Gegen die Heimat oder das Vaterland

Vor 75 Jahren schlossen Hitler und Mussolini das nach ihnen benannte Abkommen über die Option der Deutschen in Südtirol

21.10.14
In einem Auffanglager bei Kitzbühel: Südtiroler erhalten Fahrkarten für den Weitertransport

Für Tiroler im südlichen Teil des einstigen Habsburgerkronlandes ist hinsichtlich der historischen Erinnerungsdaten anno 2014 ein besonders schmerzlicher Jahrestag zu „bewältigen“: der 21. Oktober. Vor einem Dreivierteljahrhundert gab Adolf Hitler seinem faschistischen Pendant, Benito Mussolini, im sogenannten Hitler-Mussolini-Abkommen das Land unterm Dolomitenstock preis.

Mit dem damals zwischen Berlin und Rom in Kraft getretenen „Optionsabkommen“ sollte gewährleistet werden, was nach der Machtübernahme der Schwarzhemden in Italien 1922 zwischen Brenner und Salurner Klause trotz brutaler Entnationalisierungspolitik nicht erreicht worden war, nämlich die „ewige Italianità“ dieses Land­strichs. Für dessen Eroberung hatte die Irredentisten-Bewegung gemäß ihrer seit Mitte des 19. Jahrhunderts propagierten „Wasserscheiden-Theorie“ unablässig gefochten, und für dessen Einverleibung wechselte Italien 1915 die Seite, trat gegen den aus Deutschem Reich und Österreich-Ungarn bestehenden Zweibund in den Krieg ein und erhielt 1919 in Saint-Germain-en-Laye Südtirol als Beute.
Schon in einer seiner weniger bekannten Schriften aus der „Kampfzeit“ – „Die Südtiroler Frage und das Deutsche Bündnisproblem“ (München 1926) – hatte Hitler zu erkennen gegeben, dass er die Südtiroler als ein Hindernis auf dem Weg zur Annäherung an den späteren Achsenpartner betrachtete. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs im März 1938 zerstreute Hitler anlässlich seines Staatsbesuchs italienische Befürchtungen, nunmehr könnte eine Rückgliederung Südtirols bevorstehen, indem er am 7. Mai 1938 in Rom erklärte: „Es ist mein unerschütterlicher Wille und mein Vermächtnis an das deutsche Volk, dass es die von der Natur uns beiden aufgerichtete Alpengrenze immer als eine unantastbare ansieht.“ Diese Erklärung fand in dem am 22. Mai 1939 in Berlin im Beisein Hitlers von den Außenministern Joachim von Ribbentrop und Galeazzo Graf Ciano unterzeichneten „Stahlpakt“ ihre Bekräftigung. Und um die in diesem Abkommen genannte „ewige Grenze“ auch „volkstumspolitisch“ zu untermauern, handelten Ciano und Heinrich Himmler das Optionsabkommen aus.

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Es sah vor, dass sich Deutschsüdtiroler und Ladiner in der Provinz Alto Adige („Hochetsch“) sowie die Bewohner des zur Provinz Trient gehörenden Südtiroler Unterlandes, aber auch jene des bis 1918 zu Kärnten gehörenden Kanaltals – es erstreckt sich vom heutigen Grenzübergang Thörl-Maglern/Arnoldstein über Tarvis/Tarvisio bis Pontafel/Pontebba – sowie des Fersentals und der deutschen Sprachinseln im Trentino für Italien oder für das Deutsche Reich zu entscheiden hatten. „Optierten“ sie bis zum 31. Dezember 1939 für das Reich, so war damit die Aussiedlung verbunden. Entschieden sie sich für den Verbleib in der angestammten Heimat, so in der Gewissheit, keinen Schutz mehr für ihre Volksgruppe in Anspruch nehmen zu können.
Schon im Juni 1939 war der Inhalt des Abkommens bekannt geworden. Daraufhin traten Vertreter des (der Kirche nahestehenden) „Deutschen Verbandes“ (DV) wie Repräsentanten des (NS-nahen) „Völkischen Kampfrings Südtirols“ (VKS), die sich bei Kanonikus Michael Gamper im Marien-Internat zu Bozen getroffen hatten, einhellig dafür ein, geschlossen für den Verbleib in der Heimat zu stimmen. Am 1. August 1939 wurde im Verlautbarungsblatt der Staatsbahnen angekündigt, dass „in nächster Zeit Transporte von Personen und Gütern aus dem Hochetsch in südliche Provinzen abgehen“ sollten.

