Galerie der Schrumpfköpfe

Die 14. Kasseler documenta trumpft mit politischen Provokationen auf – Künstlerin setzt Sturmgewehre als Mittel der Kunst ein

02.08.17
Rauchkunst am Zwehrenturm: Daniel Knorrs „Expiration Movement“ Bild: Daniel Knorr, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Lage ist ernst. Aber das Publikum hat seinen Spaß: Die Kasseler Weltkunstausstellung documenta 14 will unsere traumatisierte Welt heilen.

Vom Zwehrenturm am Rande des Kasseler Friedrichsplatzes steigt Rauch auf. Hat dort der Schwarze Block gebrandschatzt? Oder gibt da jemand Rauchzeichen? Für den Qualm sorgen Rauchmaschinen, die Daniel Knorr auf das Dach des Turms ge­stellt hat. Er ist Teilnehmer der documenta, der weltweit am meisten beachteten Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Ihr Stammsitz ist Kassel.
Doch diesmal ist alles etwas anders: Adam Szymczyk, dem künstlerischen Leiter der documenta, ist Kassel als Schauplatz nicht genug. Und so hat er Athen zum gleichberechtigten Gastgeber der Weltkunstausstellung erhoben. Dort läuft die documenta bereits seit April. Auch darauf weist Knorrs Rauch hin: Er lässt ihn zu den Öffnungszeiten der Athener Schau aufsteigen. Aber der in Bukarest geborene Künstler verbindet mit seinem Werk eine noch weit bedeutungsvollere Botschaft: „Der Rauch kann auch ein Mahnmal für den Frieden sein. Es brennt um uns, und es brennt in unseren Herzen.“
Szymczyk und sein Kuratorenteam bieten Werke aus der Vergangenheit und eigens für die documenta hergestellte Arbeiten von über 160 Künstlern auf. Die zeigen Gemälde und Grafiken, Skulpturen, Installationen und Videos oder führen vor den Besuchern künstlerische Aktionen (Performances) auf. Die Werke sind auf 30 Spielstätten und im Außenraum verteilt.
Zentrum der Schau ist seit der 1955 gezeigten ersten documenta der älteste Museumsbau des europäischen Kontinents: das Fridericianum. Diesmal ist es dazu ausersehen, Athen seinen Tribut zu zollen. In seine Säle sind Teile der Sammlung des Nationalen Mu­seums für Zeitgenössische Kunst (EMST) eingezogen. Dafür ist der Stammsitz des EMST mo­mentan eine der zentralen Spielstätten der documenta in Athen.
Im Fridericianum zeigen die Athener einige Werke griechischer und internationaler Künstler aus den letzten 50 Jahren. Katerina Koskina, die Direktorin des EMST, benennt die gemeinsamen Anliegen ihres Museums und der documenta: Es geht „um die soziale Rolle der Kunst und ihre Fähigkeit vorzuführen, unsere traumatisierte Welt bloßzustellen, zu verwandeln und zu heilen“. Neben ihrem Wandtext be­findet sich ein schönes Beispiel für diesen Anspruch.
Die Skulptur des Atheners Andreas Angelidakis sieht aus wie ein riesiger Panzer ohne Kanonenrohr. Er ist aus Sitzmodulen unterschiedlicher Form und Größe zusammengebaut. Es ist offensichtlich, dass man den „Panzer“ verwandeln kann, indem man die Module anders arrangiert. Es kommt also immer darauf an, was man aus den Gegebenheiten macht.
Nicht alle Werke der documenta kommen so pointiert daher. Es gibt schier endlos erscheinende Fotoserien, Grafikfolgen und An­häufungen von Archivalien, deren Bedeutung sich erst bei geduldigem Studium erschließt. Zuweilen sind die den Werken beigegebenen Kommentare eine nur mangelhafte Verständnishilfe. Den üblichen gedruckten „Kurzführer“ gibt es nicht. Und das an seiner statt angebotene „Day­book“ stellt zwar die lebenden documenta-Teilnehmer vor, aber nur gelegentlich ihre in Kassel präsentierten Werke.
Bei der Wanderung durch die Spielstätten stechen einige Beiträge ins Auge. Die Neue Galerie zeigt die Gemälde „Anatomy Lesson 1–3“ des Inders K. G. Subramanyan, auf denen schmerzverzerrte Gesichter und verstümmelte Körper dargestellt sind. Der Künstler äußerte: „Man muss nicht in Anatomiesäle gehen, um zerstückelte Körper zu studieren. Man kann sie auf der Straße sehen. Straßen sind heute freie Spielfelder für wilde Männer auf der Pirsch, darauf aus, die Körper argloser Mitmenschen in die Luft zu sprengen.“
Einige Räume weiter zeigt der Peruaner Sergio Zevallos eine provokante Installation. Zu der ge­hören „Schrumpfköpfe“, die er bei künstlerischen Aufführungen herstellt. Deren Grundlage sind dreidimensionale Porträts führender Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Kultur – „menschenfressende Persönlichkeiten, deren Existenz der Auslöschung ei­nes weiten Spektrums der Menschlichkeit ge­widmet ist“. Eines der „Opfer“ ist Bun­desverteidigungsministerin Ursula von der Leyen.
Nicht zimperlich ist auch die aus Guatemala stammende Künstlerin Re­gina José Ga­lindo. Sie steht in einem Raum des Stadtmuseums, in den die Besucher durch vier Fenster schauen können. In jedes Fenster ist ein Modell des Sturmgewehrs G36 montiert. Das originale Sturmgewehr ist einer der weltweiten Exportschlager der deutschen Waffenindustrie. Mit den Gewehrmodellen können die Besucher auf die Künstlerin anlegen – und wer will, kann abdrücken. Aber nicht nur wie man sich als potenzieller „Täter“ fühlt, lässt sich erkunden. Man kann auch die Stelle der Künstlerin einnehmen und auf sich zielen lassen.
Dass sich Menschen auf der Flucht zuweilen genötigt sehen, in stillgelegten Abflussröhren zu campieren, hat den Iraker Hiwa K zu seiner vor der documenta-Halle erbauten Installation inspiriert. Er lud befreundete Künstler ein, die in mehreren Reihen aufgestapelten Steinzeugrohre wohnlich einzurichten. Das Kunstwerk wird trotz seines ernsten Hintergrundes vom scharenweise angezogenen Publikum mit Belustigung aufgenommen.
Das gilt ebenso für die vom Mexikaner Antonio Vega Macotela in der Karlsaue aufgestellte „Mühle des Blutes“. Ihr Vorbild sind Holzmaschinerien zur Silbergewinnung aus der frühen spanischen Kolonialzeit in Südamerika. Im Kreis laufende eingeborene Zwangsarbeiter schoben deren Antriebsstangen vor sich her. Offenbar will uns Macotela darauf hinweisen, dass die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen eine lange Tradition hat. Doch auf der documenta ist davon niemand ergriffen. Freiwillige vor: Die Kinder und Erwachsenen an den Antriebsstangen verstehen die „Mühle des Blutes“ als eine Art Fitness-Gerät, das beste Publikumsunterhaltung garantiert.     Veit-Mario Thiede

documenta 14: Bis 17. September an zahlreichen Spielstätten und im Außenraum von Kassel. Geöffnet täglich 10 bis 20 Uhr, Tageskarte 22 Euro, Abendkarte (gültig ab 17 Uhr) 10 Euro, Telefon (0561) 7072770, Infos im Internet: www.documenta14.de


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