsbehörden um Einfluss oder tatsächlich um einen Spionagekrimi mit US-amerikanischer Beteiligung handelt, bleibt zunächst im Dunkeln verborgen.
     Manuela Rosenthal-Kappi


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