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Giuseppe Mastromattei, der römische Präfekt in Bozen, ließ über die Zeitschrift „Atesia Augusta“ verlauten, „wer immer Treue zu Italien und zu den Einrichtungen des Regimes bewiesen“ habe, dürfe bleiben. Da die meisten Südtiroler das faschistische Regime ablehnten, waren sie folglich von Deportation in südliche Provinzen bedroht. Hinzu kam, dass gemäß Arbeitsvermittlungsgesetz nur Italiener als Ersatz für entlassene Deutschsüdtiroler beschäftigt werden durften. Italienischen Privatbetrieben wurde die Beschäftigung von Südtirolern ebenso untersagt wie den Obstgenossenschaften die Beschäftigung deutschtiroler Saisonarbeiter. Höchste Repräsentanten des Faschismus gaben in öffentlichen Äußerungen zu verstehen, für Italien optierende Südtiroler könnten nach Sizilien umgesiedelt werden, wo das Regime gerade eine Landreform mit dem Ziel in Gang gesetzt hatte, 20000 neue Hofstellen zu schaffen.

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Vor dem Hintergrund dessen hatte sich der VKS direkt an Himmler gewandt. Dieser erklärte einer VKS-Abordnung anlässlich einer Begegnung am Tegernsee unverblümt, dass das Deutsche Reich die „Dableiber“, also die Optanten für Italien, ihrem Schicksal, mithin dem unabwendbaren nationalen Untergang, überlassen werde. Der VKS schwenkte daraufhin um und begann, mit reichsdeutscher Unterstützung, für eine möglichst geschlossene Option für Deutschland zu werben. Kanonikus Michael Gamper und sein Freundeskreis von DV und Andreas Hofer-Bund (AHB) waren hingegen überzeugt, dass man im Lande bleiben und auf eine Änderung der Verhältnisse hoffen müsse. Die emotionalen Auseinandersetzungen führten zu einer tiefgreifenden Spaltung der Bevölkerung, die durch die Dörfer und teilweise auch durch die Familien ging. Es kam zu gegenseitigen Vorwürfen des „Verrats“, wobei die Deutschland-Optanten als „Heimatverräter“ und die „Dableiber“ als „Volksverräter“ beschimpft wurden.
Von den 246036 Abstimmungsberechtigten optierten 211799 für die deutsche Staatsbürgerschaft und Aussiedeln, 34237 votierten für die Beibehaltung der italienischen und Bleiben. Wer ging, ließ alle unbewegliche Habe zurück. In der Folge wurden etwa 76000 der Optanten für das Reich ausgesiedelt. Ihre Behausungen und Höfe, über deren Wert hastig Kommissionen befanden, erhielten zumeist süditalienische Umsiedler – der ganze Landstrich sollte ja seinen „deutschen Charakter“ verlieren. Der Zweite Weltkrieg, an dessen Beginn vor 75 Jahren auch in diesem Zusammenhang zu erinnern ist, verhinderte indes die vollständige Ausführung der Umsiedlung der Optanten ins Reich oder in besetzte Gebiete, die 1941 völlig zum Erliegen kam. Von 1943 an wurde in der „Operationszone Alpenvorland“, zu der Südtirol mit der deutschen Besetzung Norditaliens gehörte, nachdem Mussolini 1943 vom Faschistischen Großrat abgesetzt worden war und in der „Republik von Salò“ als Satrap Hitlers „regierte“, nicht mehr nach „Optanten“ oder „Dableibern“ gefragt. Gestellungsbefehle an die Front erreichten Angehörige beider Lager.
Die Rückkehr der Deutschland-Optanten nach Kriegsende in ihre Heimat stieß auf enorme Schwierigkeiten. Es bedurfte trotz des zwischen dem italienischen Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi und dem österreichischen Außenminister Karl Gruber am 5. September 1946 zu Paris geschlossenen Abkommens über eine (dann bis 1972 von Rom faktisch ad absurdum geführte) Autonomie Südtirols, die auch die „Revision der Option“ zum Gegenstand hatte, zäher Verhandlungen, den zunächst Staatenlosen, überdies als „Nazis“ Gebrandmarkten, die italienische Staatsbürgerschaft wieder zuzuerkennen.
Die damals geschlagenen tiefen seelischen Wunden sind auf beiden Seiten erst nach vielen Jahren verheilt. Selbst der von Angehörigen beider Lager gegründeten Südtiroler Volkspartei (SVP), an deren Spitze nachmals für gut drei Jahrzehnte der Optant Silvius Magnago stand, fiel es nicht leicht, die Kluft allmählich zu überwinden. Es gebührt Kanonikus Gamper das Verdienst, durch sein leuchtendes Beispiel der Nächstenliebe und Toleranz die Südtiroler nach Kriegsende wieder zu einer handlungsfähigen Volksgruppe zusammengeführt zu haben.    Reiner Liesing


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Kommentare

Frank Grimm:
22.11.2014, 18:35 Uhr

Hitler hatte keine andere Wahl, als gute Mine zum bösen Spiel zu machen nachdem Süd-Tirol von Italien annektiert worden war. Italien war immerhin "Siegermacht" des 1.WK. und der einzige Verbündete Deutschlands, als die Versailler Schande zum größten Teil beseitigt werden konnte. Allerdings hat Hitler nie Zweifel daran gelassen, daß nach dem Krieg die Frage wieder auf den Tisch kommen wird. Das hätte auch Hitlers Naturell widersprochen. Dann hätte Italien allerdings gar keine andere Wahl gehabt als die Rückgabe. Als Operationszone Alpenvorland konnte Süd-Tirol jedoch schon laut Führererlaß vom 10. September 1943 mit Deutschland wiedervereinigt werden, nachdem die vorherigen deutschen Zusagen an Italien durch den italienischen Verrat endgültig obsolet geworden waren.


sitra achra:
14.11.2014, 14:57 Uhr

Dasselbe teuflische Spiel hat Hitler mit den Baltendeutschen getrieben, die auch zwangsumgesiedelt wurden.
Heimatrecht und Recht auf körperliche Unversehrtheit scheinen heutzutage keinen Wert
mehr zu haben. Unzählige Südtiroler, meist männlichen Geschlechts, sind von den fanatisierten Italienern nach Kriegsende in Gefängnissen erniedrigt, gefoltert und ermordet worden, und das obwohl Hitler den Italiern Südtirol zugesprochen hatte!
Aber egal, wer seinen fetten Arsch in Sicherheit hat, dem sind Südtirol und deutsche Identität Hekuba.


Jürgen Kunz:
7.11.2014, 19:21 Uhr

So ein Schwachsinn!
Deutschland hat keine Grenze zu Südtirol und soll sich "wiedervereinigen"?
Da empfehle ich vorher, die Österreicher abstimmen zu lassen.
Da wollen keine 20 % zu Deutschland.


Hans-Joachim Nehring:
27.10.2014, 19:33 Uhr

Südtirol ist Deutschland und Deutschland ist Südtirol.
Mussolini und Adolf Hitler spielen dabei gar keine Rolle. Einer Italiener, der andere Österreicher, für Deutschland beide ein echtes Übel. Es wird Zeit, Südtirol mit Deutschland zu vereinigen. Deutschland kann sich dem Willen der Südtiroler nicht länger verweigern.


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